Tod durch Menschenbiss? – Der Bremer „Tatort“ im Faktencheck

Das sind 5 spannende "Tatort"-Fakten

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Im Bremer „Tatort“ sterben Frauen an Menschenbissen. Ist das realistisch? Und gibt es wirklich Menschen, die kein Licht vertragen?

Berlin.  Der „Tatort“ war keine fünf Minuten alt, da zuckte man schon zum ersten Mal zusammen. Und das, obwohl es nur die Mikrowelle war, die mit einem schrillen „Ping“ zum Stillstand kam.

Regisseur Philip Koch, gerade von Netflix mit der post-apokalyptischen Saga „Tribes of Europa“ betraut, ließ gleich zu Beginn keine Zweifel aufkommen: Der vorletzte Fall der Bremer Kommissare war kein normaler „Tatort“.

Grusel-„Tatort“ passend zu Halloween

Kurz vor Halloween durften sich die Zuschauer gruseln. Das gelang mit klassischen Elementen wie dem Spiel aus Licht und Dunkelheit, einer generell düsteren Bildsprache, bedrohlich-grollender Musik und Schauspielern, die an die Grenzen gingen.

Dabei schien jedoch stets klar zu sein: Mit einem Vampir hatte man es hier nicht zu tun. Auch wenn die zerfetzten und ausgesaugten Kehlen der Opfer etwas anderes suggerierten.

Täterin glaubte, sie sei ein Vampir

Statt ins Übernatürliche abzudriften, lieferte der „Tatort“ eine weltliche Erklärung. Täterin Nora Harding (Lilith Stangenberg) litt seit ihrer Kindheit an einer schweren Krankheit: Sie konnte Sonnenlicht nicht vertragen.

Um ihr das Leben leichter zu machen, nannte ihre Mutter sie „meinen kleinen Vampir“. Das Problem: Nora glaubte das irgendwann tatsächlich – und biss Menschen im Glauben, sie könne so unsterblich werden.

Doch wie realistisch ist diese Erklärung für die Morde? Können Menschen tatsächlich so stark zubeißen, dass andere verbluten? Gibt es die Lichtkrankheit wirklich? Und wenn ja: Wie glaubhaft ist es, sich deswegen selbst für einen Vampir zu halten? Ein Faktencheck.

Kann man durch Menschenbisse sterben?

Ja, aber nicht so, wie im „Tatort“ dargestellt, sagt Professor Dr. Karin Rothe vom Berliner Universitätsklinikum Charité. Zusammen mit Kollegen aus der Rechtsmedizin, Chirurgie und Mikrobiologie hat sie über die Folgen von Tier- und Menschenbissverletzungen geforscht und die Erkenntnisse im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlicht.

Demnach kommt es in 20 bis 25 Prozent der Verletzungen durch Menschenbisse zu einer Infektion, die mitunter lebensgefährlich sein. Bei Hundebissen beträgt die Rate 5 bis 25 Prozent, bei Katzen 30 bis 50 Prozent.

Die Gefahr einer Infektion steige mit der Tiefe der Wunde, sagt Rothe. Aber auch wenn Gewebe stark zerstört werde, die Wunde verschmutzt sei sowie bei Wunden an Händen, Füßen, im Gesicht, an den Genitalien und im Bereich der Knochen, Gelenke und Sehnen.

Um einen Erwachsenen direkt durch einen Biss in den Hals zu töten, reiche das menschliche Gebiss allerdings nicht aus, sagt die Medizinerin. „Da muss man schon zufällig die Schlagader verletzen“, sagte Rothe unserer Redaktion. Denkbar sei es hingegen bei Säuglingen: „Da kann man sich das schon vorstellen.“

In Deutschland ereignen sich jährlich etwa 30.000 bis 50.000 Bissverletzungen, der Großteil verursacht von Hunden und Katzen. In Städten können Menschenbisse 20 Prozent der Bissverletzungen ausmachen. „Das geschieht dann aber vor allem im Einvernehmen bei sexueller Erregung – viel häufiger als bei Straftaten“, so Rothe.

