Opa erzählt vom Krieg – Gauck bei Beckmann kaum zu bremsen

Mareike Fangmann
Joachim Gauck traf sich mit Reinhold Beckmann zum Gespräch. Während des Gesprächs kam der Bundespräsident richtig in Fahrt. Der TV-Moderator konnte ihn kaum bremsen.
Joachim Gauck traf sich mit Reinhold Beckmann zum Gespräch. Während des Gesprächs kam der Bundespräsident richtig in Fahrt. Der TV-Moderator konnte ihn kaum bremsen.
Foto: Michael Kappeler
Wer könnte besser über diese Ereignisse sprechen als ein selbst ernannter „Spezialist für die Vergangenheit“? Im Gespräch mit Reinhold Beckmann beschäftigt sich Bundespräsident Joachim Gauck mit beiden Weltkriegen, dem Mauerfall, aber auch mit der Krim. Dabei holt er weit aus – sehr weit.

Essen. Der Spruch „Opa erzählt vom Krieg“ ist an diesem Abend wohl mehr als treffend: Denn schließlich ist Bundespräsident Joachim Gauck, der mit Reinhold Beckmann im Arbeitszimmer in Schloss Bellevue zum Einzelgespräch verabredet ist, tatsächlich einer. Sogar ein Ur-Opa. Und ein „Spezialist für die Vergangenheit“, wie er selbst sagt. Sogar die traditionell wirkende Kulisse passt dazu. Faktisch stimmt der Spruch also, auch sein Inhalt trifft zu: Denn der Bundespräsident holt bei den sich jährenden Themen Weltkrieg eins und zwei sowie dem Mauerfall tief aus und schweift während des Gesprächs gerne mal ab. Und davon lässt er sich auch vom Moderator nicht abbringen.

Denn immer wieder versucht der Show-Master seinen Gesprächspartner zu den ursprünglich gestellten Fragen zurückzubringen – doch der redet munter weiter, fährt ihm einfach über den Mund. Zu viel Freude hat er daran, aus seiner Vergangenheit zu erzählen. Eines ist ihm aber besonders wichtig: die zweite Schuld. „Wir haben Wiedergutmachung zu betreiben für das, was wir damals getan haben. Im Namen unsere Landes bitte ich daher um Vergebung. Und das ist die zweite Schuld: einzusehen, dass die Schuld bei uns liegt und dass wir dafür gerade stehen müssen.“

Kritik übt er daher an seinem Vater, der zwar selbst „wirklich ein Opfer war“, wie der 74-Jährige deutlich macht. Doch: „Sein eigenes Leid stand immer im Zentrum, nicht das aller anderen, für das die Deutschen verantwortlich waren.“ Er sei „ein Mitläufer“ gewesen, sagt Gauck, „das hat mir nicht gefallen.“ Hat er ihm das auch so gesagt? „Freilich“, versichert der Präsident.

Gauck weicht von aktuellen Themen ab

Auch wenn viele Teile des Gesprächs so dahin plätscherten, zeigt Gauck, dass er vor allem eins ist: äußerst sympathisch. „Hätte ich in Ihrem Alter erfahren, dass ich Bundespräsident werden würde, hätte ich einen Nervenarzt angerufen“, scherzt er gegenüber Beckmann. Bevor er 70 Jahre alt war, sei er noch gar nicht reif für das Amt gewesen: „Es klingt jetzt merkwürdig, aber erst dann bin ich mir selbst näher gekommen.“ Bis dahin unterdrückte Gefühle konnte er erst spät herauslassen – und ist nun als bisher emotionalster Bundespräsident bekannt. „Jetzt muss ich nicht mehr so auf den Pudding hauen“, sagt er und grinst.

Über aktuell wichtige Themen, wie die Krim-Krise wollte er dagegen nicht unbedingt sprechen. „Welche Sanktionen wären denn die besten“, will Beckmann wissen. „Das ist operative Politik, da hält sich der Bundespräsident eigentlich zurück. Da will ich auch nicht ins Detail gehen“, winkt er ab. Auch den Vergleich der jetzigen Situation in der Ukraine mit dem ersten Weltkrieg, den der Moderator immer wieder anführt, verneint Joachim Gauck schnell: „Die Kriegsgefahr sehe ich jetzt nicht“, sagt er. Man müsse sich zwar Sorgen machen, doch „die Situation ist jetzt eine ganz andere. Damals ging es um eine Neudefinierung.“ Der „Virus“ sei nicht gebannt, doch die „Schutzimpfungen“ habe man weitgehend. Und zwar in Form von institutionellem Zusammenhalt, wie der Bundespräsident erklärt.

Deutschland soll nicht zusehen, sondern aktiv handeln

Trotzdem hat er einen Tipp: „Deutschland darf bei Konflikten nicht aus der Ferne zuschauen, sondern muss aktiv handeln.“ Es sei wichtig, Kontakte und Gesprächsfäden auszunutzen. Weiter sagt der ehemalige Pastor aber auch, dass man eine Schutzverantwortung habe. „Die Abstinenz von militärischen Mitteln ist nicht immer richtig.“ Wie die Völker übereinander denken, macht er am Ende mit einem Vergleich zum Fußball – ja Fußball – deutlich: „Da denkt man sich bei Schalke und Dortmund oder Bayern ja auch: Wieso ist der so und nicht anders?“ Der Bundespräsident ist eben anders als seine Vorgänger, bringt Ruhe und Gelassenheit ins Amt. Und „mit Gottes und Menschen Hilfe wird es schon gut gehen“, ist er sich sicher. Sehr zuversichtlich und irgendwie auch sehr sympathisch.