Magdeburger „Polizeiruf 110“ mit spannender Jubiläumsfolge

Doreen Brasch (Claudia Michelsen) wird im aktuellen „Polizeiruf 110“ mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Doreen Brasch (Claudia Michelsen) wird im aktuellen „Polizeiruf 110“ mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Foto: MDR
Matthias Matschke muss bei seiner Premiere als Kommissar im Magdeburger „Polizeiruf 110“ gleich in einem schwierigen Milieu ermitteln.

Berlin..  Wenn man einen Preis ausloben würde für die härteste Kommissarin im Sonntagabendkrimi, dann wäre Claudia Michelsen alias Doreen Brasch ganz vorn mit dabei. Zum sechsten Mal ermittelt sie für den „Polizeiruf 110“ in Magdeburg. Sie ist eine Einzelgängerin mit Motorrad, die mit ihren Kollegen ungern mehr als das Nötigste redet und Freundlichkeit im Job für Nötigung hält. „Also wenn Sie mich fragen ...“, hebt ihr neuer Kollege an, und sie unterbricht ihn rüde: „Ich frage Sie aber nicht.“ Brasch und barsch: Es ist kein Zufall, dass sich die beiden Wörter so ähneln.

Der neue Kollege heißt Dirk Köhler (Matthias Matschke) und kommt vom Bundeskriminalamt in Düsseldorf. Er löst Jochen Drexler alias Sylvester Groth ab, und er ist in vielem dessen Gegenteil: Wo Drexler einsilbig und oft auf eine unheimliche Art verschroben war, ist Köhler jovial, ein Teamarbeiter mit einer etwas penetranten Freundlichkeit. Für Doreen Brasch ist das keine gute Neuigkeit. Sie möchte sich am liebsten allein dem Fall widmen, den Regisseur Matthias Tiefenbacher in der Anfangssequenz mit drastischen Bildern illustriert: ein Unbekannter drischt wild auf einen Jungen ein. Der kann sich, vor Schmerzen gekrümmt, noch bis vor das Polizeirevier schleppen, stirbt dort aber an seinen Verletzungen.

Einstand für den neuen Ermittler

Das tote Kind heißt Marco, zwölf Jahre alt. Er war eines von drei Pflegekindern der Familie Schlichow, die in Magdeburg eine Wäscherei betreibt und noch eine leibliche Tochter namens Bella hat. Es kommt zu einer Szene, die Regisseure vor allem deshalb vor Probleme stellt, weil sie in jedem zweiten Krimi vorkommt: die Todesnachricht wird überbracht. Aber Tiefenbacher hat ein gutes Gespür dafür, wie man die Klischees vermeidet. Wir hören, wie sich der Vater in der Toilette erbricht und danach um Fassung ringt, wir sehen das maskenhafte Gesicht der Mutter. Steht sie unter Schock oder lässt sie der Tod ihres Pflegekindes kalt?

Es ist etwas seltsam in dieser Familie, auf die sich dieser Film nun fast ausschließlich konzentriert. War in ihr wirklich alles so heil und kindgerecht, wie es der Leiter des Jugendamtes den Ermittlern weismachen will? Köhler und Brasch stoßen auf immer mehr Ungereimtheiten – nicht ohne dabei permanent miteinander in Streit zu geraten. Denn Köhler fühlt sich ausgeschlossen von den Alleingängen seiner Kollegin. Auch das gehört ja zum Inventar des Krimis: das Gerangel unter den Beamten. Aber langweilig wird es hier nicht.


Der Film versteht es auch gut, seine Geschichte mit dem Privatleben Doreen Braschs in Beziehung zu setzen. „Ich kenn dich doch“, sagt der Leiter des Jugendamtes. Dann erfahren wir nicht viel, aber genug über ihre schwierige Kindheit. Denn auch ihr Leben handelt von abwesenden Vätern und dem Abgleiten in die Kriminalität.

Fazit: Dieser überdurchschnittliche „Polizeiruf“ bleibt spannend bis zum Schluss, mit ihm kann sich die Reihe zum 45. Geburtstag sehen lassen. Er erfindet den Sonntagabendkrimi nicht neu, aber er pflegt seine Tugenden.

KARD, Sonntag, 29. Mai, 20.15 Uhr, „Polizeiruf 110: Endstation“

 
 

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