TNT-Serie "Weinberg" ist "Twin Peaks" auf Rheinisch

Inmitten des mystischen Idylls des Ahrtals erwacht ein Mann (Friedrich Mücke) desorientiert und ohne Erinnerungen auf einem Weinberg. Über ihm hängt eine tote Frau in den Reben.
Inmitten des mystischen Idylls des Ahrtals erwacht ein Mann (Friedrich Mücke) desorientiert und ohne Erinnerungen auf einem Weinberg. Über ihm hängt eine tote Frau in den Reben.
Foto: TNT Series
Der Bezahlkanal TNT hat mit „Add A Friend“ gezeigt, dass er deutsche Serie kann. Jetzt legt er mit TV-Düsternis gekonnt nach.

Köln. Deutschlands Medienhauptstadt ist Köln. Der WDR, größte ARD-Anstalt, und die RTL-Gruppe sitzen in der Stadt. Kein Wunder, dass dort alljährlich ein TV-Festival mit neuen, aufregenden Produktionen aus dem In- und Ausland stattfindet: die „Cologne Conference“. In diesem Jahr findet die Sause zum 25. Mal statt. Ein Höhepunkt der Veranstaltung wird am Mittwoch vor ausverkauftem Haus gezeigt: die Serie „Weinberg“.

Das deutsche Fernsehen hat längst die Provinz entdeckt. Was dabei herauskommt, schwankt allerdings meist zwischen schmerzensgeldpflichtig und langweilig berechenbar. Inzwischen haben etliche TV-Entscheider eingesehen, dass eine ländliche Kulisse mehr bieten muss als Postkarten-Idylle.

Durchs Ahrtal wabert sanfter Grusel

Die Eifel-Krimis „Mord mit Aussicht“ nehmen komödiantisch Reibungen zwischen Tradition und Moderne aufs Korn. Die neue WDR-Serie „Meuchelbeck“ setzt einen drauf. Sie enttarnt dunkle Familiengeheimnisse am Niederrhein. „Weinberg“ geht noch weiter: Die Ahrtal-Serie kultiviert brillant sanften Grusel – die rheinische Antwort auf „Twin Peaks“.

Tatsächlich sieht das Publikum gleich mit der ersten Einstellung schwarz. Dann lichtet sich die Düsternis etwas. Fahle Sonne funzelt aus grauem Gewölk, in den Senken dampfen Nebelschwaden.

Die Atmosphäre nimmt die von Jan Martin Scharf entwickelte Handlung auf. Ein Wanderer (Friedrich Mücke) wacht verletzt in einem Weinberg auf. Obendrein fehlt ihm die Erinnerung. Der Mann ohne Namen entdeckt zu seinem Schrecken, dass neben ihm eine junge Frau tot in einem Rebstock hängt.

Sex mit der Frau des Wirtes

Er schleppt sich zur nächstgelegenen Dorfkneipe. Was der Verletzte dort sieht, sorgt für mehr Verwirrung als für mehr Klarheit. Streit zwischen Wirt (Arved Birnbaum) und einem Gästepaar liegt in der Luft. Der Wirt wiederum gibt sich dem Wandersmann gegenüber als Alleskönner. Er ist Kneipier, Polizist und Sanitäter in einer Person; später stellt sich heraus, dass er auch der Bürgermeister des Ortes mit dem programmatischen Namen Kaltenzell ist. Überdies spielt er dem Namenlosen gegenüber den Wohltäter: Der Fremde darf gratis in einem Gästezimmer nächtigen. Dort drängt ihm eine fremde Frau leidenschaftlichen Sex auf. Sie stellt sich am nächsten Morgen als Frau des Wirtes heraus.

Damit nicht genug: Der junge Mann entdeckt nur wenig später die vermeintliche Tote putzmunter wieder – die örtliche Weinkönigin, in vollem Ornat, ist gerade dabei, das Elternhaus zu verlassen.

Beklemmende Düsternis in Hochglanz-Optik

Die Serie bietet viel Personal auf, um das Publikum auf der Suche nach der richtigen Lösung auf viele falsche Spuren zu führen. Es geht um Geld und Macht, Liebe und Triebe, Frömmelei und Glauben. Eine ganz wichtige Rolle spielt Wahrnehmungspsychologie. Was ist wirklich, was Wahn? Wie vermischen sich die Ebenen? Dem namenlosen Helden soll eine Psychologin (Gudrun Landgrebe) helfen.

Drehbuchautor Jan Martin Scharf, der neben Till Franzen Regie führt, setzt konsequent auf beklemmend düstere Bilder in hochglänzender Kino-Optik.

Der Bezahlkanal TNT Serie weiß, dass er genau das bieten muss, um der Konkurrenz der frei empfangbaren Sender voraus zu sein. Das kostet Geld. Einen Teil der Kosten übernahm die Filmstiftung NRW. Aus doppeltem Grund: Die Serie ist innovativ. Zudem feiert sie den Schauplatz NRW.

Im Fernsehen startet „Weinberg“ am Dienstag, 6. Oktober, 21.10 Uhr. Die meisten Haushalte können TNT Serie empfangen – im digitalen Kabelnetz von Unitymedia oder über Sky.

 
 

EURE FAVORITEN