Frau Freitag zeigt, wie aus kreativen Blogs erfolgreiche Buchprojekte werden

Wer erfolgreich bloggt, zeigt damit öffentlich sein Schreibtalent. Für Verlage eine interessante Kostprobe.
Wer erfolgreich bloggt, zeigt damit öffentlich sein Schreibtalent. Für Verlage eine interessante Kostprobe.
Foto: Thinkstock
Erst kommt das Blog, dann wird ein Buch draus. Nach diesem Prinzip gibt es auf dem deutschen Buchmarkt inzwischen eine ganze Reihe von Titeln. Für Verlage auf der Suche nach Autoren lohnt es sich, Blogger im Blick zu haben. Schließlich sind Blogs Arbeitsproben, die schon am Markt getestet wurden.

Essen.. Frau Freitag hat ja jetzt ihr zweites Buch fertig. Sie ist Lehrerin, heißt in echt ganz anders, und bloggt über ihr Lehrerleben. Lakonisch, mit Liebe fürs Absurde und einer guten Mischung aus Pragmatismus und Interesse an ihren Schülern. Das erste Buch hieß "Chill mal, Frau Freitag", Band zwei "Voll streng, Frau Freitag".

"Früher dachte ich: Wie schaffen Leute das bloß, ein Buch zu schreiben", erzählt Frau Freitag am Telefon. Dann sei ihr aufgefallen, dass sie durch fast tägliches Bloggen bald selbst genug Material zusammen hatte. Ab Mai 2009 habe sie gebloggt, ein Jahr später habe es die ersten Anfragen von Agenten und Verlagen gegeben.

Nicht jeder Blog-Text schafft es auch ins Buch

Nicht jeder gebloggte Text wird letztlich auch gedruckt, das sei schon beim ersten Band so gewesen: "Ich habe aus den Blogtexten eine Vorauswahl getroffen - und um manche Texte dann auch mit meiner Lektorin gekämpft." Ihr Material hätte gut noch für 200 weitere Buchseiten gereicht, schätzt die Lehrerin.

Ein Blog, aus dem ein Buch, vielleicht sogar mehrere werden - allein ist Frau Freitag damit nicht. "90 Nächte, 90 Betten", "Marmelade im Zonenrandgebiet", "In High Heels um die Welt" oder "Nudeldicke Deern" - nur einige Buchtitel, die aus dem Netz entstanden. Aus Twitter-Accounts werden Fernsehserien, aus dem britischen Blog Alrighttit soll nach einem Buch nun ein TV-Format werden. Ein Trend also?

Blogwelt als Fundgrube "für Verlagsleute, die keine Fantasie haben"

"Ich sehe das nicht als Trend, das ist ganz selbstverständlich" sagt Christian von Zittwitz, Chefredakteur der Zeitschrift "Buchmarkt". "Die Blogwelt ist kreativ, das ist eine kostenlose Fundgrube für Verlagsleute, die keine Fantasie haben." Auch von Zittwitz, der als @CVZ1 twittert, sind im Netz schon Seiten begegnet, aus denen ein Buch hätte werden können. Schließlich bekämen Lektoren bei Bloggern oft eine umfassende Kostprobe und können früh abschätzen, ob sich ein Kontakt lohnt.

"Als Lektor ist man dankbar, wenn man wen findet, der schreiben kann", sagt von Zittwitz trocken. Bloggerin Frau Freitag sieht das ähnlich: "Die sehen genau, was sie kriegen. So ein Blog ist doch besser als ein Exposé, wo drin steht, naja, ich möchte ein lustiges Buch über Schüler schreiben - und keiner weiß, ob ich das kann oder durchziehe." Täglich 4000 bis 5000 Leser hat ihr Blog derzeit; das erste Buch, das daraus entstand, schaffte laut Verlag Verkaufszahlen im "guten sechsstelligen Bereich"

Sind Bücher reflektierter, zeitloser als Blogs?

Dass Literatur-Experte von Zittwitz Bücher, die aus Blogs entstehen, dennoch nicht für einen Trend hält, begründet er damit, dass auch Blogs letztlich nichts Neues seien. Schon vor Jahrzehnten habe es schließlich Zeitungskolumnisten gegeben, die ihre Texte als Bücher zweitverwerteten - und von der Kolumne zum Blog sei es nicht weit. "Reifen", nennt von Zittwitz den Prozess, in dem aus einem Blog ein Buch wird, spricht von Trends, die das Netz schnell erkennt - und die dann per Buch "haltbar gemacht" werden.

Ähnlich klingt es bei Christine Neder. In "90 Tage, 90 Nächte" schreibt sie darüber, wie sie als Couchsurferin jede Nacht in einer anderen Berliner Wohnung übernachtet. Auf dem Weg vom Blog zum Buch habe sie sich mehr Reflexion gegönnt; mehr Zeit, "die jeweilige Nacht bei meinem Gastgeber noch mal Revue passieren zu lassen. Ich habe auch hinterfragt, wie es mir dabei ging." Der Abstand, so Neder, habe ihren Blick auf das Geschehene verändert.

"Lange Sachen lese ich nicht gerne auf dem Bildschirm"

Das Blog also als flüchtiges Projekt, das Buch als zeitlose Version? Frau Freitag kann den Grundgedanken, der darin steckt, nachvollziehen. "Vom Hals bis zu den Füßen" seien sich ihre Blog- und Buchtexte sehr ähnlich, Unterschiede gebe es vor allem bei den Einstiegen - etwa, weil die Lektorin zu Überleitungen riet, oder weil Bezüge auf Tagesaktuelles auf dem Weg vom Blog zum Buch rausredigiert wurden.

Und was ist nun lesenswerter, Blog oder Buch? Frau Freitag lässt sich nicht festnageln. "Lange Sachen lese ich auch nicht gerne auf dem Bildschirm" - einerseits. Andererseits biete das Blog beim Schreiben viele Freiheiten, in Themen und in Ausdrucksweise. Ein Patt also. Lehrer bemühen sich ja auch, keine Lieblingsschüler zu haben.

 
 

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