Michael Steinbrecher - Deshalb reformiert er das "Nachtcafé"

Seit dem 9. Januar 2015 moderiert Michael Steinbrecher das "Nachtcafé" im SWR-Fernsehen.
Seit dem 9. Januar 2015 moderiert Michael Steinbrecher das "Nachtcafé" im SWR-Fernsehen.
Foto: Knut Vahlensieck/Archiv
Manche sahen im "Nachtcafé" das "Wetten, dass..?" des SWR. Wer sollte den Talk-Dino nach Wieland Backes fortführen? Doch dann kam der Dortmunder Michael Steinbrecher. Der will das Konzept des TV-Klassikers weiterentwickeln - ganz bewusst aber nur wenig ändern.

Stuttgart.. Der Schatten von Wieland Backes ist lang. Doch Michael Steinbrecher ficht das nicht an. Der frühere Anchorman des ZDF-"Sportstudios" moderiert nach der Sommerpause bereits sein 25. "Nachtcafé", das Talk-Flaggschiff im SWR-Fernsehen.

Der 49-Jährige findet es völlig okay, dass er nur noch im dritten Programm unterwegs ist. Ein Gespräch über den vermeintlichen Abschied aus der Promiwelt, einen Anruf im Café und das Alter.

Vor fast zwei Jahren haben Sie beim ZDF-"Sportstudio" aufgehört. Was haben Sie gedacht, als Sie Ihr Büro geräumt haben?

Info Michael Steinbrecher: Ich habe das mit einem sehr guten Gefühl getan, weil ich die Entscheidung sehr bewusst getroffen habe. Hildegard Hamm-Brücher, die FDP-Politikerin, hat mal gesagt: Es ist dann der richtige Moment für einen Abschied, wenn noch viele Menschen sagen: "Schade". Den Moment wollte ich nicht verpassen. Es lief über 20 Jahre alles gut. Warum soll man nicht auch dann mal gehen? Ich habe das auch nicht gemacht, weil ich schon etwas anderes im Kopf hatte.

Dann sind Sie Anfang 2015 beim "Nachtcafé" eingestiegen - als Nachfolger von Wieland Backes. Hatten Sie Entzugserscheinungen?

Steinbrecher: Ich habe mich ohne Moderation wohlgefühlt. Schließlich füllt mich meine Arbeit an der TU Dortmund als Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus aus. Es war sicher keine Frage, dass ich eine Art Entzug hatte, wieder ins Fernsehen zu müssen. Es war ein Sommertag vor einem Jahr, ich saß mit meiner Frau in einem Café, als der Anruf kam. Da musste ich gar nicht lange nachdenken.

Das "Nachtcafé" hat 1987 begonnen, einige Monate vor "Doppelpunkt", die ZDF-Sendung, mit der ich angefangen habe. In beiden Sendungen geht es um ein Thema, in beiden Sendungen haben vor allem auch Unbekannte die Möglichkeit, sich zu Themen zu äußern, die ihnen wichtig sind. Und jetzt vom ehemaligen Verbündeten gefragt zu werden, das war schon etwas Besonderes.

Backes hatte zu seinen besten Zeiten fast 20 Prozent Marktanteil. Sind Sie zufrieden mit Ihren Quoten?

Steinbrecher: Die Redaktion lässt sich nicht vom Wettlauf um die Quote antreiben. Wir diskutieren darüber, welches Thema wichtig ist. Das ist auch die beste Voraussetzung, um weiter so eine gute Zuschauerresonanz zu haben. Wir liegen bisher bei rund 12 Prozent Marktanteil im ersten Halbjahr. Das ist sehr gut und entspricht dem Jahresschnitt der letzten fünf Jahre des "Nachtcafés".

Wir haben Einschaltquoten bis 15,9 Prozent und liegen insgesamt auf Platz eins der Talkshows in den Dritten am Freitagabend bezogen auf das jeweilige Sendegebiet. Und wir haben ja erst angefangen, wir wollen uns auch strukturell weiterentwickeln und sehen, wo noch Potenziale sind.

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir über die 90 Minuten am Freitagabend hinaus Anlaufstelle für die Themen werden, die die Leute interessieren, sei es über Bücher oder über unsere Online-Angebote.

Die Sendung ist noch fast genauso wie bei Wieland Backes. Warum eigentlich?