Was ist die Lichtkrankheit?

Die erythropoetische Protoporphyrie (EPP), wie es korrekt heißt, ist ein seltener angeborener Stoffwechseldefekt. Hauptsymptom ist eine Unverträglichkeit gegenüber Licht.

„Betroffene bekommen unter Umständen schon nach kurzem Aufenthalt (5 bis 10 Minuten) an der Sonne starke bis extreme Schmerzen, meist begleitet von Jucken und Brennen“, schreibt der Verein „Selbsthilfe EPP“ auf seiner Website. Aber auch künstliche Lichtquellen könnten die Symptome auslösen.

Ein Gendefekt führt dazu, dass ein bestimmtes Enzym – die Ferrochelatase – nicht in ausreichender Menge hergestellt wird. Das Enzym ist aber wichtig, damit sich roter Blutfarbstoff bildet. Es fügt der Trägersubstanz Protoporphyrin ein Eisenatom bei. So entsteht das rote Pigment des Blutes.

Fehlt nun aber das Enzym, wird nicht nur zu wenig roter Blutfarbstoff gebildet. Problematischer ist, dass das Protoporphyrin nicht verbraucht wird und sich im Körper anreichert. Das ist schlecht, weil es sichtbares Licht aufnimmt und als Energie wieder abgibt – zum Beispiel an den Sauerstoff im Körper. Der „wird dadurch zu etwas Ähnlichem wie freie Radikale und schädigt das Gewebe massiv“, so die „Selbsthilfe EPP“.

Zudem gibt es Auswirkungen auf das Immunsystem und innere Organe. Da der Auslöser sichtbares Licht ist, hauptsächlich der blaue Anteil, sind Maßnahmen zum Schutz vor der für den Menschen unsichtbaren UV-Strahlung wirkungslos.

Eine andere Lichtkrankheit ist die sehr seltene sogenannte Mondscheinkrankheit. Wer an Xeroderma pigmentosum leidet, muss vor jeglicher UV-Strahlung abgeschirmt werden, weil sich die Haut der Betroffenen nach Schäden nicht regenerieren kann. Patienten erkranken oft schon vor dem zehnten Lebensjahr an Hautkrebs.

Welche Folgen hat die Krankheit für die Psyche?

Laut „Selbsthilfe EPP“ hat die Lichtkrankheit keinen besonderen Einfluss auf die Psyche. Eine EPP sei „genauso psychisch überlagert wie ein gebrochenes Bein“. Geschichten von Betroffenen zeichnen hingegen ein anderes Bild.

„In unserer Selbsthilfegruppe hören wir immer wieder von Depressionen und Suizidabsichten“, sagte Jasmin Barman der „Frankfurter Rundschau“. Auch Lisa Brock berichtet im „Focus“ von der Notwendigkeit von Antidepressiva. Verletzende Reaktionen von Mitmenschen führten zudem dazu, dass sie sich lieber abschotte.

Ein Leben in Isolation und Dunkelheit führte auch Hannelore Kohl. Die Frau des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl litt allerdings nicht an EPP, sondern an einer erworbenen Lichtallergie. Ab Mai 2000 verließ sie das tagsüber abgedunkelte Haus nur noch nach Sonnenuntergang. Am 5. Juli 2001 nahm sie sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben.

Dass die Lichtkrankheit, wie im „Tatort“ erzählt, zu Wahnvorstellungen führt, dürfte allerdings ein Extremfall sein. Völlig an den Haaren herbeigezogen scheint es jedoch nicht, kennt die Medizin doch den induzierten Wahn, bei dem enge Angehörige Wahnideen von Betroffenen übernehmen.

Kinder sind demnach besonders gefährdet, da sie bis zum älteren Schulalter ihre Einschätzungen der Realität von den Eltern übernehmen. Das sei umso wahrscheinlicher, wenn sie von sozialer Isolation betroffen sind und ihre Umwelt als feindlich oder bedrohlich wahrnehmen – so wie die Mörderin im „Tatort“.

 
 

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