Gewalt? Darüber müssen wir reden!

Stephan Hermsen

Essen.  Nein, „Clockwork Orange“, so wie es am Sonntagabend erstmals auf die Bühne des Grillo-Theaters kam, ist weder die Bühnenfassung des Burgess-Buches noch die Nacherzählung des noch berühmteren Kubrick-Films. „Clockwork Orange“ ist nicht einmal ein richtiges Schauspiel. Es wird nicht getollschockt, es wird geredet.

Die Bühnenfassung von Hermann Schmidt-Rahmer entfernt sich weit von dem mehr als 50 Jahre alten Roman, um sich des eigentlichen Themas umso mehr anzunehmen: Wie entsteht Gewalt? Wie geht eine Gesellschaft mit Gewalttätern um und wo zum Teufel bleibt die Moral?

Moral ist nur einBindungshormon

Für Paul J. Zak ist das alles ganz einfach: Moral ist Oxytocin, das Bindungshormon, das beim Kuscheln, beim Sex, beim Tanzen, beim Stillen ausgeschüttet wird und gewissermaßen die Bindungskräfte in der Gesellschaft schafft. Paul Zak gibt es auch in der realen wissenschaftlichen Welt, auf der Bühne wird sein Vortrag fast wortgetreu inszeniert und synchronisiert.

Und erst dann kommt Alex, der moralfreie Bösewicht, der dreifach geklont um die Häuser zieht und die anständigen Bürger nicht nur ausraubt, sondern vor allem Freude am sadistischen Quälen hat. Die drei Alex’ sind abwechselnd Hooligan, Dschihadist, Drogenkranker, Machetenkiller und kaltes Kind.

Originalpassagen aus dem Buch werden rezitiert und so wird das brutale Treiben immer wieder von moderierenden Wissenschaftlern unterbrochen, die feinsinnig den Unterschied zwischen funktioneller und expressiver Gewalt erläutern, während im Hintergrund Grausamkeiten ablaufen, die niemand stoppt. Selbst dann nicht, wenn die Täter nach der Gesellschaft schreien, die doch hier bitte mal Einhalt gebieten müsse.

Gewalt wird heute anders gestoppt als durch die Gegengewalt von Polizei und Justiz. Gewalt wird – das ist auch schon bei Burgess angelegt – schlicht geheilt: Wir blicken in den Operationssaal, wo Alex einfach ein Hirnschrittmacher implantiert wird und sein Moral- und Vernunftempfinden wieder auf ein gesellschaftliches Normalmaß hochjustiert werden. Die Euphorie des Machbaren und die Definition testosterongesteuerter Aggression als „Mangel-Moral-Syndrom“ toben sich in dieser schönen neuen Welt aus.

Spannende Lektionen also, mit denen der Zuschauer da konfrontiert wird. Lektionen allerdings, die über zwei Stunden vielKonzentration und Geduld fordern. Gewalt wird an diesem Abend nicht zur Schau gestellt, sondern es wird darüber reflektiert. Das schafft viel Sicherheitsabstand fürs Publikum. Manchmal driftet das Geschehen ab in eine ambitionierte Multimedia-Lesung, in der die Laborkulisse oft zur Projektionsfläche wird und wo medizinischer Fortschritt einen falschen Frieden schafft, in dem auch die Willensfreiheit stirbt.