Harold-Pinter-Inszenierung: Warten auf den Abtransport

Köln. Endlose Inszenierungen, viel laute Musik und hin und wieder eine geniale Szene oder ein geniales Bild: Jürgen Kruse inszeniert Harold Pinters Frühwerk „Die Geburtstagsfeier” am Schauspiel Köln.

Wer eine Regiearbeit von Jürgen Kruse besucht, der weiß, worauf er sich einlässt: Inszenierungen, die zu keinem Ende finden wollen, Akteure, die sich mehr die Zeit vertreiben als dass sie spielen würden, viel laute Musik aus des Meisters Sammlung. Und hin und wieder eine geniale Szene, ein geniales Bild, die einen beglückt herausreißen aus der Kruseschen Séance, aus der persönlichen Lethargie.

Dass Jürgen Kruse immer noch für Überraschungen gut ist, das beweist der einstige Bochumer Hausregisseur jetzt am Schauspiel Köln. Zu Harold Pinters bizarrem Theater der existenziellen Ängste und menschlicher Verlorenheit hatte der Theatermacher schon immer eine besondere Beziehung. Was sich in seiner Inszenierung des Frühwerks „Die Geburtstagsfeier” (1957) manifestiert: Ganz dem Text ergeben feilt er da liebevoll an jeder Szene, jedem Auftritt. Dass sich die Aufführung dabei über drei Stunden dehnt, spürt man fast nicht – noch jeder Stille wohnt hier Spannung inne, noch jedem Solo die vitale Lust an der Improvisation.

Möwengeschrei, Wellenklatschen, Schiffssignalen

Natürlich fällt Kruse gleich wieder mit lauter Musik ins Haus. Dann aber scheint die Szene hauptsächlich orchestriert von Möwengeschrei, Wellenklatschen, Schiffssignalen und dem girrenden Lachen zweier, nun ja, Meerjungfrauen. Wir befinden uns in einer kurios möblierten Pension an Englands Küste, geführt von einem alten Ehepaar (Albert Kitzl, Helga Uthmann), das seit einem Jahr nur einen Gast beherbergt. Stanley (Lucas Gregorowicz) ist ein verkrachter Pianist, weltscheu geworden. Die Angst in ihm ist deutlich spürbar, es ist, als warte er auf die Erfüllung eines dunklen Schicksals.

Als die beiden sonderbaren Gangstergestalten Goldberg (Michael Weber) und McCann (Jan-Peter Kampwirth) auftauchen, scheint die Stunde gekommen. Die beiden organisieren die Feier zu einem Geburtstag, den Stanley gar nicht hat, singen, tanzen, spielen Blindekuh – und schleppen ihr Opfer am nächsten Morgen aus dem Haus. Man frage nicht nach dem Warum, man schaue nur auf Stanley: Aus dem ranzigen Bohemien ist ein geschniegelter Herr im Anzug geworden, der sich allerdings nicht mehr artikulieren kann. Außer Röcheln und Krächzen bringt er nichts mehr hervor.

Ins Herz der Finsternis vordringen

Wo Pinter allem undurchsichtigen Geschehen sein Geheimnis lässt, ohne Antworten zu geben, da versucht Kruse nun behutsam ins Herz der Finsternis vorzudringen. Goldberg und McCann haben bei ihm offenbar einen neuen Menschen geformt, fremdbestimmt und angepasst, ohne Chance zur verbalen Rebellion. Und wenn die Party am Ende weitergeht, dann besitzt diese Krusesche Eigenart diesmal eine geradezu gespenstische Dimension.

Das exquisite Ensemble, das der Regisseur um sich versammelt hat, hat großen Anteil an der Magie des Abends. Helga Uthmann, Urgestein des Dortmunder Theaters, verleiht ihrer Meg den kantigen Charme eines späten Mädchens. Albert Kitzl liefert mit seiner leisen, einsilbigen Art den idealen Kontrast dazu. Michael Weber, als Goldberg erst sehr spät als Vertretung in die Proben eingestiegen, ist nun mit seiner gefährlich jovialen Art so etwas wie das Zentrum des Ganzen. Und Lucas Gregorowicz hat man lange nicht mehr so präsent und ausdrucksstark gesehen wie hier. Kruse kann tatsächlich noch motivieren.

Termine: 16., 17., 18. Juni. Karten: 0221 / 221-28400

 
 

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