"Tatort" mit Fehlern – So war „Gott ist auch nur ein Mensch“

Eine Leiche als Clown-Skulptur: Frank Thiel (Axel Prahl, r.) und Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter, l.) ermitteln in der Kunstszene.
Eine Leiche als Clown-Skulptur: Frank Thiel (Axel Prahl, r.) und Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter, l.) ermitteln in der Kunstszene.
Foto: Wolfgang Ennenbach / WDR
Der Münsteraner „Tatort“ widmete sich der Kunstszene. Ein klassischer Fall ohne nervige Slapstick-Elemente – aber mit einigen Fehlern.

Berlin.  Der tote Steuerhinterzieher wird zum überdimensionalen Sparschwein, der ermordete Flüchtlingshassers zum „Gandhi“-Gedicht und der erschossene Stadtrat, der Kinder missbrauchte, als Clown geoutet. Die fragwürdigen „Werke“ eines kunstaffinen Serienkillers, der im „Tatort: Gott ist auch nur ein Mensch“ in Münster sein Unwesen trieb.

Ein klassischer Fall mit Mörder-Raten bis zum Ende, der sich an der alle zehn Jahre in Münster stattfindenden Ausstellung „Skulptur Projekte“ abarbeitete. Nervige Slapstick-Elemente fehlten glücklicherweise ebenso wie platte Kalauer.

Stattdessen standen die Geschichte und der eitle Kunstbetrieb im Vordergrund – mit einem besonderen Aha-Erlebnis am Ende. Für Stirnrunzeln sorgten allerdings handwerkliche Fehler.

Der „Tatort“ im Schnellcheck:

• Was ist Thanatopraxie?

Begeistert stellt Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) fest, dass die Leiche des Stadtrats „seltsam frisch“ ist und vermutet dahinter Thanatopraxie. Doch nicht jeder Zuschauer hat eine Medizinerausbildung – was ist das also?

Ganz einfach erklärt: Boerne meint damit die vorübergehende Konservierung des Leichnams durch Einbalsamierung, das sogenannte Modern Embalming. Dabei wird in einer Art Dialyseverfahren das Blut des Toten ausgetauscht und durch konservierende Mittel ersetzt. So erhält der Körper seinen ursprünglichen Farbton und der Verwesungsprozess wird verzögert.

• Kunst mit Toten?

Im „Tatort“ werden drei Leichen als Kunstwerke drapiert. Klingt erstmal abwegig und nach Hollywood-Klamauk. Doch das gibt es auch in der Realität. Gunter von Hagen gilt als „Dr. Tod“ und erfand die Konservierungsmethode der Plastination 1977 in Heidelberg. Seit 1996 zeigt er in der Ausstellung „Körperwelten“ plastinierte Leichen.

Für Empörung sorgten schon einige Exponate von Hagens, wie „Der schwebende Akt“, der ein Paar beim Geschlechtsverkehr zeigt, oder die Darstellung einer Hochschwangeren mit geöffneter Gebärmutter.

•Was sind die „Giant Pool Balls“:

Die drei überdimensionalen Golfbälle sind tatsächlich in Münster ausgestellt und ein Blickfang am Rande des Aasees. Geschaffen hat sie der in Stockholm geborene Künstler Claes Oldenburg 1977 für die erste Skulpturenschau in der Stadt. Eigentlich waren 16 geplant, verteilt über die ganze Innenstadt, aber dafür war kein Geld da. Jede der Kugeln hat einen Durchmesser von dreieinhalb Metern und ist elf Tonnen schwer.

• Wie lautet das Gandhi-Zitat?

Vor einer Flüchtlingsunterkunft stellt der Mörder eine Leiche als Mumie im Schlauchboot aus. Dazu gibt es die Worte „Liebe = Leben, Hass = Untergang“. Eine besondere Botschaft, denn sie stammen aus einem Zitat des indischen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi: „Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.“

• Handwerkliche Schnitzer:

„Unser Künstler hat diesmal nicht sauber gearbeitet“, erklärt Boerne als er die „Gandhi-Mumie“ in der Rechtsmedizin untersucht. Doch das trifft auch auf die Macher von „Gott ist auch nur ein Mensch“ zu.

So ist in derselben Szene im Hintergrund eine Leiche zu sehen – die aber augenscheinlich nicht ganz mausetot ist. Denn nicht nur hebt und senkt sich die Bauchdecke der Person, kurz bewegt sie auch die Hand.

Auch mit der Grammatik hapert es. Denn wenn Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) im Facebook-Klon „Friendsgate“ recherchiert, steht dort tatsächlich als Menüpunkt „Empfelungen“. Da hätte man doch etwas sorgfältiger arbeiten können.

• Bester Dialog:

Boerne hat im exzentrischen Künstler G.O.D einen starken Gegenpart, der keine Götter neben sich duldet. Er durchschaut Boernes überhebliche Sprüche und macht ihn zum Statisten.

„Gott ist ein großer Künstler – und sie sind der lebende Beweis dafür“, schmeichelt G.O.D Boernes Assistentin Silke Haller beim Besuch in der Rechtsmedizin. Eine Vorlage für Boerne, der „Alberich“ nur zu gerne triezt: „ Und wahrscheinlich war der Schöpfer auch der Meinung: Weniger ist mehr.“ G.O.D. beeindruckt das nicht und entgegnet: „Ist er immer so primitiv?“ In dem Moment zeigt Silke Haller ihre wahre Größe und sagt: „Der Professor braucht das gelegentlich zur Bestätigung seiner eigenen Größe. Aber ich stehe da drüber.“

• Schlechteste Szene:

Klara Wenger (Victoria Meyer) kennt Frank Thiel angeblich noch aus Kindertagen aus einer Kommune. Doch der Kommissar kann sich an die Zeit so gar nicht erinnern – was daran liegen mag, dass Thiel um einiges älter ist als die Kuratorin. Die Geschichte wirkt an den Haaren herbeigezogen.

Total skurril wird es dann als Klara dem ehemaligen Spielkameraden vorschlägt, doch wie früher die Kleider zu tauschen, und sich im Wohnzimmer des Ermittlers auszieht.

• Aha-Effekt:

Für den sorgt das Ende. Das offenbart wie gekonnt Fiktion und Wirklichkeit der Kunstwelt im Krimi miteinander vermischt sind. „Und war das jetzt Kunst? Entscheiden Sie selbst“ sagt Christian Jankowski in die Kamera und verlässt damit seine bisherige Rolle des Jan Christowski (ja, das soll ein lustiges Namensspiel sein), der im Krimi bei den Skulptur-Tagen ausstellen wollte.

Denn Jankowski ist auch im realen Leben Künstler, genauer gesagt Konzept- und Aktionskünstler, und bekannt für seine Videoarbeiten, in denen er Grenzen austestet und der Kunstszene den Spiegel vorhält. So wie am Ende des „Tatorts“.

 
 

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