"Secret Millionaire" - Armuts-Voyeurismus in Dortmunder Nordstadt

Selfmade-Millionär Michael Huttner führt ein luxuriöses Leben und hat noch keine Vorstellung davon, wie hart es sein wird, in die Rolle des arbeitslosen Schlossers Michel Wagner in der Dortmunder Nordstadt zu schlüpfen.
Selfmade-Millionär Michael Huttner führt ein luxuriöses Leben und hat noch keine Vorstellung davon, wie hart es sein wird, in die Rolle des arbeitslosen Schlossers Michel Wagner in der Dortmunder Nordstadt zu schlüpfen.
Foto: RTL
RTL schickt einen „Secret Millionaire“ in die Dortmunder Nordstadt. Der Selfmade-Millionär Michael Huttner hilft während seines Experiments eine Woche lang Senioren, Schülern und hungernden Haustieren. Will RTL damit die Probleme der Menschen zeigen oder geht es hier nur um Armuts-Voyeurismus?

Essen.. Reich trifft Arm. Dass dieses Prinzip auch im Abendprogramm funktioniert, hat RTL bereits mit „Undercover Boss“ bewiesen. Jetzt schickt der Sender ganz normale Millionäre in ganz normale Problembezirke. Dieses Mal sieht sich der Headhunter Michael Huttner in der Dortmunder Nordstadt um. Zeigen der Millionär und RTL hier wahres Interesse an den Problemen der Menschen oder geht es einfach nur um Armuts-Voyeurismus? Schwer zu sagen.

„Der erfolgreiche Headhunter genießt die Freiheit, die er sich hart erarbeitet hat“, kommentiert der Sprecher, als Michael Huttner und sein Sohn Jan in ihren kanariengelben Lamborghini steigen. Der 44-Jährige leitet eine Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Fachkräftevermittlung und Coaching. Natürlich auch nur für Fachkräfte und Firmenchefs. Er hat seit Jahren keinen Lebensmitteldiscounter mehr betreten. Jetzt muss er eine Woche lang mit 95 Euro auskommen und in einem Ein-Zimmer-Appartement leben. Kontakt zum anderen Ende der Gesellschaft aufnehmen sozusagen.

Denn in diesem Beitrag kommt die Dortmunder Nordstadt nicht gut weg. Spritzen liegen auf der Straße, eine Schule ist direkt nebenan. Huttner ist schockiert. "25 Prozent Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenhandel sind hier an der Tagesordnung", beschreibt der RTL-Sprecher den Stadtteil. RTL schafft neue Dimensionen, wenn es um die Erschaffung eines sozialen Brennpunkt geht.

Von der Villa in die Mietsbude, Anzug statt Kapuzenjacke, Dosensuppe statt Gourmetrestaurant

Seine Mini-Wohnung in der Borsigstraße findet Michael Huttner, der in dieser Woche als arbeitsloser Michel Wagner auftritt, nicht besonders schön. „Es riecht ja echt übel hier“, fällt ihm als erstes auf. Angeekelt begutachtet der eigentliche Millionäre sein Hotelzimmer. Widerwillig muss er bleiben, sein Budget gibt nicht mehr her. Er fängt an zu putzen. "Sauberkeit ist mir wichtig", kommentiert Huttner die Aktion.

Warum die Verwandlung zum Arbeitslosen auch immer mit einer karierten Fleece-Jacke einhergehen muss, wissen wohl nur die Produzenten von RTL. Von der Villa in die Mietsbude, Kapuzenjacke statt Anzug, Dosensuppe statt Gourmetrestaurant. Beim Zuschauer mag angesichts dieses Crashkurses in Realität ein wenig Schadenfreude aufkommen. Dschungelcamp light, sozusagen. Allerdings macht der Millionär diesen Eindruck mit seiner sympathischen Art wieder wett. Da fragt man sich doch: Warum lässt er sich so vorführen? Wenn er etwas Gutes tun will, warum spendet er dann nicht einfach etwas an wohltätige Organisationen? Ob da doch ein bisschen Kalkül im Spiel ist? Tue Gutes und sprich darüber eben.

Michael Huttner alias Michel Wagner hat in dieser Woche ein straffes Programm. Beim Jugendföderkreis, kurz JFK, hilft er Schülern bei den Hausaufgaben. Geduldig erklärt er Englischvokabeln und die deutsche Grammatik, anschließend tobt er sich mit den Kindern beim Tischtennis aus. Sein Fazi: „Das hat richtig Spaß gemacht.“

Sein Hund ist für den kranken Niko Therapieersatz

Die Einrichtung finanziert sich einzig und allein aus Spenden, ebenso wie die Tiertafel. Hier werden finanziell schwache Herrchen und Frauchen unterstützt. Anfangs wundert sich der Undercover-Millionär noch, warum man dort statt den Menschen lieber Hunden und Katzen hilft. Doch dann lernt er Dirk Waskönig und seinen Sohn Niko kennen, die hier Futter für ihren Cockerspaniel holen. Dirk Waskönig ist arbeitsloser Koch, sein Sohn hat eine seltene Erbkrankheit, der Hund ist seine Therapie. Seit fünf Jahren war Familienvater Dirk nun schon nicht mehr im Urlaub.

Im Seniorenbüro der Nachbarschaftshilfe trifft Michael Huttner auf Akram. Der Syrer lebt seit 13 Jahren in Deutschland und hat seitdem seine Mutter nicht mehr gesehen, die noch in der Heimat lebt. In seiner Freizeit kümmert er sich ehrenamtlich um Senioren, hilft beim Einkaufen und bei Arztbesuchen.

Solche persönlichen Geschichten berühren natürlich. Ebenso wie die des Obdachlosen, der nach dem Tod seiner Frau und seiner Tochter alles verloren hat, und dem Michael Huttner in einem Park Obst schenkt und ein paar Euro. Doch manchmal hat man als Zuschauer das Gefühl, dass das alles nur das Ergebnis einer ausgeklügelten Dramaturgie ist. Ob die Menschen, die Michael Huttner und das RTL-Kamerateam besuchen, auf die Geschichte mit dem Arbeitslosen wirklich reinfallen? Vor allem, da der Millionär sein Selbstbewusstsein und seine eloquente Art nicht mit seinem Anzug abgelegt hat.

Erster Urlaub nach 5 Jahren

Gut rasiert und schick gekleidet lüftet Michael Huttner schließlich sein „Geheimnis“. Er gibt sich als Millionär zu erkennen und verteilt großzügig Checks. Dem JFK spendet er 12.000 Euro, die Miete für ein Jahr. Die Tiertafel bekommt 5000 Euro und auch das Seniorenbüro geht nicht leer aus. Ehrenamtler Akram verspricht der Millionär, seine Familie aus Syrien nach Deutschland zu holen. Und Dirk Waskönig und seiner Familie schenkt Huttner einen Spanien-Urlaub. Der arbeitslose Koch kann sein Glück kaum fassen. Ob sich Michael Huttner über seinen Lamborghini auch so gefreut hat?

 
 

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