Mein letztes Dschungelcamp - Betreten auf eigene Gefahr?

Essen. Die unverhohlene Verachtung der Moderatoren gegenüber allen Kandidaten stößt Westropolis-Autor Ingo Juknat bitter auf. Er hat reingeschaut - jetzt fühlt er sich schlecht. Es ist sein letztes Mal, denn der Ekel, den er verspürte, hatte nichts mit Maden oder Ratten zu tun.

Hatten Sie schon mal das Bedürfnis, sich nach einer Fernsehsendung zu waschen? Ich ja. Die Sendung heißt „Dschungelcamp“. Ich habe sie aus beruflichen Gründen geguckt. Das stimmt wirklich. Ich sagte mir, so schlimm kann es nicht sein, immerhin hast Du schon mehrmals „Galileo“ auf Pro Sieben durchgehalten, das ist die unterste Sprosse der Niveau-Leiter. Dachte ich.

Der Ekel, den ich beim Dschungelcamp empfinde, hat nichts mit Maden und Ratten zu tun, auch nicht mit den Kandidaten. Dafür umso mehr mit Sonja Zietlow, Dirk Bach und den Leuten hinter dieser Sendung. Zum Vergleich: Selbst bei superzynischen Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Popstars“ gibt es eine kleine Zahl von Teilnehmern, die die Jury mit Respekt behandelt. Das Dschungelcamp hingegen basiert auf der unverhohlenen Verachtung für alle Kandidaten. Das ist ein Novum.

Um nur ein Beispiel aus der der 60minütigen Beleidigungskaskade herauszugreifen (es geht um Günther Kaufmann, der sich gerade mit Christina Lugner die Badewanne geteilt hat):

Zietlow: „Günther sieht als, als wollte er Mausi [Lugner] gleich niederschlagen und in den Dschungel tragen.“

Bach: „Jaja, Günther und die weiße Frau“.

Fehlte nur noch die Bemerkung, Kaufmann kenne sich im Dschungel als Schwarzer ja sicher aus. Damit war der Tiefpunkt der Sendung allerdings noch nicht erreicht. Es ging noch geschmackloser. Den Rauswurf von Muskelprotz Meziani quittierte Zietlow mit der Bemerkung, der Arme sei ja so abgemagert, dass man nur hoffen könne, die Rote Armee werde das Lager bald befreien.

Ein perverser Ehrenkodex hat sich durchgesetzt

Der einzige Grund, an dieser Stelle weiterzuschauen, bestand für mich in der vagen Hoffnung, einer – irgendeiner! – der Kandidaten möge aufstehen, sich von seiner Verdrahtung befreien, die Kameras umschmeißen und nach Hause gehen. Dass das nicht passierte (und nicht passieren wird), ist das eigentlich Frustrierende am Dschungelcamp.

Dort hat sich ein perverser Ehrenkodex durchgesetzt, der darin besteht, jede Demütigung zu erdulden und als Grenzerfahrung umzudeuten. Stolz berichtete Zietlow gestern, dies sei die erste Dschungelcamp-Staffel, in der keiner der Kandidaten freiwillig gegangen sei oder eine der Prüfungen abgelehnt habe. Diese an sich niederschmetternde Nachricht wurde von den Kandidaten mit stolzen „ahhs“ und „ohhs“ aufgenommen.

Unterschrift geleistet, Pech gehabt

Das Standardargument, das für Sendungen wie das Dschungelcamp (aber auch sämtliche Castingshows) vorgebracht wird, lautet, dass die Kandidaten freiwillig mitmachen und wissen, worauf sie sich einlassen. In derselben Logik müsste es erlaubt sein, über einen brüchigen Eissee zu gehen oder auf Hochspannungsmasten zu klettern. In der Regel stehen dort aber Verbotsschilder. Sie drücken einen gesellschaftlich-moralischen Konsens aus: dass es nämlich Fälle gibt, in denen man Menschen vor sich selbst schützen muss. Genau diesen Konsens brechen Sendungen wie das Dschungelcamp. Die Kandidaten sind Freiwild – Unterschrift geleistet, Pech gehabt.

Es geht hier zwar nicht um Leben und Tod. Dennoch muss man fragen, ob eine Sendung, deren Alleinprinzip (mit Betonung auf „Allein-“) in der Folter und Lächerlichmachung ihrer Kandidaten besteht, eine Existenzberechtigung hat. Ich sage auf jeden Fall, bye-bye, Dschungelcamp. Für mich war's das.

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