Gisela! - Henzes Oper für das Ruhrgebiet

Gudrun Norbisrath
Steven Sloane, Hans Werner Henze und Michael Kerstan während der Pressekonferenzur Uraufführung des Musiktheaterstücks  „Gisela oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“. Foto: Franz Meinert / WAZ FotoPool
Steven Sloane, Hans Werner Henze und Michael Kerstan während der Pressekonferenzur Uraufführung des Musiktheaterstücks „Gisela oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“. Foto: Franz Meinert / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Gladbeck. Die Ruhrtriennale zeigt am Samstag in Gladbeck die Uraufführung von Hans Werner Henzes jüngstem Musiktheaterstück „Gisela!“. Mit dem Komponisten sprach Gudrun Norbisrath.

Sehr klein, sehr zerbrechlich sitzt er tief im Sessel seines Hotelzimmers. „Entschuldigen Sie, dass ich nicht aufstehe“, sagt er und lässt sich die schmale Hand drücken, die freundlich ist und glatt; ein Stock stützt die Linke. Still schaut er zu, wie ich mir einen Stuhl heranrücke, nickt liebenswürdig: Ja, natürlich darf ich mein Tonbandgerät benutzen. Plötzlich beugt er sich besorgt vor, fragt: Ob ich das jetzt die ganze Zeit in der Hand halten müsse? Ich sage, dass es mich nicht anstrengt; da lehnt er sich beruhigt zurück. Und wir fangen an.

Herr Henze, Sie haben eine Oper geschrieben für das Ruhrgebiet. Ist es auch eine Oper über das Ruhrgebiet?

Hans Werner Henze: Nein.

Nein? Es ist ... ein Stück über die Liebe.

Es geht um den Konflikt Nord - Süd, Gisela kommt aus Oberhausen und verliebt sich in einen jungen Neapolitaner, sie vertritt ... das Deutsche.

Henze, der in Italien lebt, lächelt. Er nimmt einen Schluck Bräunliches. Apfelsaft. Oder Whisky-Schorle.

Sie will ihn mitnehmen nach Hause, er zweifelt, dass er willkommen sei und sie sagt, du wirst sehen, die Leute sind lieb und herzlich. Aber es stellt sich heraus, dass das nicht der Fall ist. Und dann entstehen große Traurigkeiten und sie müssen die Stadt verlassen.

Oh - gibt’s kein Happy End?

Doch, aber nicht ungetrübt, denn Gisela hat einen Verehrer, Hanspeter Schluckebier.

Da muss Henze kichern: Die gibt es wirklich, die Schlucke­biers! Kennen Sie auch welche?

Hanspeter also glaubt, dass er Landsmann ist genügt, um von dem Mädchen geliebt zu werden. Dass das nicht der Fall ist, regt ihn furchtbar auf.

Hanspeter ist ein Spießer.

Woher wissen Sie das?

Es steht im Libretto.

Ach ja.

Und Oberhausen?

Ist ein Gleichnis. Aber ... es gibt Leute aus dem Kulturland Rhein-Ruhr, die sind sehr lieb, sehr tüchtig, sehr intelligent. Und nicht affektiert.

Henze ist nicht der Mann, eine Region zu brüskieren.

Sie sind ein explizit politischer Künstler. Ist „Gisela“ denn ein sozialkritisches Stück?

Nö.

Warum nicht? Haben Sie sich von dieser Art Kunst verabschiedet?

Nein, die Thematik hat es nicht zugelassen. Und es ist doch wichtig für einen Künstler, eine Entwicklung zu haben. Keine Wiederholung.

Frühere Werke Henzes waren politische Bekenntnisse - davon jetzt kein Wort. Er schüttelt sacht den Kopf.

Im Augenblick habe ich gar keine kompositorischen Pläne. Weil ich mich sehr angestrengt habe, um Gisela rechtzeitig fertig zu kriegen. Und nun ... langt es wirklich.

Meint er das ernst?

Wie waren denn die Proben?

Sie übertreffen meine Er-wartungen! Das sind alles junge Leute um die 20, und es ist wunderbar, ganz toll. Es ist sehr viel zu singen, der Chor macht das alles auswendig, sogar den Schluss, den ich erst vor 14 Tagen abgeliefert habe.

Er schweigt lange. Nippt. Wird plötzlich lebhaft.

Ich habe eine Oper für Kinder geschrieben, in Montepulciano, Pollicino. Vor 30 Jahren. Die Triennale wollte ein Pollicino für Erwachsene; Willy Decker hat damals Regie ge-führt. Es war eine Schar von Kindern unter zehn, keiner kannte Noten; damals habe ich immer gedacht, wie es war, als ich in dem Alter war, wie ich Musik empfunden habe, was Musik für mich getan hat. Was sie mir angetan hat.

Ich zögere; frage dann doch:

Was geschieht mit Menschen, wenn sie musizieren?

Es rührt sich etwas. In der Seele. Es gibt den Menschen die Möglichkeit, in sich selbst hinein zu schauen. Er sieht mich an wie von sehr weit her. Denke ich mir.

Und ist das auch so, wenn man Musik hört?

Da wird die Stimme fest und froh. Man sollte es meinen. Wenn Musik ertönt, die je-mand noch nie gehört hat, und er hält inne und hört zu, wird ihm vielleicht etwas gesagt, was ihn betrifft.

Ich gehe. Warum habe ich Hans Werner Henze nicht gefragt, ob er noch in der KPI ist? Darum ging es nicht. An der Tür habe ich das Bedürfnis, mich umzuwenden und ihm einen Gruß zu winken, er winkt zurück. Sehr freundlich. Sehr sanft. Sehr zerbrechlich. Irgendwie sehr entschlossen.

Die Infos zur Aufführung von „Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“