Nazi-Vergleich bei Anne Wills Diskussion um Osama bin Laden

Moderatorin Anne Will. Foto: NDR/Wolfgang Borrs/ddp
Moderatorin Anne Will. Foto: NDR/Wolfgang Borrs/ddp
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Eine zahme Talk-Runde um die Tötung von Osama bin Laden bei Anne Will kommt nicht ohne Nazi-Vergleich aus – das führt die Ex-SPD-Justizministerin Däubler-Gmelin vor. Sie führt Nazi Adolf Eichmann als Beispiel für Prozess gegen einen Massenmörder an.

Essen. Osama bin Laden wurde erschossen und unsere Kanzlerin sagte, sie freue sich darüber. Eine Woche ist seitdem vergangen, eine Woche in der nun wirklich jeder seine Meinung dazu geäußert hat, und zwar von Helmut Schmidt bis zur Koslowski aus dem dritten Stock, die im Treppenhaus zur Müllerin aus der Zwoten sagte: „Man soll sich ja nicht freuen, wenn ein Mensch stirbt, aber wenn man sich anguckt, was der gemacht hat.“ Dass nun also, nachdem die Koslowski ihr Statement schon abgegeben hatte, auch Anne Will noch einmal darüber sprechen wollte, ob die Amerikaner nun durften oder nicht, das machte neugierig: Denn den Zuschauern kann man, wenn man zu spät kommt, eigentlich nur noch eine Saalschlacht bieten oder aufregend neue Erkenntnisse. Was von beidem, fragte man sich also am Sonntag, will die Will?

Für eine Saalschlacht, das wurde beim ersten Blick in die Runde klar, waren die Gäste zu gut erzogen: ein Diplomat, zwei Wissenschaftler und ein netter Journalist. Höchstens bei der Ex-Ministerin konnte man vorher nicht ganz sicher sein, ob es nicht am Ende einen Eklat geben würde, weil jemand sagt, sie habe ihn mit einem Nazi verglichen. Doch dazu später.

Erst einmal musste man sich mit den neuen Erkenntnissen beschäftigen, und zwar:

1. Dass man hier die ganz falsche Frage diskutiert, das meinte nämlich der frühere US-Botschafter John Kornblum gleich zu Beginn: Es sei rückwärtsgewandt, über die rechtlichen und moralischen Fragen von „Operation Geronimo“ zu streiten, ließ er durchblicken: „Bin Laden ist tot. US-Präsident Obama hat die Aufgabe, aus dieser Tatsache eine Strategie zu machen. Aber Europa ist bei diesen Tatsachen nur Zuschauer.“ Und dann, als er sich warm geredet hatte: „Wir erleben eine dieser Eruptionen, wo die Europäer sich den Amerikanern überlegen fühlen wollen. Aber dieser Weg führt zu Impotenz, weil man nicht am Geschehen teilnimmt.“

2. Dass das Vorgehen der Amerikaner im höchsten Maße pragmatisch war, das erkannte der Philosoph Richard David Precht an: „Ich könnte mir vorstellen, dass ein getöteter bin Laden für die USA besser ist als ein lebender: So muss man keine Anschläge fürchten, die das Ziel haben, ihn freizupressen.“ Dennoch überwog für Precht die Furcht vor den unerwünschten Folgen dieses Pragmatismus: „Ich dachte früher auch, es wäre das Beste, die Führer zu liquidieren. Aber wenn das Schule macht, wird das eine gefährliche Atmosphäre des Misstrauens erzeugen.“ Und weil das für einen Precht dann doch irgendwie zu wenig prägnant klang, schob er rasch nach: „Es ist der Staaten unwürdig, es ist die Methode der Terroristen.“

3. Dass weder die Navy Seals noch sonst irgendein Soldat den Terror besiegen kann, das glaubt der Journalist Ulrich Kienzle: „Wir müssen uns endlich verabschieden von dem Glauben, unsere Freiheit werde am Hindukusch verteidigt. Unsere Freiheit wird verteidigt im Sauerland und am Frankfurter Flughafen. Wir sind nicht in der Lage, den Terror zu besiegen, sagte Kienzle. Wir müssen lernen, mit dem Terror zu leben, und zwar für eine längere Phase. Das ist ein furchtbarer Gedanke, aber es ist der einzig realistische.“

4. Dass wir hier einer ganz neuen Form des gerechten Kriegs bei ihrer Entstehung zusehen können, das ist die Einschätzung des im Dienst der Bundeswehr stehenden Historikers Michael Wolffsohn: „Das ist Krieg unter Verhinderung von zivilen Opfern. Wenn wir schon so etwas Schreckliches machen wie Krieg, dann bedeutet das gezielte Töten des Befehlshabers unter Schonung von Zivilisten wirklich humane Kriegsführung.“ Das sei pragmatisch und moralisch, so Wolffsohn. „Es ist in der Geschichte des Krieges etwas völlig Neues.“

5. Dass man nicht Rache empfinden muss, obwohl man Opfer wurde, das zeigte das kurze Gespräch der Moderatorin mit Lars Fiechtner, der durch den Anschlag auf das World Trade Centre seine Schwester verloren hat. Warum erniedrigt die westliche Welt noch immer die Araber, fragte er? „Wir produzieren Terrorismus durch ungerechte Verteilung.“ Das sei, wo doch nun fast zehn Jahre ins Land gegangen sind, furchtbar frustrierend.

6. Dass man an so einem Abend dann doch nicht ohne Nazi-Vergleich auskommt – das führte tatsächlich die frühere SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin vor: „Bei uns in Deutschland wäre die Erleichterung sehr groß gewesen, wenn man bin Laden ergriffen und vor Gericht gestellt hätte. Eichmann wurde in Israel vor Gericht gestellt, das war auch eine Riesen-Belastung für Israel, aber es hat dazu beigetragen, die Verbrechen aufzuklären.“

Außerdem wurde deutlich, dass durch die unselige Angewohnheit, den getöteten Feind nur beim Vornamen zu nennen, die Gefahr peinlicher Versprecher auch nach einer Woche noch ziemlich hoch bleibt. „Obama ist tot“ – das war an diesem Abend keine Drohung von El Kaida, sondern die Feststellung von John Kornblum.

Das alles zusammengenommen war dann doch schon etwas komplexer und unterhaltsamer als das, was die Koslowski vor einer Woche sagte, als sie im Treppenhaus die Müllerin traf. Aufregend anders war es aber nicht, und das wird die Koslowski gestern vor der Kiste sicher auch bemerkt und als große Bestätigung empfunden haben.

 
 

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