Wie viele „Tatort“-Kommissare braucht Deutschland?

Angelika Wölke Jürgen Overkott
Die ARD flutet das Land mit „Tatort“-Kommissariaten. Immer mehr Regionen haben ihr eigenes Morddezernat. Mit Christian Ulmen und Nora Tschirner schickt der MDR ein neues Tatort-Duo ins Rennen. Doch je mehr Schauplätze die Krimi-Reihe bespielt, desto schwerer sind sie zu unterscheiden.

Weimar. Der „Tatort“ ist eine Erfolgsgeschichte. Bis zu zwölf Millionen Zuschauer sind dabei, wenn an den 17 „Tatort“-Orten zwischen Kiel und Konstanz die Ermittler ausschwärmen. Doch langsam wird es unübersichtlich. Seit 2010 wurden von der ARD neun neue Ermittler eingeführt, inzwischen folgen neue Teams fast im Wochentakt.

Frei nach dem Motto „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ will der NDR 2013 gleich zwei Hamburger Teams ins Rennen schicken. Til Schweiger wird als Kommissar einen Event-„Tatort“ – was immer das heißt – abliefern. Wotan Wilke Möhring steht an der Spitze des Zweit-„Tatorts“ aus der Hansestadt. Damit nicht genug. Devid Striesow nimmt in Saarbrücken seine Arbeit als TV-Fahnder auf. In Erfurt ermittelt bald ein Trio um Alina Levshin („Im Angesicht des Verbrechens“), und obendrein soll noch das Duo Christian Ulmen und Nora Tschirner in Weimar Bösewichte dingfest machen.

Ach ja, der Bayerische Rundfunk will sein Angebot ebenfalls ausweiten. Franken soll sein eigenes Kommissariat erhalten, in Nürnberg. Details sollen bald folgen. Der MDR sieht Aufholbedarf im Osten des Landes

Schon längst ist die ARD vom ursprünglichen Konzept abgewichen, dass der „Tatort“ lediglich die Vielfalt der Bundesländer spiegelt. Große Anstalten wie WDR, SWR und NDR nutzen den Krimi-Klassiker, um unterschiedliche regionale Mentalitäten zu bedienen. Der MDR sieht offenbar Aufholbedarf im Osten des Landes.

In Kürze wird es insgesamt 23 „Tatorte“ geben. „Tatort“-Republik-Deutschland.

Wie, bitte, unterscheiden sich die Computer-Experten in Kiel und Stuttgart?

Für die Zuschauer wird es immer schwerer, die Eigenheiten der einzelnen Teams zu erkennen. Wie, bitte, unterscheiden sich die Computer-Expertinnen der „Tatorte“ in Kiel und Stuttgart? Eben.

Und noch eines: Trotz der steigenden Zahl der dargestellten Regionen zeigen die Krimis keineswegs mehr regionale Besonderheiten. Im Gegenteil: Die Regisseure beschränken sich allzu oft darauf, die Region, wie kürzlich in Dortmund, bestenfalls abzufilmen.

So bleibt denn unterm Strich kaum mehr als der Quoten-Faktor Prominenz. Ob aber Schauspieler wie Til Schweiger mittelfristig genug Strahlkraft haben, das Publikum zu fesseln, gilt als zweifelhaft.

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