„Tatort: Fürchte dich“: Kann es solche Spuk-Phänomene wirklich geben?

Jana Hannemann
Merle Schlien (Luise Befort) begegnet im „Tatort: Fürchte dich“ dem Geist einer Verstorbenen.
Merle Schlien (Luise Befort) begegnet im „Tatort: Fürchte dich“ dem Geist einer Verstorbenen.
Foto: Benjamin Dernbecher / HR
Im Frankfurter „Tatort“ spukte es. Doch gibt es auch im realen Leben übernatürliche Erlebnisse? Antworten liefert die Parapsychologie.

Berlin.  „Nichts beweist, dass es eine andere dunklere Seite gibt. Trotzdem – nach diesem Tag, diesen 24 Stunden meines Lebens, wird nichts mehr genauso sein wie zuvor.“ Die Worte von Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) amEnde des „Tatorts“ fassen den experimentellen Fall „Fürchte dich“ gut zusammen.

Die Frankfurter Kommissare bekamen es mit Geistern von längst Verstorbenen zu tun. Eine etwas gewöhnungsbedürftige Mischung aus klassischem „Tatort“ und Gruselfilm (Halloween lässt grüßen).

Doch gibt es auch in der nicht-fiktionalen Welt Erlebnisse mit Geistern, unheimlichen Phänomenen und Spuk? Antworten darauf hat die Parapsychologie. Deutschlands Experte ist Walter von Lucadou. Der promovierte Physiker und Psychologe beschäftigt sich seit 50 Jahren mit Übernatürlichem und leitet in Freiburg die Parapsychologische Beratungsstelle. Eine einzigartige Institution in Deutschland.

Herr von Lucadou, wie würden Sie ihren Job beschreiben?

Walter von Lucadou: Ich versuche, als Naturwissenschaftler die Erlebnisse der Menschen zu verstehen. Unsere Beratungsstelle gibt es jetzt seit 30 Jahren und hat die Aufgabe, Menschen, die ungewöhnliche Erlebnisse haben, die sie selber nicht einordnen können, und damit ein Problem haben, zu helfen.

Wie viele Menschen rufen denn bei Ihnen im Durchschnitt an?

Von Lucadou: Wir sind eigentlich immer am Limit. Durchschnittlich haben wir 3000 Kontakte pro Jahr. Es wird auch nicht weniger.

Was für Erlebnisse sind das dann?

Von Lucadou: Typischerweise sind das sogenannte Wahrträume oder Ahnungen. Jemand hat also das Gefühl, dass seiner Tochter, die in einem anderen Land unterwegs ist, etwas passiert ist. Später erfährt die Person, dass die Tochter tatsächlich einen Unfall hatte oder gestorben ist. Das sind Erlebnisse, die für viele Leute sehr schwer zu verarbeiten sind. Vor allem dann, wenn sie sehr rational ausgerichtet sind und so etwas eigentlich für unmöglich halten.

Wie reagieren die Betroffenen dann?

Von Lucadou: Manche glauben, dass sie dafür verantwortlich sind und den Unfall ausgelöst haben. Das ist ein schwerwiegendes Problem und man muss mit den Leuten darüber reden und erklären, wie so etwas zustande kommt.

Gibt es weitere Phänomene?

Von Lucadou: Das sind die sogenannten Spuk-Erfahrungen. Die Menschen berichten, dass bei ihnen zuhause merkwürdige Sachen passieren. Zum Beispiel, dass sich der Fernseher alleine einschaltet, das Telefon klingelt, obwohl der Stecker nicht steckt, oder es in der Wand klopft.

Wie erklären Sie so etwas?

Von Lucadou: Da muss man drei Kategorien beachten. Die erste Kategorie ist: Es gibt natürliche Vorkommnisse, die die Leute aber nicht kennen oder nicht berücksichtigen. Zum Beispiel ist ein Mader im Gebälk und macht das Geräusch und nicht der Geist. Die zweite Kategorie sind die Fälle, bei denen wir nicht genügend Informationen haben, um eine Entscheidung zu treffen. Das sind Fälle, die vor vielen Jahren passiert sind. Wenn Leute etwa vor 30 Jahren eine Erscheinung hatten, aber nie darüber gesprochen haben, und mir nun davon erzählen. Dann können sie meist meine Nachfragen nicht konkret beantworten und mir fehlen Informationen, um eine Antwort zu geben. Dann versuche ich das mit anderen Fällen zu vergleichen.

