Polonius Fischer ermittelt „Hinter blinden Fenstern“

Foto: Walter Wehner

Köln. Friedrich Ani hat zwei Krimi-Figuren geschaffen, die bei der Kritik wie beim Publikum ankommen: Kommissar Süden und Ermittler Polonius Fischer. Das Besondere: Fischer war zuvor Mönch. Das ZDF widmet ihm den Film „Hinter blinden Fenstern“. Jürgen Overkott sprach mit Ani.

Ihnen sind Polonius Fischer, der Ex-Mönch bei der Polizei, und elf weitere Romangestalten im Urlaub an der Nordsee auf einen Schlag erschienen. Sind Sie daraufhin in die nächstgelegene Kirche ´gefahren, um eine Kerze anzuzünden?

Friedrich Ani: Nein, das nicht. Aber ich bin im nächsten Jahr bei unserem Urlaub auf Sylt in dem Dorf, wo wir immer hinfahren, zu dem Felsen am Meer gegangen, um mich bei den Geistern zu bedanken und habe das Buch dort abgelegt. Das ist nicht unbedingt meine Art, aber so war’s.

Was ist mit dem Buch passiert?

Friedrich Ani: Was am Meer damit passiert ist, weiß ich nicht. Aber es hat sich sehr, sehr gut verkauft, und es hat mir eben eine Figur gebracht, die mich lange umgetrieben hat, von der es inzwischen einen zweiten und einen dritten Band gibt. Ja, und einen Krimi-Preis habe ich auch dafür bekommen. Wenn Sie so wollen, hat mir die Figur Glück gebracht.

Wie entwickeln Sie sonst Ihre Figuren? Wie lange kneten Sie sie?

Friedrich Ani: Ich knete gar nichts. Ich habe keine Lehmkammer, in der ich bastle. Ich bin kein Autor, der Sachen sammelt, Halbideen oder so was. Die Figuren müssen schon fertig zu mir kommen.

Das heißt, das gilt auch für Tabor Süden.

Friedrich Ani: Hm, das ist ein noch speziellerer Fall als Polonius Fischer. Das ist eine Figur, die zu mir in meinem Schreiberleben kam, als ich vollkommen ratlos war. Ich dachte: Ich muss schreiben, und ich will unbedingt. Aber alles, was ich anfing, führte zu nichts.

Fehlte das Herzblut?

Friedrich Ani: Nein, nein, nein. Herzblut gab’s genug. Es war zu viel Gebastel. Ich wusste auch gar nicht, dass ich Kriminalromane schreiben sollte. Als ich das dann erkannte, habe ich innerhalb von fünf, sechs Jahren mehr als zehn Romane geschrieben. Erst da habe ich gemerkt, dass der Kriminalroman meine Form ist, mit der ich am besten Geschichten erzählen kann.

Aber noch mal zu Tabor Süden: Das ist eine Figur, die in einer Kneipe geboren wurde. Ich saß da so, und da sah ich diese Figur, eine Figur, die mir vertraut war, aber von der ich dachte: Was machst Du mit der? Ich habe dann festgestellt, dass die Vermissten-Problematik mein Thema ist.

Was haben Sie dann getan?

Friedrich Ani: Ich bin erst mal zu einer Vermisstenstelle bei der Polizei gegangen, habe mich da umgesehen und kam mit der Erkenntnis da raus: Die machen ja gar nix, völlig unauffällig, keine Mordgeschichten. Das gab mir den Anstoß zu dem ersten Süden-Roman, „Die Erfindung des Abschieds“. Und der neue Roman erzählt wieder eine Süden-Geschichte.

Unauffällige Arbeit, keine spektakulären Fälle - das ist doch eigentlich unverfilmbar. Wie kamen denn die Bilder zu den Worten?

