„Hart aber fair“: Hitzige Diskussion über Essener Tafel – „Ich glaube, Sie wissen gar nicht, was Armut bedeutet“

Mitarbeiter der Essener Tafel verteilen Lebensmittel an die Kunden. Aufgrund der begrenzten Kapazitäten hatte diese Tafel angekündigt, vorerst nur noch Deutsche neu aufzunehmen und war dafür kritisiert worden.
Mitarbeiter der Essener Tafel verteilen Lebensmittel an die Kunden. Aufgrund der begrenzten Kapazitäten hatte diese Tafel angekündigt, vorerst nur noch Deutsche neu aufzunehmen und war dafür kritisiert worden.
Foto: Roland Weihrauch / dpa
Frank Plasbergs Runde diskutierte über die Essener Tafel. „Es geht ganz schnell, dass man alles verliert“, sagt Sänger Frank Zander.

Berlin.  Wie gut, dass es die Große Koalition gibt. „Nur drei Prozent der Menschen über 65 Jahre sind auf die Grundsicherung im Alter angewiesen“, rechnete der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, am Montagabend bei „hart aber fair“ vor. Und jetzt packe Schwarz-Rot auch noch das Thema Mütter- und Garantierente an. Deutschland, ein Schlaraffenland.

Und wie gut, dass Frank Plasberg nicht nur Politiker und Wissenschaftler über Armut diskutieren ließ, sondern Gäste eingeladen hat, die wissen, wie es in Deutschland ganz unten zugeht. Da, wo die Verteilungskonflikte zunehmen, weil das Geld nicht reicht. „Ich glaube, Sie wissen gar nicht, was Armut bedeutet“, empörte sich Manfred Baasner, Vorsitzender der Wattenscheider Tafel, über die Statistiken, mit denen der CSU-Politiker hantierte. „Zu uns kommen Menschen, die haben gerade mal 600 Euro. Die schämen sich, zur Behörde zu gehen“, so der Mann aus der Praxis.

Wie die Wattenscheider Tafel das Problem löste

Die Tafeln sind wieder in der öffentlichen Debatte angekommen, seit sich der Ableger in Essen dazu entschied, künftig keine Migranten mehr in die Lebensmittelvergabe aufzunehmen. Auch Frank Plasberg griff das Thema auf und fragte: „Fremde gegen Deutsche, Arme gegen Arme: Was zeigt der Fall der Essener Tafel?“.

Dass Asylbewerber im Hartz-IV-System landen und damit auch Zugangsberechtigung zur Tafel haben, ist das Eine. Das Andere ist der Umgang damit. „Wir hatten die gleichen Schwierigkeiten“, sagte Manfred Baasner mit Blick auf Essen. Weil dort Migranten, oft Asylbewerber, bei der Lebensmittelausgabe immer breitbeiniger, rücksichtsloser aufgetreten sind, entschied die Leitung, vorerst nur noch Deutsche zusätzlich aufzunehmen. In Wattenscheid, so Baasner, habe man auf Dolmetscher, Sprachkurse, eine getrennte Essensausgabe gesetzt – mit Erfolg. „Heute ist die Stimmung freundschaftlich“.

Politik trifft auf Wirklichkeit

Es tat der Debatte gut, dass Moderator Plasberg keine Diskussion über Flüchtlinge führte, sondern schnell beim eigentlichen Problem ankam: Was es über ein reiches Land wie Deutschland aussagt, dass Menschen überhaupt auf Almosen angewiesen sind. Zumindest für Michael Hüther, den Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, ist klar: „Die Tafeln sind kein Indikator für Armut, sondern ein Zusatzangebot für Menschen mit wenig Geld“, so der Ökonom. Der Sozialstaat garantiere ein menschenwürdiges Leben mit Hartz-IV.

Wo Plasbergs Gäste Hüther und Mayer mit Zahlen, Statistiken und Daten argumentierten, berichteten Tafel-Vertreter Baasner und der Sänger Frank Zander über das, was sie in der Arbeit vor Ort erleben. „Es geht ganz schnell, dass man alles verliert“, sagte Zander, der sich in Berlin für Obdachlose engagiert. „Sie müssen mal morgens zum Bahnhof Zoo kommen und mithelfen“, empfahl der Sänger dem Unions-Innenpolitiker Mayer.

Fünf Fakten, die man jetzt über die Tafeln wissen muss

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Rentenplus gegen soziale Spaltung?

Schon heute ist jeder vierte Tafelkunde ein Rentner, 350.000 Senioren sind auf die günstige Abgabe von Lebensmitteln angewiesen. Wenn das Rentenniveau weiter absinkt, droht immer mehr Menschen der Gang zur Tafel. Auch CSU-Politiker Mayer befürchtet, dass die Spaltung von Arm und Reich weiter zunehmen könnte.

Doch was hilft dagegen? Eine Garantierente von 1050 Euro im Monat, wie es Linken-Chefin Katja Kipping in der Runde forderte? „Das klingt nicht nach Luxus“, sagte Moderator Plasberg. Der Ökonom Michael Hüther findet trotzdem nicht, dass ein solches Modell ins deutsche System von gesetzlicher Rente, Betriebsrente und privater Vorsorge passt. „Sozialpolitik muss nachhaltig sein“, sagte er.

Keine politische Lösung in Sicht

Eine politische Antwort auf die soziale Spaltung in der Gesellschaft konnte Frank Plasbergs Runde in den 60 Minuten erwartungsgemäß nicht liefern. Aber immerhin diskutierte man wieder über das Schicksal von Menschen, die sonst am Rand der Gesellschaft stehen. Dass dafür erst das Fehlverhalten von Migranten notwendig war, ist der eigentliche Skandal.

 

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