Und die dritte Kategorie?

Von Lucadou: Das sind Erlebnisse – wenn sie denn so stimmen, wie sie die Betroffenen berichten – die man in der Wissenschaft als Anomalie bezeichnet. Eine Anomalie ist ein Befund, der existiert, aber in den aktuellen Wissensstand nicht eindeutig eingeordnet werden kann. Die Leute sagen dann immer gleich, dass ist unerklärlich oder übernatürlich. Aber das ist Unfug. Vor 150 Jahren hätte keiner gedacht, dass man heute einen Computer in seiner Tasche hat, mit dem man auch noch telefonieren kann. Aber das sind dann diese paranormalen Erfahrungen im engeren Sinne und die untersuche ich dann sehr genau.

Es gibt also Dinge in unserem Leben, die man einfach nicht erklären kann?

Von Lucadou: Ja, mit Sicherheit. Viel mehr als wir glauben. Die meisten Leute würden sagen, die Physik hat heute 90 Prozent aller Naturphänomene verstanden. Das wird sogar im Fernsehen gesagt. Der Professor Lesch sagt das immer. Aber wenn man ihn als Fachmann fragt und sagt: „90 Prozent des Universums haben wir doch nicht verstanden.“ Dann antwortet er: „Ja, selbstverständlich. Aber das ist was für Fachleute.“

Wie helfen Sie den Menschen, die Übernatürliches erlebt haben?

Von Lucadou: Das Wichtigste ist, dass wir zuhören. Die Leute trauen sich ja meist nicht, ihre Erlebnisse zu schildern, weil sie Angst haben, für verrückt erklärt zu werden. Aber auch die Gesamtsituation ist wichtig.

Was heißt das?

Von Lucadou: Ich schildere mal ein typisches Beispiel. Eine Frau, deren Mann vor vier Wochen gestorben ist, kommt spät abends nach Hause. Sie schaltet das Licht ein und sieht zu ihrer Überraschung ihren Mann vorm Fernseher sitzen. Sie steht also vor einem Rätsel: Sie weiß, ihr Mann ist tot, aber trotzdem sieht sie ihn da sitzen.

Was ist Ihre Erklärung für die Erscheinung?

Von Lucadou: Als Psychologe weiß ich, dass das eine ganz normale Reaktion ist. Sie hatte sich einfach daran gewöhnt, dass ihr Mann vor dem Fernseher sitzt, wenn sie nach Hause kommt. Unser Gehirn hat die Eigenschaft, Dinge vorübergehend zu korrigieren, wenn sie eigentlich erwartet werden, aber nicht da sind. Deswegen können sie zum Beispiel schlecht Tippfehler entdecken. Natürlich verschwindet diese Korrektur, weil sie weiß, das kann nicht sein. Und guckt sie nochmal hin, ist ihr Mann weg.

Wie könnte man der Frau helfen?

Von Lucadou: Laien würden sofort sagen: Das ist ihr Mann, der sich aus dem Jenseits meldet. Ich aber frage die Frau zuerst nach ihrem Verhältnis zu ihrem Mann. Dann sagt sie zum Beispiel, dass ihr Mann ihr fehle und sie froh sei, ihn nochmal gesehen zu haben. Dann werde ich nicht so herzlos sein und das als Illusion bezeichnen, sondern sagen: „Nehmen Sie es so, wie es ist, und betrachten Sie es als Abschiedsgeschenk.“ Da brauche ich ihr keine naturwissenschaftlichen Erklärungen geben. Jetzt stellen Sie sich aber vor, die Frau hatte unter ihrem Mann gelitten und ist froh, dass ihr Mann weg ist. Dann erzählt ihr aber ein Spiritist, dass sei der Geist ihres toten Mannes – die Frau ist bis an ihr Lebensende unglücklich und verängstigt. In diesem Fall würde ich ihr die naturwissenschaftliche Erklärung liefern.