Rassistische Stadtwette? - Shitstorm gegen Wetten, dass..?

Markus Lanz mit Teilnehmern der Stadtwette. Er hatte in Augsburg dazu aufgerufen, als Jim Knopf verkleidet in die Show zu kommen. Schwarz schminken? Das löste auf Twitter einen kollektiven "Rassismus"-Sturm.
Markus Lanz mit Teilnehmern der Stadtwette. Er hatte in Augsburg dazu aufgerufen, als Jim Knopf verkleidet in die Show zu kommen. Schwarz schminken? Das löste auf Twitter einen kollektiven "Rassismus"-Sturm.
Foto: Sven Hoppe
Das Showfossil "Wetten, dass..?" wirkte am Samstagabend wie aus der Zeit gefallen. Eine rassistische Stadtwette löste einen Shitstorm aus, Boris Becker hatte nichts zu erzählen und Markus Lanz kämpfte um seine Sendung. An Gottschalks Glanzzeiten knüpfte er nicht an - trotz Hilfe von Michelle Hunziker.

Augsburg.. Es weihnachtet sehr. Aber nicht bei der zehnten Ausgabe von „Wetten, dass..?" mit Markus Lanz als Moderator. Nicht mal Boris Becker sorgte am Samstagabend für Unterhaltung. Und die Stadtwette hatte rassistische Untertöne. Die Weihnachtssendung von „Wetten, dass..?" waberte zähflüssig über die Mattscheibe.

So braucht Markus Lanz gar nicht klagen, dass TV-Kritiker ihm „Wetten, dass..?" kaputt schreiben würden. „Wenn Sie dauernd den Untergang herbei schreiben, dann kriegen Sie ihn auch“, sagte er jüngst im Interview.

Dabei passt das ganze Format nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Die Sendung ist längst ein Showfossil der deutschen TV-Unterhaltung. Gags über Trabis wirken wie aus der Zeit gefallen. Sie helfen nicht gegen schlechte Kritiken und miese Quoten.

Michelle Hunziker hilft Markus Lanz

Unterstützung bekam Lanz am Samstag von Moderatorin Michelle Hunziker. Im Sommer-Special verlor sie die Kinderwette. Ihr Einsatz war, dass sie "ausnahmsweise" wieder bei der Show moderieren würde. Also auch kein Pferd, auf das Markus Lanz setzen sollte.

Dass der Moderator um „Wetten, dass..?" kämpft, war ihm dennoch anzumerken. "Wir werden heute Björn von Abba hier haben", freute sich Lanz beinahe euphorisch. Und auch das Publikum in der Augsburger Messe klatschte. Doch der Applaus von 1850 Studiozuschauern - unter ihnen Politpromi Claudia Roth - täuschte nur müde darüber hinweg, dass die Gästeauswahl auf dem Sofa nicht an die Glanzstunden von Gottschalk heranreicht. Von Hollywood und den großen Stars gab es keine Spur. So plauderte Lanz mit "Bully" Herbig, Wolfgang Stumph, Ina Müller, Fahri Yardim, Felix Sturm und Boris und Lilly Becker. Alles irgendwie belanglos.

Bully macht Werbung für seinen neuen Film

Björn von Abba hatte, wie er sagte, extra für „Wetten, dass..?" Deutsch gelernt. Dass es kein Comeback der schwedischen Kultband geben wird, ist dann auch keine Überraschung mehr. Alternde Popstars bekommt man auch bei Olli Geißens ultimativer Chartshow zu sehen. Dann folgte die "fantastische Abba-Wette", wie Markus Lanz es nannte, doch auch sie riss das Show-Ruder nicht herum. Mit Knäckebrot geknabberte Abba-Songs sind vom musikalischen Genuss her eher so wie Fingernägel auf einer Schiefertafel. Erstaunlich, dass die Wettkandidatin Regina Grafunder alle Songs erkannte, die ihr Mann Ralf auf dem Knäckebrot vortrug.