Steinbrecher: Im "Nachtcafé" werden relevante Themen besprochen, also warum sollte man das ändern? Es wäre auch ein großer Fehler, nicht mehr auf Unbekannte zu setzen. Wir haben 60 Prozent Unbekannte, 10 Prozent Experten und etwa 30 Prozent Prominente. Und die 60 Prozent Unbekannten tragen diese Sendung. Sie diskutieren mit den Prominenten auf Augenhöhe.

Wir setzen die Qualitäten fort, aber wir bleiben nicht stehen. Unsere Aufgabe ist, das "Nachtcafé" weiterzuentwickeln. Ich kann mir Sendungen vorstellen, die von deutlich weniger Gästen leben. Wir gehen da Schritt für Schritt voran.

Wenn der Nacht-Talker Jürgen Domian Ende 2016 aufhört, sind Sie womöglich der letzte Talker, der schwierige, auch mal traurige Themen anpackt. Warum ist das so?

Steinbrecher: Ich finde das schade, dass Domian aufhört. Ich finde unser Format auch besonders, weil man das nicht in vielen Sendungen sieht. Dass diese Sendungen von so vielen Leuten geschaut werden, das sollten wir als Ermutigung sehen, genau da weiter zu machen, denn da sollte keine Lücke entstehen. Das gehört ins Fernsehen.

Streben sie mit dem "Nachtcafé" ins Erste?

Steinbrecher: Das ist jetzt gar nicht in meinem Fokus. Wenn uns die Weiterentwicklung der Sendung weiterführt, wäre das gut. Ich glaube schon, dass wir eine ergänzende Qualität und ein besonderes Profil haben.

Die Talkshows im Dritten haben eine nationale Dimension. Ich sehe uns am Freitagabend nicht schlecht aufgehoben. Wenn ich mir die gesamte Talkshowlandschaft angucke, gibt es eine große Fixierung auf Prominente - Unbekannte kommen mit ihrem Erleben und ihren Meinungen nur sehr wenig zu Wort.

Können Sie Zuhause auch gut zuhören?

Steinbrecher: Ja, würde ich schon sagen. Ich glaube, meine Frau würde das auch sagen. Wobei wir auch durchaus sehr streitfreudig sind. Zuhören ist das eine, streiten können ist das andere. Und beides gehört zusammen.

Könnte es sein, dass das Ende des Fernsehens bevorsteht?

Steinbrecher: Wenn man sich die Prognosen von vor fünf Jahren anguckt, dann dürfte es schon heute kein Fernsehen mehr geben. Viele haben den Tod schon prophezeit, und heute sehen wir, dass es nach wie vor lebendig ist. Man sieht auch, dass sich das Onlinemedium weiterentwickelt und Formate kommen, die vom Fernsehen herkommen.

Ich glaube nicht, dass sich das Fernsehen so schnell in Bedeutungslosigkeit auflöst. Aber es ist abzusehen, dass Online gerade bei den Jüngeren immer wichtiger wird. Aber auch da werden Trends immer schneller. Facebook gilt bei den ganz Jungen auch schon wieder als Seniorennetzwerk.

Wie stehen Sie denn zu Twitter? Jemand, der sich über 90 Minuten freut, dem müssten ja 140 Zeichen ein Gräuel sein?

Steinbrecher: Ich sehe das zweigeteilt. Ich bin auf bestimmten Netzwerken präsent, aber nicht mit meinem Namen. Ich werde nie derjenige sein, der spontan seine Sicht der Welt absetzt. Für mich persönlich sind die 140 Zeichen nicht die richtige Form. Manches braucht mehr Zeichen.

Sie werden Ende des Jahres 50 - sind Sie beim Alter auch so gelassen?

Steinbrecher: Ich bin nicht in allen Bereichen gelassen. Wenn ich Fußball spiele, bin ich überhaupt nicht gelassen. Weil wenn ich da mich vergleiche mit meinen Möglichkeiten, die ich mit Mitte 20 hatte, dann kann ich schon sehr emotional werden. Fußball kann ich nicht wirklich entspannt sehen, das hängt aber auch mit meiner Art zu spielen zusammen.

Ansonsten bin ich ein Sammler von Jahren. Die 50 ärgert mich nicht. Ich würde schon gern 70, 80 oder 90 werden, aber man hat es nicht in der Hand. (dpa)

 
 

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