"Mein Sohn Helen" – Junge will Mädchen werden

Tobias (Heino Ferch) und Helen (Jannik Schümann) kommen zur Transgender-Kids-Party.
Tobias (Heino Ferch) und Helen (Jannik Schümann) kommen zur Transgender-Kids-Party.
Foto: ARD Degeto/Britta Krehl
Der ARD-Film wirbt dafür, einem Außenseiter mit Respekt zu begegnen. Für Heino Ferch und – noch mehr – Jannik Schümann eine Chance, alles zu geben.

Frankfurt.. Dem Fernsehen wird häufig Mutlosigkeit vorgeworfen. Besonders stark galt die Kritik der Frankfurter ARD-Filmtochter Degeto. Das hat sich geändert. Unter der Führung von Christiane Strobl traut sich die Degeto, bisher unerzählte Geschichten zu präsentieren – wie „Mein Sohn Helen“.

Regisseur Gregor Schnitzler und Drehbuch-Autorin Sarah Schnier zeigen keine deutsche „Tootsie“. Es geht ihnen nicht um das Schicksal eines Transvestiten, sondern um einen Transsexuellen, von denen es in Deutschland einige Tausend gibt. Ein Thema, das manchen Zeitgenossen irritieren mag, weil es hergebrachte Geschlechter-Vorstellungen auf den Kopf stellt. Aber es lohnt, sich darauf einzulassen.

Dem Film gelingt die Balance zwischen dröge und schmalzig

Der 17-jährige Finn (Jannik Schümann) kehrt nach einem Auslandsjahr in den USA als Helen zurück: als Mädchen, das in einem Jungen-Körper leben muss: „Das ist wie Todesstrafe und lebenslänglich auf einmal“, wie es heißt. Helen setzt alles daran, ihr Geschlecht per Hormongabe und Operation umzuwandeln. Damit stellt sie sich selbst sowie ihr Umfeld in Familie und Schule vor eine Herausforderung, die zu einer Zerreißprobe für scheinbar unzerstörbare Beziehungen wird.

Eine Herausforderung ist das Thema auch für die Filmemacher. Sie sind sich dessen bewusst. Genau deshalb beginnt und endet das Beziehungsdrama mit einer Balancier-Szene. Der Film hält die Balance. Dass eine schrille Klamotte als äußere Form nicht in Frage kam, versteht sich beinahe von selbst. Keineswegs selbstverständlich ist allerdings, dass der Film weder dröge belehrend noch aufdringlich schmalzig für Respekt und Mitgefühl wirbt.

Jannik Schümann zeigt, dass er zu den größten TV-Talenten gehört

Einen großen Anteil daran hat Jannik Schümann, der zu den ganz großen Talenten des deutschen Fernsehens zählt. Obwohl erst Anfang 20, ist der gebürtige Hamburger ein alter Hase im TV-Geschäft. In dem mehrfach ausgezeichneten Mobbing-Drama „Homevideo“ von 2011 hinterließ er bereits seine Visitenkarte. Doch als Helen zeigt er, was er wirklich drauf hat. Schümann zeigt feindosiert die Körpersprache junger Frauen. Zudem erlaubt er auch einen glaubwürdigen Blick in ihr Seelenleben. Den Zwiespalt, zwischen zwei Geschlechtern zu leben, verdeutlicht Schümann besonders in den Schulsport-Szenen. Auf den ersten Blick wirkt Helen, mit langer Mähne und weichen Gesichtszügen, wie ein Mädchen. Doch sie läuft so kraftvoll wie ein Mann.

Heino Ferch überzeugt als Gegenpart seines TV-Kindes

Helens Gegenpart ist ihr verwitweter Vater, den Heino Ferch als Kerl alter Schule verkörpert. Er trägt Lederjacke, grillt Steaks und mag die Sprüche seiner Männer-Clique. Er tut sich schwer damit zu akzeptieren, dass sein Sohn seine geschlechtliche Identität komplett wechseln will. Doch Helens Vater ist die Schlüsselfigur in der Geschichte. Immerhin steht nichts weniger als die Vater-Kind-Beziehung auf dem Spiel.

Bleibt zu hoffen, dass der gelungene Film die nötige Aufmerksamkeit erhält. Ein Selbstläufer ist er nicht. Freitags erwartet das Publikum im Ersten Komödien.

Fazit: Der Film wirbt dafür, Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Feinfühliges Drehbuch, großartige Hauptdarsteller.

Freitag, 24. April, ARD, 20.15 Uhr

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