Helge hat Zeit – jetzt endlich auch für seine Gäste

Der Talkmaster ist der Star - Helge Schneider zeigt "Helge hat Zeit" viel von seinem Gaga- und Dada-Humor. In der zweiten Ausgabe seiner Talkshow ging der Mülheimer Kabarettist aber auch mehr auf seine Gäste ein. Das Ergebnis: etwas andere, aber zuweilen herrlich absurde Unterhaltung.
Der Talkmaster ist der Star - Helge Schneider zeigt "Helge hat Zeit" viel von seinem Gaga- und Dada-Humor. In der zweiten Ausgabe seiner Talkshow ging der Mülheimer Kabarettist aber auch mehr auf seine Gäste ein. Das Ergebnis: etwas andere, aber zuweilen herrlich absurde Unterhaltung.
Foto: WDR/Oliver Heisch
Mit seiner Talkshow „Helge hat Zeit“ im WDR-Fernshen unterläuft der Mülheimer Unterhaltungskünstler Helge Schneider virtuos sämtliche Regeln einer solchen Sendung. Das ist mal absurd, hin und wieder langweilig – und in den besten Momenten grandiose Unterhaltung.

Essen.. An der Orgel sitzt ein Mann mit einem Tierschädel als Maske, auf der Schulter ein nacktes Baby – gespielt von der Puppenspielerin Suse Wächter –, das Elvis Presleys „In the Ghetto“ singt. Man möchte lieber nicht wissen, was Tom Hanks in der Heimat über das deutsche Fernsehen erzählt hätte, wäre er statt bei "Wetten dass..?" in dieser Talk-Sendung des Mülheimer Unterhaltungskünstlers Helge Schneider zu Gast gewesen, von der der WDR am Samstagabend die zweite Ausgabe zeigte.

Denn „Helge hat Zeit“, soviel ist schon nach wenigen Minuten klar, ist keine ganz gewöhnliche Talkshow. Das fängt schon mit dem Vorspann an, der nicht viel mehr zeigt als Helge Schneider, der aufgestützt auf ein Kissen aus dem Fenster blickt und ein wenig an einer Blume herumzupft – und das eine Minute lang.

Helge hat Zeit - und zwar eine ganze Menge, auch ohne Gast

Auftritt Helge Schneider, der sich an die Orgel setzt und ein Intro spielt, um dann festzustellen, dass der erste Gast nicht da ist. Also holt er die Puppenspielerin Wächter hinein, setzt sich mit ihr an die Orgel, nur um ihr zu eröffnen: „Ich wollte gerne mit dir zusammen hereinkommen. Und das machen wir noch mal von vorne, würde ich sagen.“ Also geht es noch einmal heraus aus dem Kölner Fernsehgarten und gleich wieder hinein.

Helge hat Zeit, schreit dieser Auftakt dem Zuschauer entgegen, und zwar eine ganze Menge. Vier Minuten Fernsehzeit sind verstrichen, die so ganz anders sind als sonstige Talkshows mit ihren streng durchchoreografierten Abläufen und in denen der Mülheimer das tut, was er am liebsten macht: konsequent jede Erwartung seines Publikums zu unterlaufen.

Helge Schneides virtuoses Orgelspiel als wesentlicher Teil der Show

Und wer dessen sonstiges Programm kennt, wird noch mehr kennen und wiedererkennen: Mit dem Schlagzeuger Willi Ketzer und dem Teekoch Bodo Oesterling ist bekanntes Personal dabei. Helge Schneides virtuoses Orgelspiel ist ein wesentlicher Teil der Show. Und natürlich trieft auch diese Sendung vom einzigartig dadaistischen Humor ihres Gastgebers, wenn dieser beispielsweise in einem Einspielfilm mehrere Minuten damit verbringt, Schafe zu füttern und diese anzublöken – angekündigt als „ein Film zum Nachdenken“. Oder wenn Bodo Oesterling alias Alexander Kluge Helge Schneider alias Professor Pups interviewt und sich Dialoge wie dieser entspinnen:

Schneider: „Das Verrückte ist, mich gibt es nicht. Phantasie.“

Oesterling: „Ja. Nicht. Ja. Phantasie. Das Nichtexistieren aber die Existenz in der…“

Schneider: „Bah! Bah!

