Gewalt auf der Straße - Kioskbesitzer bei „Maischberger“: „Es ist krasser als zu den härtesten Heroin-Zeiten“

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Ist der Staat zu lasch? Bei „Maischberger“ im Ersten ging es hoch her. Ein Kölner Kiosk-Besitzer beschrieb, wie er sich zu helfen weiß.

Berlin.  Mit Statistik ist es so eine Sache. Es mag ja sein, dass es sehr unwahrscheinlich ist, in Deutschland Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Und trotzdem ist die Angst davor real. Diese Sorgen muss man natürlich ernst nehmen. Ja, was auch sonst? Aber immerhin: Zumindest diese Phrase konnten alle Gäste von Sandra Maischberger am Mittwochabend in der ARD unterschreiben. Das war’s dann aber mit der Einigkeit.

Schon der Titel der Sendung („Angst auf der Straße: Muss der Staat härter durchgreifen?“) ließ erahnen, dass es auch im TV-Studio etwas ruppiger zugehen könnte. Mit Philipp Amthor (25) hatte Maischberger den zweitjüngsten Bundestagsabgeordneten eingeladen. Und der Innenpolitiker nutzte den Auftritt gleich mal, um das eigene konservative Profil zu schärfen.

Bei Maischberger ging es um Emotionen

Egal, ob bei Zuwanderung, Abschiebungen, Drogenkriminalität oder Clan-Strukturen: Amthor sprach sich für eine Null-Toleranz-Strategie und einen starken Staat aus. Unterstützung erhielt er von Bodo Pfalzgraf, einem Polizeigewerkschafter aus Berlin. Wenn Pfalzgraf sich zu Wort meldete, ging es vor allem um Emotionen, weniger um Fakten. „Statistik und Zahlenjonglieren ist Realitätsverweigerung“, behauptete er allen Ernstes. Er habe jedenfalls den Eindruck, dass sich das Normenverhalten in der Gesellschaft geändert habe. „Und das lässt sich in Statistiken schwer abbilden“.

Auch CDU-Jungpolitiker Philipp Amthor meinte, dass es die Summe der vermeintlichen Einzelfälle sei, die den Menschen Angst mache. Hat sein Parteikollege Jens Spahn also recht? Der neue Gesundheitsminister hat mit der These von der staatlichen Handlungsunfähigkeit die hitzige Debatte erst ausgelöst.

Und zumindest die Zahlen, die Sandra Maischberger in der Sendung präsentierte, scheinen Spahn, aber auch Bodo Pfalzgraf zu bestätigen. So gaben 13 Prozent der Frauen in einer Umfrage an, immer Reizgas bei sich zu tragen, 62 Prozent meiden bestimmte Orte, etwa Parks in der Dunkelheit.

Wie Angst das Empfinden prägt

Man kann es aber auch anders sehen. Und eine interessante Erklärung lieferte der Kriminologe Thomas Feltes, den Maischbergers Redaktion als Gegenpart zu den Lautsprechern in der Sendung eingeladen hatte. Es habe in den letzten in den letzten zehn Jahren in der Gesellschaft Verwerfungen gegeben, Globalisierung, Flüchtlinge, die Digitalisierung. Kriminalität, so Feltes, sei der Bereich, an den die Menschen ihre Ängste andocken. Sie sei quasi eine Projektionsfläche für die eigenen Sorgen.

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Das klingt akademisch-verkopft, doch auch der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) sprach davon, dass das Gefühl der Angst prägend sei für die Gesellschaft. „Aber Freiheit ist immer mit Risiko verbunden“, sagte Baum. Der Liberale sprach sich dafür aus, Polizei und Justiz personell zu stärken – ohne Bürgerrechte in Frage zu stellen. Ihn störe es, dass so wenig von rechtsextremer Gewalt gesprochen werde. Oder davon, dass die meisten Gewaltdelikte in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Kiosk-Besitzer berichtet von Alltag

Deutlich mehr nach Stammtisch klangen dagegen die Thesen der deutsch-iranischen Unternehmerin Emitis Pohl (CDU), die behauptete, in Deutschland gebe es No-go-Areas, also Viertel, in die sich die Polizei nicht hinein traue.

Auch Hayko Migirdicyan, der am kriminalitätsbelasteten Kölner Ebertplatz einen Kiosk betreibt, neigte zu drastischen Worten: Er brauche kein Reizgas, er habe zwei Fäuste. Die Situation vor Ort, so seine Analyse, werde immer schlimmer. Wenn die U-Bahn erst in zehn Minuten fahre, komme es vor, dass Fahrgäste solange bei ihm auf den Zug warten. „Es ist krasser als zu den härtesten Heroin-Zeiten“, sagte er.

Die Polizisten täten ihm am meisten leid: „Da wird ein Katz-und-Maus-Spiel veranstaltet. Die Dealer, die morgens verhaftet werden, stehen spätestens am Nachmittag wieder an der gleichen Stelle.“ Und würden sie dann erneut mitgenommen von der Polizei, stünden sie eben „am Abend wieder an der gleichen Stelle“. Eine Lösung für das Problem hatte aber auch er nicht parat.

Die AfD saß (fast) mit in der Runde

Ex-FDP-Innenminister Baum stellte fest, dass es eben Grenzen der Bemühungen gebe. Das Problem der Drogenkriminalität löse man nicht durch Verdrängung der Szene. „Dann taucht sie irgendwo anders wieder auf“, sagte der Alt-Liberale.

Doch was ist nun mit dem Befund von Gesundheitsminister Spahn, dass der Rechtsstaat oft zu schwach sei, es einen Vertrauensverlust gebe? Sandra Maischbergers Runde riss zwar viele Themenfelder an, doch oft schwang ein populistischer Ton mit, eine differenzierte Antwort blieb aus. Was sich dafür umso mehr zeigte: Bei Debatten um innere Sicherheit, Zuwanderung und den Islam muss die AfD nicht Teil einer Runde sein. Ihr Sound hallt auch so nach.

 
 

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