Seelmann-Eggebert wollte "kein Adelsexperte" werden

Essen. Rolf Seelmann-Eggebert ist der Adelsexperte des deutschen Fernsehens schlechthin. Sein Weg war allerdings nicht vorgezeichnet. Der heute 73-Jährige hatte, wie der ehemalige London-Korrespondent der ARD im Gespräch mit Jürgen Overkott verriet, aus der Not eine Tugend gemacht.

Sie haben am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover Abitur gemacht. War das Schicksal, der Adelsexperte des deutschen Fernsehens schlechthin zu werden, unausweichlich?

Rolf Seelmann-Eggebert: Dieses Schicksal war sehr ausweichlich. Ich habe erst mal alles getan, um kein Adelsexperte zu werden. Vor meiner Zeit als ARD-Korrespondent in London von 1979 bis 1982 habe ich wenig zu tun gehabt mit dem Adel, der ja im Übrigen mit Kaiser Wilhelm 1918 abgedankt hat.

Dennoch haben Sie überdurchschnittlich viele Kenntnisse über den Adel angesammelt. Ist bei Ihnen doch so etwas wie eine gewisse Faszination für den Adel entstanden?

Seelmann-Eggebert: Als ich Korrespondent in London war, stand in der Tat die Frage der Thronfolge im Mittelpunkt, was sich festmachte an der Verlobung und der Hochzeit von Prinz Charles mit Diana. Damals waren die Redaktionen gar nicht so am blauen Blut interessiert. Aber in diesem Fall verlangten sie ausführliche Berichterstattung, und das alles musste sauber notiert und in Bilder umgesetzt werden, so dass ich in dieser Zeit viel über das englische Königshaus gelernt habe. 1982 bin ich als Programmdirektor zum NDR zurückgekommen und wollte nichts mehr über Königshäuser machen, bis ich feststellte, dass darüber in deutschen Zeitungen viel Falsches und Schräges zu lesen war. Das war für mich der Anlass, das Thema noch einmal aufzunehmen. Auf diese Weise ist dann “Royalty” entstanden, eine vierteilige Serie über das englische Königshaus. Sie wurde 1985 ausgestrahlt, und es war so, dass sie sehr erfolgreich war. Also haben wir uns entschlossen, weiterzumachen. Die Serie war für mich in gewisser Weise doch eine Art Einstiegsdroge: Auf der einen Seite hatte ich Kenntnisse erlangt, auf der anderen Seite, beim Publikum, waren Kenntnisse lückenhaft.

Welche Klischees über das britische Königshaus tobten damals durch die Redaktionsstuben?

"Skandale und Skandälchen"

S Seelmann-Eggebert: Interesse weckten vor allem Skandale und Skandälchen. Und: Wer hat was in Ascot getragen? Niemand hat so recht verstanden, dass eine Königin und das Königshaus in Großbritannien erstens eine große Tradition hat, die für das Land viel bedeutet. Zweitens hat niemand verstanden, dass die Queen eine politische Position hat, die der des Bundespräsidenten zumindest entspricht, ich würde sogar sagen, sie ist ihm überlegen. Das musste ich dem Publikum erst mal erklären.

Soziologen heben gern heraus, dass der Adel sich von anderen Bevölkerungsgruppen distanziert. Stimmt dieses Bild noch? Und wenn nicht, wodurch hat es sich verändert?

"Leute wie Du und ich"

Seelmann-Eggebert: Es mag sein, dass der Adel sich in manchen Ländern distanzieren will, bei uns ist das, denke ich, nicht mehr so. Ich bin sogar erstaunt, wie gut sich bei uns Adel und Nicht-Adel arrangiert haben. Es gibt bei uns ungefähr 80.000 Menschen, die dem Adel im weitesten Sinne zuzurechnen sind, vom Kaiserspross bis zum normalen Herrn Vonundzu. Ich finde, der Adel ist heute sehr gut in die Gesellschaft integriert, er ist vielleicht an einigen Stellen etwas überrepräsentiert, im diplomatischen Corps und im Offizierscorps. Aber im Allgemeinen muss man sagen: Adlige sind Leute wie Du und ich.

Leute wie Du und ich - gilt das auch für Prinz Charles und Lady Diana?

Seelmann-Eggebert: Im persönlichen Gespräch habe ich sie als viel weniger kompliziert erlebt, als man sich das vorstellt. Ich kann nicht sagen, dass ich vom Protokoll erschlagen worden wäre. Ich kann auch nicht sagen, dass ich bei den königlichen Familien einen Ton vorgefunden hätte, der mir völlig fremd war. Im Gegenteil: Ich war überrascht, wie selbstverständlich meine Gesprächspartner mit dem Journalisten gesprochen haben. Man muss natürlich folgendes bedenken: Im Gegensatz zu früheren Generationen sind heutige Mitglieder von Königshäusern durch ganz normale Schulen gegangen. Und auch beim Militär treffen sie auf Leute aus dem Volk. Das führt dazu, dass man fünf adlige und 95 Prozent nichtadlige Freunde hat. Und auch bei den Hochzeiten sieht man: Es gibt unter Europas Thronfolger nur einen, den belgischen, der eine Gräfin geheiratet hat; alle anderen haben bürgerlich geheiratet.

Muss man als bürgerlicher Partner mehr leisten als ein Blaublüter, um in einer adligen Familie anerkannt zu werden?

Seelmann-Eggebert: Es ist nicht anders, als bei bürgerlichen Familien auch: Wer heiratet, ist gut beraten, sich die künftigen Schwiegereltern sehr genau anzusehen, um herauszufinden, was die von einem verlangen.

"Neue Sterne am Firmament"

Die bunten Blätter leben vom blauen Blut. Trauern wir Deutsche der Monarchie nach?

Seelmann-Eggebert: Das Interesse wächst immer dann an, wenn neue Sterne am Firmanent aufgehen. Das konnten wir in Dänemark gut beobachten, im Fall Mary. Vor allem weibliche Verjüngung rückt Königshäuser in den Blickpunkt.

Spielt das britische Königshaus eine Sonderrolle?

Seelmann-Eggebert: Die Briten treten besonders prachtvoll auf. Allein die Geburtstagsparade der Königin kommt mit viel “pomp and circumstance” daher. Oder nehmen Sie die Parlamentseröffnung durch die Königin! Dann liefert das Haus eine Menge Dinge mit Unterhaltungscharakter - schon deswegen weil es eine große Familie ist.

Noch mal: Faszination. Hängt sie möglicherweise damit zusammen, dass Königshäuser aus der Zeit gefallen sind?

Seelmann-Eggebert: Könige und Königinnen spielen für uns schon in Kindertagen eine Rolle, weil sie in Märchen auftauchen. Und später stellt man fest: Oh, die gibt es ja wirklich. Vor dem Glanz der Königshäuser ist niemand ganz sicher. Ich habe das mal beim deutschen Bundespräsidenten erlebt, der ganz verrückt wurde, wenn er in Kutschen fuhr, die Kawallerie vorne weg und hinterdrein. Das ist doch was anderes als das Wachbatallion der Bundeswehr. Die Soldaten marschieren zwar auch sehr schön, aber sie tragen keine Bärenfellmützen.

 
 

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