Frequenz-Verkauf mit teuren Folgen

Im Musical geht nichts mehr ohne Drahtlos-Mikrofone. Hier eine Szene aus der Hagener Jekyll & Hyde Inszenierung mit Henrik Wagner.
Im Musical geht nichts mehr ohne Drahtlos-Mikrofone. Hier eine Szene aus der Hagener Jekyll & Hyde Inszenierung mit Henrik Wagner.
Foto: wp
Die Profi- und Amateur-Theater sowie die Kirchen in Deutschland protestieren gegen die Folgen der Versteigerung der Mobilfunk-Frequenzen durch die Bundesregierung.

Hagen. Der Pastor predigt, die Gemeinde hört Wellen-Salat. Der Sänger singt, Tante Anna brabbelt dazwischen: Die Profi- und Amateur-Theater sowie die Kirchen in Deutschland protestieren gegen die Folgen der Versteigerung der Mobilfunk-Frequenzen durch die Bundesregierung. Zwei Fragen sind offen: die Entschädigung für nicht mehr funktionierende Drahtlosmikrofone und der Zeitpunkt, ab dem mit Störungen zu rechnen ist.

Mikrofone funktionieren in der Regel. Deshalb haben die Betroffenen es so schwer, sich Gehör zu verschaffen, weil sich keiner vorstellen kann, was passiert, wenn sie versagen. Der Verkauf der Mobilfunkfrequenzen im Bereich von 790 bis 862 Megahertz durch die Bundesnetzagentur für den drahtlosen Internetzugang hat allerdings dramatische Konsequenzen für die bisherigen Nutzer dieser Spektren. Das sind Theater, Kirchen, Gemeindezentren, Sportvereine, Schulen, Freilichtbühnen und Veranstalter von Festen. Es geht um Physik. Diese Kanäle sind unverträglich zum Mobilfunk.

Mit dem Verkauf dieser sogenannten Kulturfrequenzen hat die Bundesregierung rund 4,4 Milliarden Euro eingenommen. Die bisherigen Nutzer sollen 124 Millionen Euro Entschädigung enthalten. „Wir haben untersucht, wie viele Mikrofone und drahtlose Produktionsmittel es allein in Deutschland gibt: Es sind 630 000 bis 650 000. Die Umrüstungskosten betragen ungefähr 1,2 Milliarden Euro. Das sind die Kosten, die unbestritten tatsächlich entstehen“, verdeutlicht Helmut Bauer vom Verband APWPT, der Association of Professional Wireless Production Technology, der die Interessen der Nutzer und Hersteller vertritt.

Unzureichende Entschädigung

Nicht nur diese Summe macht klar, dass die geplanten Entschädigungen völlig unzureichend sind. Dazu kommt eine Handhabung, die den Betroffenen nichts übrig lässt. „Die Richtlinien, um diese Mittel abzurufen, sind so restriktiv, dass vermutlich keine zwei Millionen Euro abgerufen werden“, so Bauer. „Das ist eine Sauerei: Der Bund streicht ein, die Betroffenen kriegen nichts ab.“

Besonders pikant ist an der Diskussion, dass die meisten Drahtlosanlagen der öffentlichen Hand gehören oder öffentlich gefördert werden. Kommerzielle Nutzer können zumindest 30 Prozent beim Kauf einer neuen Anlage steuerlich absetzen. Die Kirchen, Theater und Vereine können das nicht.

Zum Beispiel das Theater Hagen. Rund 300 000 Euro würde es kosten, die vorhandenen Drahtlosanlagen zu ersetzen, rechnet Intendant Norbert Hilchenbach vor. Geld, das die vom städtischen Sparzwang regierte Bühne in keinem Fall hat. „Wenn der Mobilfunk den Betrieb aufnimmt, sind wir dran“, so Hilchenbach. „Das Blöde ist, dass man im Dunkeln tappt. Wir wissen, dass diese Frequenzen in Betrieb genommen werden, aber wir wissen nicht, was passiert und wann es passiert.“ Für die Theater und die anderen Betroffenen sei dies eine ungute Situation, so Hilchenbach: „Das ist eine Verschleppung seitens der Bundesregierung.“

Die Mikroports werden von den Theatern und Kirchen sehr lange genutzt, im Prinzip so lange, bis sie kaputtgehen. Das steht einer Entschädigung verquererweise im Weg. „Der Bund sagt, diese Anlagen sind abgeschrieben, da erstatten wir keine Kosten“, so Bauer.

Von heute auf morgen können also die Funkmikros in den Kirchen und Theatern nutzlos werden. Es steht zwar fest, dass die Mobilfunkunternehmen die neuen Frequenzen noch in diesem Jahr einsetzen werden, um etwa das Land mit schnellem Internet zu versorgen. Aber es gibt keine Vereinbarungen, den Zeitplan der anderen Seite mitzuteilen. „Unser Verband wird im Internet ein Programm veröffentlichen, auf dem man nachschauen kann, ob man betroffen ist. Das Problem ist: Wir dürfen diese Daten nur unseren Mitgliedern zugänglich machen. Hier wäre es Aufgabe der Bundesnetzagentur, zu informieren“, erläutert Bauer.

Kein Wunder, dass inzwischen nicht nur der Bund Deutscher Amateurtheater und der Deutsche Bühnenverein vehement gegen die Richtlinien protestieren. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland sorgt sich um die Konsequenzen. Viele Bundesländer, darunter NRW, fordern ebenfalls eine angemessene Entschädigung der Betroffenen durch den Bund.

Während Helmut Bauer nun versucht, die EU-Kommission für das Thema zu sensibilisieren, droht bereits weiteres Ungemach. Auf Anregung von Finnland soll die Dividende 2 kommen. Demnach sollen auch die Frequenzen unterhalb von 790 Megahertz für den Mobilfunk freigegeben werden.

Das sind genau jene Kanäle, auf die Kirchen und Kulturveranstalter ausweichen müssen. Das heißt: Auch neu gekaufte Mikroport-Anlagen können in sechs bis sieben Jahren bereits wieder völlig wertlos sein.

 
 

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