"Homo-Hasser" können bei Talk von Sandra Maischberger nicht punkten

Tobias Appelt
Schüler in Baden-Württemberg sollen im Unterricht verstärkt über sexuelle Vielfalt aufgeklärt werden. Das gefällt nicht jedem. Mittels Petition sollen die Pläne gestoppt werden. Am Montag wurde in der Talk-Show von Sandra Maischberger darüber diskutiert. Und schon vorher gab es deswegen Proteste.

Essen. Diese Sendung hatte schon vor ihrer Ausstrahlung für Aufregung gesorgt: Sandra Maischberger wollte diskutieren. Über die zugespitzt formulierte Fragestellung „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?“. Und sofort wurden im Netz Homophobie-Vorwürfe laut.

Stein des Anstoßes war besonders die Gästeliste. Unter anderem ins Studio gebeten wurden der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, und die katholische Journalistin Birgit Kelle. Steeb sorgte bereits früher im TV für Aufsehen, als er sagte, er sei froh, dass keines seiner zehn Kinder schwul geworden sei. Birgit Kelle gehört laut ihrem Verlag zu den „Vordenkerinnen einer neuen selbstbewussten Frauengeneration“. Das schwul-lesbische Magazin „queer“ nannte beide jüngst „notorische Homo-Hasser“.

Warum Hera Lind eingeladen wurde, blieb unklar

Auf der anderen Seite saßen der offen mit seiner Homosexualität umgehende CDU-Politiker Jens Spahn, die Travestie-Künstlerin Olivia Jones – und Hera Lind. Warum die Schriftstellerin („Das Superweib“) eigentlich eingeladen wurde, weiß niemand so genau. Aber sie hat Kinder, verkörpert irgendwie eine Mutter-Figur und diente daher wohl als Stimme der Vernunft.

Worum es in der Sendung gehen sollte – den Plan der baden-württembergischen Landesregierung im Schulunterricht verstärkt über sexuelle Vielfalt aufzuklären – geriet über weite Strecken in den Hintergrund. Stattdessen wurde das ganz große Fass aufgemacht: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft? Was ist mit der Homo-Ehe? Wie steht’s eigentlich um die Akzeptanz des Adoptionsrechts bei gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern?

Olivia Jones kritisiert "mittelalterlich geführte" Diskussion

„Hysterisch und mittelalterlich wird die ganze Diskussion geführt“, kritisierte Olivia Jones, die mit ihrem paradiesvogelartigen Erscheinungsbild stets sehr sichtbar für ihre Überzeugungen eintritt. „Da habe ich noch viele Jahre Arbeit vor mir“, warb sie für ihren Einsatz für mehr Toleranz.

Vergebene Liebesmüh? Möglicherweise. So präsentierte etwa die Journalistin Kelle ein Papier der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Titel: „Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule“. Dann wird rasch einiges aus dem Zusammenhang gerissen, und am Ende diskutiert die Runde über die Korrektur sexueller Neigungen mittels Elektroschock-Therapie. Es ist wie so oft, sei es am Stammtisch oder im Uni-Hörsaal: Emotionen schaukeln sich hoch. Wieso? „Weil die Debatte nicht offen geführt werden kann“, sagt Kelle. Sie wollte ihrem Kind aber auch nicht ohne triftigen Grund erklären, was das Wort „schwul“ bedeutet.

Hartmut Steeb will Fehltritte bei "Maischberger" vermeiden

Der Mann von der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, war bemüht, sich in der Sendung keine Fehltritte leisten. Das gelang aber nur mit mäßigem Erfolg: „Wir halten Homosexualität für keine erstrebenswerte Lebensform“, sagt er. Sie sei „nicht natürlich“.

Erstrebenswert sei laut Steeb nämlich nur die lebenslange Partnerschaft von Mann und Frau, die dem Zweck dienen soll, Kinder zu zeugen. Aber wahrscheinlich wird er schon bald hinzufügen, er hätte es nie so gemeint. Seine frühere „Ich bin froh, dass keines meiner zehn Kinder schwul ist“-Aussage wollte er bei Maischberger schließlich auch nicht mehr so stehen lassen. „Das war damals ja so ähnlich wie hier. Ich konnte da ja kaum drei Sätze am Stück sagen.“

Sandra Maischberger behielt die Sendung im Griff

Drei gute Sätze kamen dann noch von Olivia Jones: „Auf dem Schulhof hört man das erste Mal ,Du schwule Sau!’. Und wenn das dann so weitergeht, wird man von den Bushidos dieser Welt angenommen und kriegt dann ein ganz seltsames Gedankengut. Deshalb kann man mit der Aufklärung gar nicht früh genug anfangen.“

Kurzum: Es wurde viel diskutiert, Frau Maischberger behielt die Situation im Griff, und am Ende hat man sich trotzdem nicht geeinigt. Das nennt man dann wohl eine Debatte.

Dass diese Debatte geführt wird, ist gut und wichtig. Digitaler Protest via Facebook und Twitter sollte nicht dazu führen, dass eine Redaktion ihre Gäste wieder auslädt, nur weil ihre Ansichten, sagen wir mal, „gewöhnungsbedürftig“ sind? Demokratie lebt vom Meinungsaustausch. Und wenn auch im Jahre 2014 Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung immer noch diskriminiert werden, gibt es offensichtlich weiterhin Redebedarf.