Internationales Flair bot der französische Schauspieler Olivier Martinez, der seinen Film „Der Medicus“ bewarb. Darin hatte er etwas mit "Bully" gemein, der ebenfalls wegen seinem neuen Streifen Buddy auf dem Sofa saß. Dieser erkannte zudem das Quotenproblem der Sendung. "Haben wir einen Bauern hier, der Single ist? Wenn wir für den eine Frau finden, haben wir 'ne super Quote", sagte er. Außerdem brachte er ein Pausenbrot mit, falls der Abend mal wieder länger als geplant ausfallen sollte. Glücklicherweise verzichtete Lanz darauf, die Sendung allzu sehr zu überziehen. Schlappe 15 Minuten kam er über die Zeit. Das verstand Gottschalk besser.

Boris Becker bleibt die angekündigten Neuigkeiten schuldig

Womit hätte Lanz die Show auch aufblasen sollen, nachdem er seinen Joker Boris Becker ausgespielt hatte. Der Ex-Tennis-Profi sollte die Zuschauer bei der Stange halten, weil er angeblich sensationelle Neuigkeiten im Gepäck hatte. Eine Live-Sendung und Boris Becker - das ist eine brisante Mischung. Und das machte wohl auch seine Frau Lilly nervös. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich der 46-Jährige in der Öffentlichkeit blamiert. Selbst ein Ex-Tennis-Profi von Weltruhm mit Skandalpotential zieht nicht immer.

Das bei Twitter angekündigte Geheimnis entpuppte sich als heiße Luft. Er entschuldigte sich dafür mit seiner locker sitzenden "Twitter-Hand". Bei ihm verändere sich beruflich zwar etwas, aber das will er noch gar nicht bekannt geben. Gerne würde er das nächstes Jahr in der Sendung von Markus Lanz nachholen. Ob diese dann noch "Wetten, dass...?" heißen wird?

Wetten rissen die Sendung heraus

Mit Michael Bublé hatte Lanz dann auch einen Grammy-Preisträger auf der Bühne. Der kanadische Jazzsänger ist mittlerweile durch Chartplatzierungen im Mainstream angekommen, aber gewiss kein Quotenbringer. Frida Gold mit ihrer Frontfrau Alina Süggeler waren die zweite Chart-Band. Aus dem Tiefschlaf konnten die Musik-Acts die Sendung aber auch nicht wecken.

Die Wetten waren gewohnte Kost. Sie rissen die Sendung an vielen Stellen heraus. Aber lediglich bei zwei der Wettkandidaten kam ein Hauch von wirklicher Spannung auf. Friedrich Kühne, der durch das Surfen auf einer Slackline Kerzen auspustete, gewann in letzter Sekunde. Und ebenso erging es Danijel Peric, der fliegende Tennisbälle mit einem Samurai-Schwert zerteilte.

Rassismus-Vorwürfe wegen der Stadtwette

Wettkönigin wurde aber die Radiomoderatorin Nina Kaimer. Ihre Buchstaben-Salat-Wette begeisterte das Publikum. Dabei erriet sie nicht nur die Anzahl von Buchstaben in Wörtern wie "Fußballweltmeisterschaft", sondern nannte auch ihre alphabetische Reihenfolge.

Mit der Stadtwette verschaffte "Wetten, dass..?" den Fernsehzuschauern unfreiwillig einen befremdlichen Anblick. Der Zusammenhang zwischen der Augsburger Puppenkiste und der Stadt Augsburg war naheliegend. Die daraus gebastelte Wette war mehr oder minder peinlich, wenn nicht gar rassistisch. Markus Lanz forderte die Augsburger auf, sich mit Schuhcreme die Gesichter schwarz zu färben und als Jim Knopf verkleidet auf die Bühne zu kommen. Die Szene erinnerte stark an das Blackfacing, einer rassistisch geprägten Theaterform aus den Vereinigten Staaten. Zumindest attestierten das "Wetten, dass..?" viele Nutzer auf Twitter.

Mit Shitstorms und seichter Unterhaltung schafft es "Wetten, dass...?" nicht, wieder ein Quotenerfolg zu werden. Würde das ZDF den ganzen Firlefanz weglassen und das Format auf die Wetten reduzieren, dann hätte die Sendung im Vorabendprogramm vielleicht noch eine Chance. Aber eine große Samstagabend-Show ist "Wetten, dass..?" längst nicht mehr.

 
 

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