Munterer Beckmann-Talk zu Jugendgewalt

„Jugendgewalt in Deutschland – Kuscheljustiz statt Opferschutz“ war das Thema des Abends bei ARD-Talker Reinhold Beckmann. (Foto: NDR/Morris Mac Matzen)
„Jugendgewalt in Deutschland – Kuscheljustiz statt Opferschutz“ war das Thema des Abends bei ARD-Talker Reinhold Beckmann. (Foto: NDR/Morris Mac Matzen)
Foto: NDR/Morris Mac Matzen
Zum Schluss wurde es richtig munter, so munter, dass ARD-Talker Reinhold Beckmann ein paar Minuten überzog. Die Diskussion über Jugendgewalt und Opferschutz begann beim Strafrecht und endete völlig zu Recht bei der Vorbeugung.

Essen.. Die beiden Berliner, Jugendrichterin Dietlind Biesterfeld und Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), plädierten dafür, sich vor allem in Problemvierteln stärker als bisher um Kinder zu kümmern, um sie erst gar nicht kriminell werden zu lassen.

Buschkowsky: „Ein stärkeres soziales Netzwerk verringert die Zahl der Täter.“ Biesterfeld warb für mehr Hebammen, die Alleinerziehende und Familien unterstützen. Zudem machte sie sich für mehr männliche Erzieher in Kindergärten und Tagesstätten stark. Positive, gewaltfreie Vorbilder seien wichtig für Jungs.

Zuvor ordneten Beckmann und seine Gäste spektakuläre Fälle von Jugendgewalt im Nahverkehr ein. Sie erregten Aufsehen wegen ihrer sinnlosen Brutalität. Sie erregten aber auch buchstäblich Aufsehen, weil sie von Kameras aufgezeichnet worden waren. Beckmanns Anmoderation legte den Verdacht nahe, es gebe heutzutage mehr rohe Jugendgewalt als früher. Die Experten bestätigten diesen Eindruck nicht. Buschkowsky: „Die Jugendkriminalität ist nicht gestiegen.“ Verbreitete Rechtsverstöße seien Schwarzfahren in Bus und Bahn sowie Fahren ohne Führerschein.

Intensität blutiger Übergriffe gestiegen

Richterin Biesterfeld verwies darauf, dass in diesem Jahr in Berlin 13 Tötungsdelikte von Erwachsenen aktenkundig geworden seien. Drei Tötungsdelikte wurden ihr zufolge von jungen Tätern begangen.

Allerdings sprachen Buschkowsky und Gerichtsreporterin Sabine Rückert von der „Zeit“ davon, die Intensität blutiger Übergriffe sei gestiegen. Und Rückert stellt die Frage nach der Ursache: „Woher kommt der Frust?“ Die Frage blieb unbeantwortet.

Beantwortet wurde allerdings die Frage, ob junge Verdächtige in Untersuchungshaft genommen werden sollten. Richterin Biesterfeld verwies darauf, dass dafür die Gefahr von Flucht, Verdunkelung beziehungsweise Wiederholung vorliegen müsse. Angeklagte müssten sich auch ohne Untersuchungshaft später vor Gericht verantworten. Konsens war in der Expertenrunde, die Zeit zwischen Tat und Urteil zu verkürzen, allein deswegen, damit junge Straftäter diesen Zusammenhang auch spüren. Derzeit beträgt die Zeitspanne oft ein Jahr und mehr.

Ex-Bandenmitglieder „sind die besten Co-Therapeuten“

Gefängnispsychologe Michael Heilemann empfahl seine Berufsgruppe, um vor allem inhaftierte Gang-Mitglieder zu therapieren. Er warb für trainierte Therapeuten, die allein über ihre körperliche Präsenz verrohten jungen Kriminellen Respekt einzuflößen könnten. Das sei eine wichtige Voraussetzung für deren erfolgreiche Eingliederung in die friedliebende Mehrheitsgesellschaft. Ehemalige Bandenmitglieder seien „die besten Co-Therapeuten“, meinte Heilemann. „Das ist Opfer- und Täterschutz zugleich.“

Zu Beginn des Talks hatte Beckmann die Frage des Abends „Jugendgewalt in Deutschland – Kuscheljustiz statt Opferschutz“ aus der Opfer-Sicht beleuchtet. Zunächst hatte der Hamburger Uwe Rausch bemerkenswert nüchtern geschildert, wie er in einer U-Bahn-Station attackiert wurde. Er hatte einem anderen Passagier helfen wollen, als der von einem Duo angegriffen wurde. Stattdessen warf ihm einer der Täter einen Stein so heftig an den Kopf, dass er kaum eine Erinnerung an die Tat hat. Opferschutz boten Polizisten, die ihn an den Weißen Ring vermittelten. Ein Täter wurde gefasst und zu einer mehr als zweijährigen Haftstraße verurteilt. Was Rausch empörte: Die Entschuldigung des Angeklagten wirkte auf ihn wie Prozesstaktik, um das Gericht milde zu stimmen, und Schmerzensgeld sah Rausch nach eigenem Bekunden bis heute nicht.

Entschuldigungen der Täter als Prozesstaktik

Noch mehr Empörungspotenzial enthielt ein Fall aus dem bergischen Wipperfürth. Ramona Diegmann flossen die Tränen gleich bei Beckmanns erster Frage nach dem brutalen Angriff auf ihren Bruder Benjamin, aus nichtigem Anlass. Bereits der erste Faustschlag kostete den 18-Jährigen das Leben. Fünf von insgesamt sechs Tätern, allesamt ohne Vorstrafen, wurden ermittelt und angeklagt. Sie kamen mit Bewährungsstrafen davon. Das widersprach dem Gerechtigkeitsempfinden von Benjamins Vater Bernd Diegmann. Während des Prozesses sahen die Täter zu Boden, auch in diesem Fall empfanden die Angehörigkeiten die Entschuldigungen der Täter als Prozesstaktik. Obendrein treffen Vater und Tochter Diegmann die Täter immer wieder in der Kleinstadt Wipperfürth. Folge: Bernd Diegmann ist so krank, dass er derzeit nicht arbeiten kann.

Beckmann legte ihm mit seiner Frage die Antwort in den Mund, mit einer härteren Strafe ginge es ihm besser.

Der Moderator leitete daraus die Frage ab, ob das deutsche Jugendstrafrecht geändert werden müsse. Gerichtsreporterin Rückert entgegnete, das bisherige Prinzip Erziehung statt Sühne sei grundsätzlich richtig. Lediglich in Einzelfällen werde es nicht richtig angewandt. Richterin Biesterfeld rügte Beckmanns Gäste-Auswahl. Der Fall aus Wipperfürth sei „ein extremer Einzelfall“. Auch Bezirksbürgermeister Buschkowsky verlangte keine Verschärfung des Rechts. Die bestehenden Paragrafen müssten nur „konsequent angewandt“ werden.

Rückert dachte die Debatte zu Ende. Es sei billiger, sagte sie, Gesetze zu verschärfen, als Vorsorgemaßnahmen und Erziehungseinrichtungen auszubauen.

 
 

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