So schäbig und schamlos stellt RTL II bei „Armes Deutschland“ Hartz-IV-Empfänger bloß

RTL II scheint kein Problem damit zu haben, arbeitslose Menschen vor der Kamera über ihre angebliche Faulheit und ihre Straftaten sprechen zu lassen.
RTL II scheint kein Problem damit zu haben, arbeitslose Menschen vor der Kamera über ihre angebliche Faulheit und ihre Straftaten sprechen zu lassen.
Foto: Bernd Wüstneck / dpa
  • RTL II will in „Armes Deutschland“ Menschen, die an der Armutsgrenze leben
  • Der Sender nennt es eine „Dokumentation“, allerdings ist nichts anderes als eine geschmacklose Bloßstellung

Berlin.  Dass es in der RTL-Mediengruppe wenig Skrupel gibt, Menschen für ein TV-Format öffentlich vorzuführen, ist spätestens seit dem „Verafake“ von Jan Böhmermann hinlänglich bekannt. Dass die Fernsehmacher des Konzerns offenbar rein gar nichts daraus gelernt haben, zeigt nun ein neues, besonders skrupelloses Schundformat: „Armes Deutschland“ bei RTL II.

Das, was der Sender eine „Dokumentation“ nennt, ist nichts anderes als eine Bloßstellung von Menschen, die womöglich so verzweifelt sind, dass sie auch für kleinste Gagen einen Einblick in ihr Privatleben geben. Und Letzteres kann RTL II offenbar gar nicht peinlich oder bemitleidenswert genug erscheinen lassen.

19-jährige Arbeitslose plaudert locker über ihre Straftaten

Da ist zum Beispiel die 19-Jährige Jeanett, die vor der Kamera erst mal freimütig zugibt: „Hartz IV ist eigentlich ganz in Ordnung. Da kann man ausschlafen, vormittags ein Bier trinken.“ Ein schlechtes Gewissen habe sie dabei nicht. „Ich mach’ ja auch was dafür. Ich geh aufs Amt, Papierkram erledigen. Das ist ja fast so wie ‘ne Bürokauffrau.“

Damit nicht genug, lässt RTL II die junge Erwachsene auch noch ganz locker über Straftaten sprechen, die sie begangen haben soll. „Minimum die Hälfte meiner Nagellacksachen sind geklaut. Ich sehe auch nicht ein, dafür Geld auszugeben.“ Vorstrafen wegen Körperverletzung und Beleidigung habe sie auch schon. Oder wie es Jeanett in die Kamera sagt: „Halt so Sachen.“

Aus dem Off kommt die Kommentatorenstimme: „Die Gleichgültigkeit, mit der Jeanett über ihre Taten spricht, macht fassungslos.“ Und man will dem Mann ins Gesicht schreien, dass es noch viel fassungsloser macht, das alles auszustrahlen.

Vater schämt sich vor Freunden seiner Tochter – aber nicht vor RTL II?

Die Videoclips, die RTL II auf seiner Seite von der Sendung bereitstellt, haben Titel wie „Lieber chillen als Arbeit“, „Jeanett schnorrt sich bei ihrer Großmutter durch“ oder auch „Isabels Zimmer ist gerade groß genug für eine Matratze“. Gut, dass das jetzt auch alle Mitschülerinnen und Mitschüler von Isabel wissen.

Weitere Beispiele aus der Sendung: eine Zehnjährige, die ihren Geburtstag nicht mit Freunden feiern kann, weil das der Familie zu teuer sei. Ihrem Vater sei es außerdem peinlich, wenn andere Kinder sehen würden, wie die Familie lebt. Womit RTL II ihn wohl dazu bekommen hat, dass er diese Scham gleich vor einem ganzen Fernsehpublikum überwindet?

Fangen wir mal gar an nicht von dem 50-jährigen, wegen schwerer Körperverletzung verurteilten Horst, der schon achteinhalb Jahre Haft hinter sich hat. Oder Pit, der in einer zugemüllten, verwaisten Kneipe wohnt.

Geskriptet oder nicht?

Man kann nur hoffen, dass ganz, ganz viel von dem, was RTL II von dieser Sendung tatsächlich im Fernsehen ausstrahlt, geskriptet oder schlichtweg unwahr ist. Andernfalls hätten zumindest einige die Hauptdarsteller wohl auch noch die letzte Chance verspielt, aus dem „Armen Deutschland“ herauszukommen.

Dem Zuschauer wird all das allerdings nicht klar gemacht. Leider weiß man aber von den Fernsehmachern von RTL: zuzutrauen ist ihnen alles.

 
 

EURE FAVORITEN