Neu am Tatort – der wunderbare Herr Tukur

Angelika Wölke
In „Wie einst Lilly“ feiert Ulrich Tukur seine Tatort-Premiere beim Hessischen Rundfunk. Foto: HR
In „Wie einst Lilly“ feiert Ulrich Tukur seine Tatort-Premiere beim Hessischen Rundfunk. Foto: HR
Foto: HR/Johannes Krieg

Essen. Zum 40. Geburtstag beschenkt die ARD die Zuschauer mit einer der besten „Tatort“-Folgen der vergangenen Jahre – mit ungewöhnlichen Bildern, einer Geschichte jenseits der Routine und mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot.

Ursprünglich, so war die Idee, sollten möglichst viele Tatort-Kommissare in einer Folge ermitteln. Zum 40. Geburtstag, der am Sonntag einen Tag zu früh begangen wird, sollte auf einem Weiterbildungsseminar für Kommissare ein Mord passieren. Und 27 bekannte Ermittler sollten für Quote sorgen. Daraus wird nichts. „Gondel zum Schafott”, so der Arbeitstitel, wurde nicht realisiert. Kritiker werfen den ARD-Verantwortlichen vor, sie hätten nicht den Mut, etwas zu entwickeln, was den Sehgewohnheiten widerspricht.

Einer der besten Krimis der vergangenen Jahre

Ausnahmsweise darf man erfreulicherweise diesen Mäklern endlich einmal widersprechen. Wenn am Sonntagabend Ulrich Tukur als Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot einen Tag vor dem tatsächlichen Jubiläum, das am 29. November 1970 mit „Taxi nach Leipzig“ gefeiert wurde, in die Wohnzimmer kommt, muss man gestehen: Der ARD ist einer der besten Krimis in der jüngeren Geschichte der Reihe gelungen. Obwohl – oder gerade weil – er an den Sehgewohnheiten kratzt.

Als LKA-Ermittler kehrt Felix Murot in „Wie einst Lilly”, ARD, 20.15 Uhr, an die Stätten seiner Kindheit am hessischen Edersee zurück. Ein Mann liegt erschossen in einem Ruderboot, daneben eine Waffe, die aus dem Umfeld der RAF zu stammen scheint. Die Polizei vor Ort geht von Selbstmord aus, doch Murot bezweifelt die Theorie, mietet sich in einer kleinen Pension ein und beginnt mit seinen Untersuchungen. Dabei trifft er zunächst auf die Pensionswirtin Jana Maitner (Martina Gedeck), die ihn an seine Jugendliebe Lilly erinnert.

Stimmungsvolle Bilder und ein Schauspiel-Star, der dem Tatort Glanz verleiht

Lilly wird er nicht begegnen. Aber Lilly begleitet ihn. Denn Lilly tauft er seinen Gehirntumor, diese „Haselnuss, gleich neben der Erinnerung“, die zu Beginn des Films diagnostiziert wird. Lilly lässt Murot besser schmecken und riechen, lässt ihn die Menschen und die Welt anders sehen, schärft seine Wahrnehmung. „Da brauchen Sie ja keine Lesebrille mehr“, sagt seine Mitarbeiterin Magda Wächter (Barbara Philipp). Die beiden haben Spaß am schwarzen Humor.

Der Schauspiel-Star Ulrich Tukur verleiht dem Tatort neuen, ungewöhnlichen Glanz. Er passt in kein Klischee, gibt sich nicht actiongetrieben, agiert sensibel, humorvoll, ganz anders als man es vom „Tatort“ bisher kennt.

Ähnlich wunderbar, stimmungsvoll und ästhetisch sind die Bilder, die Regisseur Achim von Borries eingefangen hat. Dieser „Tatort“ ist erfrischend unkonventionell, bricht aus der Routine aus, thematisiert mal etwas anders als Korruption, Asylproblematik, Kindesmissbrauch oder Menschenhandel. Danke dafür.