Oesterling: „Das Abstoßende in der Nicht-Existenz? Ja? Nicht?“

Schneider: „Non existere est existirii et volens. Also Wille. Der Wille ist die Existenz. Natürlich gibt es mich.“

Ausgedehnte Parodien von Udo Lindenberg dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen.

Mit Hans Süper will keine rechte Unterhaltung in Gang kommen

Und doch betritt Helge Schneider Neuland mit seiner Sendung, denn erstmals muss er sich auf ein Gegenüber einlassen. Sein sonstiges Werk besteht ja im Wesentlichen nur aus Helge Schneider, in seinen Filmen gab er meist auch gleich seine Gegenspieler. Und nun sind da Talk-Gäste, mit denen das Gespräch mal besser und mal schlechter funktioniert.

Mit Hans Süper etwa, der Ikone des kölschen Karnevals („Du Ei“), will keine rechte Unterhaltung in Gang kommen. Und so stehen zwei ältere Kabarettisten einander gegenüber und blödeln aneinander vorbei. Auch mit dem Comiczeichner Ralf König („Der bewegte Mann“) läuft es zunächst eher schleppend – doch Schneider scheint gegenüber der ersten Sendung, als seine Gäste oft nicht mehr als reine Stichwortgeber waren, dazugelernt zu haben: Er gibt ihnen nun sehr viel Raum.

Ralf König zeichnet gemeinsam mit Helge Schneider

Die Pianistin Olga Scheps darf eine siebenminütige Nocturne in Des-Dur von Frederic Chopin vortragen, Ralf König bekommt mehr als vier Minuten für einen grandiosen Comic-Vortrag. Und das Gespräch mit König bringt der Gastgeber in Gange, indem beide beginnen, gemeinsam zu zeichnen. Er lässt sich ein auf seinen Gast, man nimmt ihm ein ehrliches Interesse ab – und doch hat er am Ende den Comiczeichner König dazu gebracht, einen Brotkorb auf Schlittschuhen zu zeichnen, der mit Bonbons um sich wirft. Helge Schneider bleibt eben Helge Schneider, der auch dieses Gespräch gekonnt in vollends dadaistische Bahnen lenkt.

„Was anderes: Kann man als Zeichner viel Geld verdienen, hast du eine eigene Wohnung?“

König: „Ja, aber sie ist noch nicht ganz abbezahlt.“

Schneider: „Ach, so eine richtig eigene, wie sagt man noch mal…

König: „Eigentumswohnung.“

Schneider: „Eigentumswohnung. Und da gibt es dann doch auch eine Eigentümergemeinschaft. Legen die dir nicht manchmal einen Haufen vor die Tür oder so was?“

König: „Nein, das war bei Roman Polanskis ‚Der Mieter’, aber nicht bei mir“

Lebt Sza Sza Gabor eigentlich noch?

Schneider: „Ach, wie komme ich jetzt auf Roman Polanski, ich weiß auch nicht. Weil ich die Orgel gesehen hab. Die Orgel kommt aus Amerika. Die ist in Deutschland hergestellt, aber die Idee. Und Roman Polanski ist von Polen nach Amerika gezogen und wohnt, glaube ich, jetzt in der Schweiz. Ich habe ihn da gesehen in so einer Gondel beim Skifahren. Aber das ist schon zwanzig Jahre her; wo der jetzt wohnt, weiß ich nicht. Lebt der überhaupt noch?“

König: „Ja, ich denke schon.“

Schneider: „Und Sza Sza Gabor, lebt die noch?“

Schneider-Talk ist in den besten Momenten herrlich absurd

Ein Gespräch wie die ganze Sendung: Überraschend und ganz anders als alles, was man sonst gewohnt ist. Viel wird ausprobiert, nicht alles gelingt; nicht alles ist zum Brüllen komisch, aber doch immer unterhaltsam und in den besten Momenten herrlich absurd.

„Ich mache jetzt mehr oder weniger so Fernsehshows“, erklärt es der Gastgeber selbst der Sängerin des Duos „Bobo und Herzfeld“. „So eine im Jahr muss aber reichen. Oder zwei“

Es dürften gerne ein paar mehr sein.

 
 

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