Groß im Erzählen, im Streiten und Genießen

Als Günter Grass vor drei Jahren „mit letzter Tinte“ sein langes Gedicht „Was gesagt werden muss“ schrieb, war das eine eher unlyrische Polemik gegen die Atommacht Israel – und ein Aufbäumen. Grass war der letzte bundesdeutsche Schriftsteller, der auch nach der Wende von 1989 unbeirrt mit aller Macht des Wortes als politisch-moralische Instanz auftrat.

Doch diese Rolle hatte er eigentlich schon 2006 verwirkt, mit seinem 60 Jahre zu späten Eingeständnis, in den letzten Kriegsmonaten in der Waffen-SS gewesen zu sein. In seinem autobiografischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ hieß es beinahe beiläufig: „Mein nächster Marschbefehl machte deutlich, wo der Rekrut meines Namens auf einem Truppenübungsplatz der Waffen-SS zum Panzerschützen ausgebildet werden sollte“. Weniger das Faktum selbst beschädigte den viel geschmähten, aber bis dahin allseits anerkannten politischen Streiter Grass als vielmehr die Tatsache, dass er ein halbes Jahrhundert darüber geschwiegen hatte. Ausgerechnet in der Rolle, in der sich Grass am liebsten sah, hatte niemand anders ihn demontiert als er selbst.

Steinmetz-Lehre und „munterschwarze Fabeln“

Er wollte schon immer Künstler werden, mit 13 hatte er einen Roman unter dem Titel „Die Kaschuben“ begonnen. Die Romane und Erzählungen, die vom Kolorit seiner Danziger Heimat geprägt waren, wo er im Oktober 1927 als Sohn einer Kolonialwarenhändler-Familie zur Welt kam, blieben bis zum Schluss das Beste, was Grass geschrieben hatte, „Katz und Maus“ (1961) etwa, das bis heute Schullektüre ist, oder die „Hundejahre“ (1963). Vor allem aber die „Blechtrommel“, jener Geniestreich von Roman, mit dem der Steinmetz und Grafiker Grass, der auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof und an der Akademie gelernt hatte, 1959 auf einen Schlag weltweit bekannt wurde. Ein Roman, der Schluss machte mit der nüchternen Diktion und der Kahlschlag-Ästhetik der Nachkriegsliteratur, der den Faden der expressionistischen und avancierten Literatur eines Alfred Döblin wieder aufnahm, der mit der Nazizeit abgerissen war – kurzum: Weltliteratur, ein Jahrhundertroman.

Die Geschichte von Oskar Matzerath, der mit drei Jahren sein Wachstum einstellt und sich in Danzig und anderswo durch Krieg und Nazi-Herrschaft hindurchmogelt und der mit seinem klaren Blick für die Ungeheuerlichkeiten seiner Zeit zwangsläufig in der Irrenanstalt landet, war es am Ende auch, die ihm 1999 den letzten Literaturnobelpreis des 20. Jahrhunderts einbrachte. Er habe „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet“, hieß es in der Begründung der Jury.

Grass, der nach seiner Zeit in Düsseldorf (wo er in der Altstadt als Waschbrett-Jazzer auftrat) in Berlin und Paris lebte und wie nur wenige deutsche Autoren Weltläufigkeit entwickelte, war vielleicht im Ausland noch mehr eine Instanz als in der alten Bundesrepublik. Wie kaum ein anderer verstand er es, sich die Aura der Unfehlbarkeit, die den Dichtern und Denkern durch ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus abhanden gekommen war, wieder als Dienstkleidung anzulegen, in deren Taschen die Wahrheit steckte.

In diesem Gewand hat sich Grass allerdings fast sechs Jahrzehnte lang um die Demokratie im Lande verdient gemacht, streitbar, manchmal auch verletzend: „Demokratie ist kein fester Besitz“, mahnte er noch 2007. Es war der beeindruckende Beweis dafür, dass einer Lehren gezogen hatte aus Verfehlungen der Vergangenheit. Wer weiß, ob das Engagement des Demokraten Grass so energisch ausgefallen wäre, hätte es nicht das Wissen um die eigene Fehlbarkeit gegeben.