Friedrich Ani: Zunächst mal hat sich ergeben, weil ein Produzent, der Oliver Berben, von Kommissar Süden begeistert war, und Oliver Berben hat sich für die Sache total reingehängt. Schließlich hat er Dominik Graf als Regisseur gewonnen. Leider haben die Filme zuschauermäßig nicht ganz so funktioniert, wie erwartet.

Welches Potenzial für weitere Geschichten hat Polonius Fischer für Sie?

Friedrich Ani: Zwei Romane gibt es, die verfilmt worden sind. Und einen dritten soll es noch geben, und dafür schreibe ich ein Originaldrehbuch. Wir haben mit dem ZDF verabredet, dass wir uns vorstellen können, dass es künftig einen Polonius-Fischer-Film pro Jahr geben könnte.

Nun haben Sie aber das Drehbuch für den aktuellen Film „Hinter blinden Fenstern“ nicht selbst geschrieben. Warum?

Friedrich Ani: Ganz einfach, ich hatte die Filmrechte nicht. Aber der zuständige ZDF-Redakteur Daniel Blum war von dem Roman begeistert, deshalb wurde aus dem Buch schnell ein Film. Die Drehbuchautorin Hannah Hollinger wiederum wurde auch schnell gefunden, weil sie mit dem Regisseur Matti Geschonnek schon etliche Filme zusammen gemacht hat. Und wenn eine derartige Zusammenhang schon länger funktioniert, ist das eh schon ein Gewinn für das Ganze. Nein, Hannah Hollingers Drehbuch ist ein Glücksfall. Fabelhaft!

Polonius Fischer war vor seinem Eintritt in den Polizeidienst Mönch. Wie halten Sie’s mit der Religion?

Friedrich Ani: (Pause) Ich nehme sie zur Kenntnis.

Sind Sie ein katholischer Atheist?

Friedrich Ani: Nein, nein, nein. Ich bin immer noch in der katholischen Kirche. Aber selbst wenn ich austreten würde, wäre ich kein Atheist. Ich komme nicht von der Kirche weg, aber es fällt mir sehr schwer, die Kirche so hinzunehmen, wie sie ist. Ich habe den Konflikt noch nicht gelöst.

Sie haben ein emotionales Verhältnis zur Kirche.

Friedrich Ani: Nein, ich habe ein emotionales Verhältnis zur Religion. Wenn ich in die Natur gehe, denke ich: Mit mir hat das nichts zu tun, ich als Mensch mache in der Natur nichts anderes, als sie zu zerstören. Ich glaube schon, dass es da eine Macht über uns gibt, aber eine Macht, die ich nicht begreife. Ich verneige mich vor der Schöpfung. Aber ich verneige mich nicht vor dem Papst, und ich verneige mich auch nicht vor Leuten, die behaupten, man muss die Bibel lesen, um dazuzugehören.

Haben Sie in Ihren Leben je eine Phase gehabt, wo Sie mit dem Gedanken gespielt haben, einen Kirchen-Job zu übernehmen?

Friedrich Ani: Ich habe einen Kirchen-Job übernommen: Ich war Ministrant. Ich habe das geliebt, die Rituale, die Geschichten, und ich war sogar Lektor, obwohl ich mich nicht danach gedrängt habe. Es war ein Teil des Lebensgefühls.

Zum Lebensgefühl gehört für Sie auch München. Leuchtet München?

Friedrich Ani: Ach, wissen Sie, jede Großstadt hat verschiedene Gesichter, München auch, klar. Da gibt es schon das Schöne, das Nette, das Strahlende. Aber ich erzähle von dem München, das ich kenne, Stadtgeschichten. Ich werde ja nicht bezahlt vom Fremdenverkehrsamt.

Welches Verhältnis haben Sie zu München?

Friedrich Ani: Ein inniges. Es ist meine Heimatstadt, ich lebe da, ich liebe diese Stadt, und ich liebe den FC Bayern - und das, obwohl ich aus Giesing komme, dem Stadtteil der Sechziger.

Montag, 1. Februar, 20.15 Uhr, ZDF

 
 

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