Gerd Ruebenstrunk und die Kraft der Unruhe

Duisburg. Gerd Ruebenstrunk schrieb für Firmen und Komödianten. Doch Erfüllung findet er in seinem neuen Leben - in dem des Buchautors. Dem einstigen Lohnschreiber aus dem revier ist ein fantastisches Jugendbuch gelungen.

Der Vater hieß Hans, die Mutter Gerda. „Da war klar, dass der Erstgeborene Hans-Gerd hieß.” Seinen Namen mag er nicht, den Hans lässt er mittlerweile weg. Und auch das „ü” in seinem Nachnamen ist dem international und im Internet verständlichen „ue” gewichen: Gerd Ruebenstrunk, in Gelsenkirchen geboren, kreuz und quer unterwegs gewesen, auf Mallorca eine Auszeit genommen, im Ruhrgebiet, in Duisburg angekommen. Oder ist er doch noch auf der Durchreise?

Gerade hat das Leben des 57-Jährigen eine neue Wendung genommen: Er kann sich nun endlich Autor nennen. Denn obwohl er immer geschrieben hat, hält Ruebenstrunk erst jetzt seinen ersten Roman in der Hand: „Arthur und die vergessenen Bücher”. Ein spannendes Abenteuer für Menschen ab zehn, über die Magie der Bücher.

Bücher faszinieren Ruebenstrunk seit jeher: Mit 17 hat er den ersten Krimi geschrieben. 50 Seiten, dann brach er ab. Seitdem fielen ihm neue Szenen ein, er schrieb einen Anfang, das Ende, „doch was zwischen Seite 50 und Seite 250 liegt, ist echte Knochenarbeit”. Also erfand er lieber eine neue Geschichte. Oder reiste durch die Welt, demonstrierte gegen Atomenergie, schrieb Liedtexte für Wiglaf Droste.

Disziplin heißt die Lösung

Neues wagen, das Bedürfnis durchzieht das Leben des Freiberuflers. Er nennt es selbstkritisch „fehlende Beharrlichkeit”. Ruebenstrunk entwickelte Werbung für Hersteller von Autos, Tütensuppen, Weizenbier, gestaltete die Internetseite des Marktbeherrschers für Nussnugatcreme, heckte Streiche für die „Versteckte Kamera” und Sketche für „Wie bitte?” aus, legte dem Komödianten Atze Schröder Wörter in den Mund . . .

Dieses Bild vom ruhelosen Menschen will so gar nicht zu dem Mann passen, der sich nun in der Sonne zurücklehnt mit einem echten Lächeln im Gesicht, und Latte macchiato, das Gespräch und seinen Garten genießt. Sein Körper mag ruhig wirken, gesteht Ruebenstrunk, „im Kopf bin ich noch immer rastlos”.

Fünf Bücher liest er gleichzeitig, acht Exposees liegen bei Verlagen. Es fällt ihm so schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Früher noch mehr als heute. Da brach er das Studium der Psychologie an der Uni Bielefeld ab, um Geld zu verdienen, für die noch kleine Familie. So erklärte er sich das damals. Heute weiß der Vater und Großvater, er hätte sich gar nicht auf die Diplomarbeit konzentrieren können. Erst Jahre später schloss er das Studium ab, nachdem ihm ein Arzt Aufputschmittel verschrieben hatte. „Die bewirken bei Menschen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom das Gegenteil. Danach schrieb ich die Arbeit, fühlte mich ruhig, konnte zuhören, ohne gedanklich abzuschweifen.” Ruebenstrunk bekam eine andere Persönlichkeit. Aber wollte er so sein, wollte er sein Leben lang Tabletten nehmen? Nein, das musste auch anders gehen.

Disziplin heißt seine Lösung. Die hat er sich während seiner einjährigen Auszeit auf Mallorca verordnet. „Dieses Mal hörst du nicht auf, dieses Mal schreibst du zu Ende.” Morgens sagt er sich, dass abends 15 Seiten verfasst sind. „Und dann klappt das auch.” So ist er zurückgekommen zu dem, was er als Jugendlicher wollte, aber da noch nicht konnte: nicht nur Brotberufe auszuüben, sondern auch Bücher zu schreiben. Durch Disziplin – und einen Satz, der ihn beruhigt: „Was ich nicht in diesem Leben schaffe, mache ich im nächsten.”

Die Spur führt nach Amsterdam

Schon wieder ein Buch über Bücher. Will da jemand an den Erfolg anderer Titel anknüpfen? Der Schatten des Windes, Die unendliche Geschichte, Tintenherz . . . Doch „Arthur und die vergessenen Bücher” ist keine Kopie, es ist etwas eigenes, das sich nicht in eine Schublade schieben lässt. Ruebenstrunk erzählt ein Abenteuer nicht nur für Kinder, dabei zeigt er Spannendes in der Realität und verbindet es mit einem Hauch Fantasie.

Arthur arbeitet in den Ferien bei einem Buchhändler, der ein Geheimnis hütet: Das der vergessenen Bücher, die seinem Besitzer eine unendliche Macht verleihen. Eines der Exemplare taucht in den Niederlanden auf, das Buch der Antworten. Doch bevor die unberechenbare Madame Slivitsky diesen Schatz findet, schickt der Buchhändler lieber den 14-Jährigen und seine Enkelin Larissa auf die Suche. „Ein Buch zu suchen, das war eine Sache”, konstatiert Arthur nach einer rasanten Verfolgungsjagd. „Sein ganzes Leben zu opfern – das war etwas ganz anderes. Etwas, zu dem ich nicht bereit war.”

Fragen bleiben offen

Die Spur führt sie nach Amsterdam, dessen Atmosphäre Ruebenstrunk wunderbar eingefangen hat, mit einer einfachen, doch gewählten Sprache. So wird seine Geschichte zum Reisebericht. Die Gassen und Grachten sieht man fast vor sich.

Dort müssen Arthur und Larissa viele Rätsel lösen, dabei helfen nicht nur Bibliotheken, sondern auch das Internet. Ruebenstrunk vermittelt, dass das Buch das Besondere ist, das Internet das Alltägliche in der Welt der Jugendlichen.

Arthurs Geschichte ist abgeschlossen. Doch Fragen bleiben offen. Das soll sich bei dieser Trilogie nicht ändern, sagt Ruebenstrunk, der gerade den zweiten Teil schreibt für den Sommer 2010. „Einige Fragen müssen offen bleiben, wie im richtigen Leben”, sagt Ruebenstrunk. „Wer alle Fragen beantwortet, nimmt der Geschichte das Geheimnis.” (mar)

Gerd Ruebenstrunk: Arthur und die vergessenen Bücher, Ars-Edition, 380 Seiten, 16,95 Euro

 
 

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