Anzeige

Haldern Pop: Magie mit Thees Uhlmann und Glen Hansard

Begeisterung mit Plüschtieren, aufblasbaren Gitarren, Luftballons und Seifenblasen: In Haldern wird friedlich gefeiert.
Foto: FUNKE Foto Services
Die 7500 Zuschauer des Festivals am Niederrhein wissen, dass beim Spektakel am Niederrhein die Chance auf besondere Momente höher ist als anderswo
Anzeige

Andere mögen Pokémons suchen, hier suchen 7500 Menschen magische Momente: Haldern Pop schafft es häufiger als andere Festivals, die richtigen Künstler am richtigen Ort zur richtigen Zeit mit dem Publikum in der richtigen Stimmung zu verbinden, sodass aus Musik Magie wird. Doch das lässt sich nicht erzwingen. Eine Prise Fortune, muss schon hinzukommen. So wie 2013, als Glen Hansard eine Zuschauerin auf die Bühne bat und mit ihr „Falling Slowly“ intonierte – Gänsehaut und Rührungstränen, Magie.

Das Bewährte stets mit Neuem mischen

2016 spielt Glen Hansard das Lied an, die Zuschauer ermahnen sich zur Ruhe – Hansards Popmusik ist zumeist Pubmusik im besten irischen Sinne. Auch Carina Buhlert singt wieder. Doch kommt die Gänsehaut wegen der Erinnerung oder aus dem Moment? Jubel und Begeisterung jedenfalls schlagen Hansard wieder entgegen, der mit Sicherheit einen der Höhepunkte der drei Festivaltage liefert. Indes: Der Zauber des Zufalls spielt dieses Mal nicht mit.

In der Festivalzeitung schreiben die Macher von Haldern: Wenn man zu lange im eigenen Saft gärt wird aus Hefe und Zucker (oder Stärke) Essig statt berauschendem Alkohol. Das Rezept folglich: Jedes Jahr frische Zutaten, das Bewährte mit dem Neuen mischen.

Das machen beispielsweise „Wintergatan“ aus Schweden: Ein wenig wirkt es so, als seien da junge Menschen ins Musikalienzimmer der Großeltern gestolpert, sie machen nun Instrumentalmusik mit herrlich analog-digitalen Mischungen, Retro-Pop gewissermaßen. Zum Beispiel mit dem berührungslos gespielten Theremin, das diese Raumschiff-Orion-Klänge macht, mit Olivetti-Schreibmaschine, Xylofon und Spieluhr. Das kann sogar von der großen Bühne aus überzeugen.

Das Neue kann aber auch althergebracht sein: Hubert von Goisern beispielsweise spielt seine Haldern-Premiere, als habe er schon immer hierher gehört. Volksmusik mit weltmusikalischem Anspruch, tief gegründet im Blues. Das passt. Denn Haldern Pop ist immer auch die Suche des ländlichen Raums nach sich selbst. Wo Kuh sein näher liegt als cool sein, muss Heimatstolz eine eigene Sprache finden, einladend, nicht ausgrenzend. Wie in der Musik, wo jeder „Stoansteirisch“ spricht, so wie der Goisern.

Mindestens eine Generation jünger ist Drangsal, der vielleicht noch ein wenig zu verkopfte Waverocker Max Albin Gruber aus der Pfalz, der aus Neuer Deutscher Welle und New Wave sein musikalisches Universum der Provinz zaubert.

„Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“

Kein Wunder, dass dies auch Thees Ullmann gelingt. Der Mann mit dem vielleicht größten gemeinsamen Nenner: eingängiger Rock wie von Springsteen und Texte übers Kleinstadtleben wie es viele kennen dürften. Er lässt den Songtexten Taten folgen: Die Bläsergruppe Horny Horns aus Haldern bereichern drei Songs, darunter „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Ob Elbe, Weser, Oder, Rhein: Wer je an einem Fluss gelebt hat, versteht die Magie dieses Moments.

So wie die Horny Horns beweisen, dass Provinz nicht provinziell sein muss, öffnet Haldern Pop immer wieder Räume für neue Klänge und neues Publikum. Wer mit den 33 Jahren Festival mitgewachsen ist, wählt statt des Modders des alten Reitplatzes vielleicht eher die Kirche und lauscht Melanie de Biasio, die für ihre raunende, zärtliche Musik auf die Knie geht. Dort wo die Gemeinde der Musikgläubigen mit dem Stammorchester Stargaze David Bowies Major Tom singend zum Leben erweckt.

Connor Youngblood wünscht man mehr Mut zum Weglassen

Wie immer bei vier Dutzend Auftritten bleibt die Frage, welchem Star man bei der Geburt zugesehen hat. Vielleicht Connor Youngblood, der im Tonstudio Keusgen spielte und dem man wünscht, sich weniger auf seine multiinstrumentale Begabung als auf seine Ausstrahlung zu verlassen.

Die hat Izzy Bizu, die zwischen von Goisern und Uhlmann im Spiegelzelt zu Unrecht ein bisschen unterging. Vielleicht hätte sie mit Julia Holter Ort und Bühne tauschen sollen. Die Singer-Songwriterin hätte einen intimeren Rahmen brauchen können. Bei Walking on Cars hingegen, denen die große Bühne zutraut, funktionierte auch im Spiegelzelt die Magie.

So wird jeder der Zuhörer seine magischen Momente mitgenommen haben. Momente, die in Herz und Hirn bleiben und Vertrauen schaffen. So, dass Menschen für Haldern Karten kaufen, noch ehe die Künstler feststehen. Sie vertrauen dem Zauber. Zurecht.

Anzeige
Do, 16.08.2018, 15.38 Uhr

Richter Dirk Rauschenberg erklärt den juristischen Hintergrund zur Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes Münster.