Immer wieder nahm der „lebenslustige Pessimist“, wie er sich nannte, an Wahlkampf-Veranstaltungen und -Tourneen teil, bis hin zu denen des Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Doch das Engagement für Willy Brandt, dessen Ostpolitik er vehement unterstützte, sollte sein erfolgreichstes bleiben.

Der überzeugende, authentischeRiss im Denkmal des Dichters

Ein Opfer dieser gern gespielten Rolle war mitunter der Literat Grass, abzulesen an Werken wie dem Weltuntergangsszenario „Die Rättin“ (1986), in dem mehr Sendungsbewusstsein steckt als einem Roman guttut. Gravierender noch im Falle seines literarischen Kommentars zur Nachwende-Zeit „Ein weites Feld“ (1995), bei dem Grass offenbar meinte, als erster literarischer Diener seines Landes sei er verpflichtet, den ersehnten Roman der deutschen Einheit zu schreiben. Mit der Figur „Fonty“ hatte Grass auf unfreiwillig komische Weise Fontane als literarischen Maßstab installiert und im gleichen Moment unterlaufen. Es standen manch wahre Sätze in dem Roman, aber erzählerisch war er gänzlich misslungen – jede Kritik daran war für Grass indes ein politisches Manöver.

Sein „Butt“-Roman, mit dem der Vater von sechs Kindern 1977 aus dem politischen Tagesgeschäft in die Literatur zurückkehrte, dröselt die schwierige Lage zwischen Mann und Frau in Zeiten der Emanzipation auf und traf den Zeitgeist, ebenso wie „Das Treffen in Telgte“ (1979), bei dem es um Macht und Ohnmacht der Literatur vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis ins 20. Jahrhundert ging. Und noch einmal schwang sich Grass 2002 zum Erzähler alter Stärke auf, als er in der Novelle „Im Krebsgang“ den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs schilderte, weniger als dramatisches denn als historisches Ereignis, das von seinen Wurzeln im Nationalsozialismus nicht loszulösen ist.

Günter Grass, der gestern in einem Lübecker Krankenhaus ei­ner Infektion erlag, war nicht nur Kapitalismuskritiker und Selbstvermarkter in Personalunion, er ist zeitlebens auch ein Vollblut- und Rundum-Künstler geblieben. Und wer sah, mit welchem Schwung der 72-jährige Grass 1999 übers Parkett fegte, nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte, der sah, dass die Lebenslust, die schiere Vitalität dieses Vaters von sechs Kindern ein Teil seiner Kunst war, genau wie das Kochen. Wenn er nicht auf seine alte Olivetti-Schreibmaschine einhämmerte (für die er Kisten voller Schreibbänder gehortet hatte), zeichnete oder gravierte der Grafiker Grass – wenn nicht gerade der Bildhauer, der auch bei Otto Pankok in die Lehre gegangen war, sich wieder einmal durchsetzte.

Seine wahre Größe aber könnte darin liegen, dass er sich vor fast einem Jahrzehnt selbst vom Sockel herunterholte und nicht wartete, bis einer seiner Biografen nach seinem Ableben auf die ganze Wahrheit stoßen würde. Dabei wird es für ihn immer schwieriger geworden sein, die ganze Wahrheit auszusprechen, zumal die Symbolkraft der SS-Buchstaben alles überstrahlt hätte, was Grass an jugendlicher Verblendung durch den Nationalsozialismus bis dahin in aller Offenheit eingeräumt hatte. Gerade der überzeugende, ja authentische Riss, den Grass am Ende selbst in das Denkmal getrieben hat, das er schon war, könnte bedeuten, dass er zu einer Figur für die Ewigkeit geworden ist.

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