Grelle Jelinek-Inszenierung in Bochum

„Die Schutzbefohlenen / Appendix / Coda / Epilog auf dem Boden“ von Elfriede Jelinek
„Die Schutzbefohlenen / Appendix / Coda / Epilog auf dem Boden“ von Elfriede Jelinek
Foto: Diana Küster
Eine Suada der Ratlosigkeit prasselt fast drei Stunden auf die Zuschauer ein: Hermann Schmidt-Rahmer zeigt mit Elfriede Jelinek ein Flüchtlingselend, das zur Unterhaltungsshow verkommt.

Bochum.  Im Schauspielhaus gab es mit „Die Schutzbefohlenen/Appendix/Coda/Epilog auf dem Boden“ eine (Teil)-Uraufführung, die das allgegenwärtige Thema „Flüchtlinge“ aufgreift; Text Elfriede Jelinek, Regie Hermann Schmidt-Rahmer. Als Suada der Ratlosigkeit prasseln Schockeffekte, Zynismus, Wahnsinn und Methode fast drei Stunden auf die Zuschauer ein. Am Ende geht man aus der Vorstellung mit dem Gefühl, den Kopf in einen Tornado gehalten zu haben.

Diesem verstörenden Abend ist schwer beizukommen. Vielleicht ist er nur zu knacken, wenn man ihn aus der medialen Perspektive wahrnimmt, die Jelinek selbst als ihre Bezugszone zum Flüchtlingselend ausgemacht hat, und die sie extrem kritisch sieht. Wie die meisten von uns, kennt sie das „Problem“ nur aus dem TV; ihre Ängste und Unsicherheiten breitet sie sprachgewaltig als amorphe Textfläche aus.

Am Anfang haben die sieben Schauspieler – Sprechautomaten in grotesken Rokokokostümen – 3D-Brillen auf, und der Zuschauer sieht, was sie darin sehen, auf Großbildschirmen mit. Ein Mensch im Wasser, ums Überleben kämpfend. Das Boot ist voll, das rettende Ufer weit. Dann flammt das Licht auf, und wir finden uns in einer TV-Gameshow wieder, „Refugees Contest“, Helene Fischer singt, der österreichische Außenminister gibt den Showmaster. Wer gewinnt einen Asylplatz in Europa? Alles ist überdreht, vulgär, zynisch: Privatfernsehen live in den Bochumer Kammerspielen. Uns bequemen Couch-Potatoes wird unsere rastlos-ratlose Haltung vorgehalten. Man kann ja einfach weiterzappen, wenn es zu wild wird. Oder den Theatersaal verlassen. Niemand hier muss ertrinken, im Gegensatz zu den Tausenden im Mittelmeer. So what?

Vielleicht hat der Abend den ei­nen Sinn, dass er wieder und wieder erklärt, dass es keine gültigen Erklärungen, auch keinen Trost gibt. Das ist aber gleichzeitig seine Schwäche: als theatralisches Multitasking wird das zur Geduldsprobe.

 
 

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