RTL tauscht Team von "Schwiegertochter gesucht" nach #verafake aus

"Seit zehn Jahren verarscht Vera Int-Veen jetzt schon Behinderte bei RTL": ZDF-Satiriker Jan Böhmermann über "Schwiegertochter gesucht".
"Seit zehn Jahren verarscht Vera Int-Veen jetzt schon Behinderte bei RTL": ZDF-Satiriker Jan Böhmermann über "Schwiegertochter gesucht".
Foto: dpa/ZDF neo
  • RTL zieht nach Jan Böhmermanns "Verafake" Konsequenzen bei der Produktion von "Schwiegertochter gesucht"
  • Produktionsfirma gibt zu, die redaktionelle Aufsichtspflicht missachtet zu haben
  • Die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Tabea Rößner, forderte eine politische Debatte über Reality-TV-Formate

Köln. Der Privatsender RTL zieht nach Jan Böhmermanns "Verafake" Konsequenzen. "Bei der Produktion einer Folge von "Schwiegertochter gesucht" sind Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht gemacht worden", sagte Unterhaltungschef Tom Sänger in einer Mitteilung. "Dazu stehen wir gemeinsam mit der Produktionsfirma Warner. Die Produktion der aktuellen Staffel wird daher von einem neuen Team realisiert. Gemeinsam mit dem Produzenten sorgen wir dafür, dass sich die Fehler nicht wiederholen."

Jan Böhmermann hatte in einem Video am Donnerstagabend in seiner Show "Neo Magazin Royale" gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in Vera Int-Veens Reality-Doku "Schwiegertochter gesucht" eingeschleust hatte. Andreas Schneiders (55) hatte sich als biertrinkender Vater René ausgegeben, Simon Steinhorst (30) als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief am 10. April bei RTL und gilt fortan als "Verafake".

Jan Böhmermann wolle Missstände bei RTL aufdecken

"Respekt an Herr Böhmermann", sagte René Jamm von der Produktionsfirma Warner Bros. ITVP Deutschland GmbH. "Wir sind ihm komplett auf den Leim gegangen, denn er hat uns einen sympathischen Schwiegersohn präsentiert. Wir haben uns in ihn "verliebt" und in diesem Fall gleichzeitig unsere redaktionelle Aufsichtspflicht missachtet. Wir werden dafür die Verantwortung übernehmen und inhaltlich sowie personell umstrukturieren."

Vertrags-Abschlüsse "erinnern an Haustürgeschäfte"

Der Satiriker habe Robin als falschen Kandidaten ins Rennen geschickt, um "Missstände bei RTL" aufzudecken, sagte Böhmermann. Die für RTL zuständige Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) leitete eine Vorprüfung gegen "Schwiegertochter gesucht" ein.

"Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte", sagte NLM-Direktor Andreas Fischer am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover.

Die Landesmedienanstalt habe den Vertrag angefordert, den die Produktionsfirma Warner Bros. International Television Production Deutschland mit den Kandidaten der Sendung abschließt. "Wir werden den Wortlaut prüfen und von RTL eine Erklärung verlangen, ob die Produktionsfirma bei ihrer Arbeit für den Sender überwacht wird." Sollte die NLM ein offizielles Prüfverfahren einleiten, droht RTL eine Beanstandung.

Böhmermann ruft unter Hashtag #verafake zur Diskussion auf

In der aktuellen Staffel der Sendung von Moderatorin Vera Int-Veen sucht der "einsame Eisenbahnfreund" Robin aus Duisburg "eine Freundin, weil er noch nie eine hatte". "Seit zehn Jahren verarscht Vera Int-Veen jetzt schon Behinderte bei RTL", sagte Böhmermann.

Dabei gehe es immer nur um eine "geile Story, geile Quote, geil viel Cash". Die Sendung wird von Vera Int-Veen (48, "Vera am Mittag") präsentiert. Böhmermann stellte seine Aktion daher unter den Hashtag "#verafake" - eine Anspielung auf seine "Varoufake"-Satire rund um den Mittelfinger des einstigen griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis. Unter "#verafake" liefen dann auch die sozialen Netzwerke mit Kommentaren heiß.

"Robin" aus "Schwiegertochter gesucht"-Liste verschwunden

Die Kandidaten würden dagegen für 30 Drehtage mit lediglich 150 Euro Aufwandsentschädigung abgespeist. Eine Kopie des unterzeichneten Vertrags habe RTL zudem erst zwei Wochen nach Ausstrahlung zugesandt.

Auf der Kandidaten-Liste von "Schwiegertochter gesucht" war Robin am Freitag nicht mehr zu finden. Unter den "neuen Söhnen" fand man nur noch zwölf Kandidaten, vom "humorvollen Hobby-DJ" Thomas bis zum "schüchternen Sportschützen" Ingo.

Die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Tabea Rößner, forderte eine politische Debatte über die Berechtigung von Reality-TV-Formaten wie "Schwiegertochter gesucht". "Es ist teilweise unerträglich, wie rücksichtslos Medien um Aufmerksamkeit und Quoten kämpfen", sagte Rößner dem epd. Der Persönlichkeitsschutz greife dabei häufig zu kurz. "Hier wird es nicht ganz einfach sein, zwischen der Menschenwürde einerseits und andererseits dem selbstbestimmten Recht der Beteiligten, sich für solche Formate zu entscheiden, abzuwägen." Die Politik müsse auch über Kennzeichnungspflichten von Scripted-Reality-Sendungen und eine mögliche Anlaufstelle für Medienopfer diskutieren.

620.000 Zuschauer sahen "Neo Magazin Royale"

Scripted-Reality-Formate wie "Schwiegertochter gesucht", in denen reale Ereignisse vorgetäuscht werden, müssen seit 2014 laut einer Vereinbarung zwischen den Landesmedienanstalten und dem Privatsenderverband VPRT im Abspann gekennzeichnet werden. Allerdings ist die Regelung freiwillig. Im Abspann von "Schwiegertochter gesucht" taucht eine entsprechende Kennzeichnung nicht auf.

Das "Neo Magazin Royale" am Donnerstagabend verfolgten auf ZDFneo rund 620.000 Fernsehzuschauer. Mit einem Marktanteil von 2,8 Prozent verdreifachte Böhmermanns Sendung ihren Marktanteil annähernd.

Nach dem Wirbel um das umstrittene Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hatte das "Neo Magazin Royale" vier Wochen lang pausiert. Böhmermann hatte das Gedicht in der Sendung vom 31. März verlesen. Erdogan verlangte daraufhin unter anderem eine Strafverfolgung nach Paragraf 103, der die Bestrafung bei einer Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter regelt. Die Bundesregierung erteilte die notwendige Ermächtigung für Ermittlungen gegen Böhmermann. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte gleichzeitig die Abschaffung der Regelung an. (epd/dpa)

 
 

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