Grimme-Direktorin nimmt Jan Böhmermann bei Gala in Schutz

Auch der Schauspieler Max Mauff beteiligte sich mir einem Plakat an den Diskussionen rund um den abwesenden Preisträger Jan Böhmermann.
Auch der Schauspieler Max Mauff beteiligte sich mir einem Plakat an den Diskussionen rund um den abwesenden Preisträger Jan Böhmermann.
Foto: dpa
Bei der Grimme-Gala wurden am Freitag 14 TV-Produktionen ausgezeichnet. Den Gesprächsstoff lieferte aber ein abwesender Preisträger.

Marl..  So viel ist schon lange nicht mehr über jemanden geredet worden, der gar nicht da ist. Jan Böhmermann hat am Freitag seine Teilnahme an der 52. Grimme-Gala in Marl kurzfristig abgesagt. Gesprächsthema war der 35-Jährige dennoch. Oder gerade deswegen.

Dass er nicht zum Empfang am Nachmittag kommen würde, war schon seit ein paar Tagen klar. Am Freitagmorgen aber sagte der Satiriker auch die Abendgala ab. Böhmermann soll den Fernsehpreis für seine Satire rund um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis bekommen. Seit Tagen aber steht er wegen seines Schmähgedichtes gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan unter Druck, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Böhmermann ist Top-Thema bei Grimme-Gala

Nach Informationen des Spiegel hat sich Böhmermann sogar an Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) gewandt und ihm geschrieben: „Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann.,“ Antwort hat es angeblich keine gegeben.

„Klar sprechen hier heute alle darüber“, sagt Schauspieler Jonas Nay. Aber vor Block und Mikro will sich kaum jemand äußern. Jörg Hartmann, ausgezeichnet für die ARD-Serie Weissensee, sagt: „Ich habe das Gedicht nicht gehört, deshalb kann ich darüber nichts sagen.“ Das Thema an sich aber hält Hartmann für heikel: „Es geht um Presse- und künstlerische Freiheit.“ Jedenfalls kann er verstehen, dass der Satiriker abgesagt hat. „Wenn ich so torpediert würde, hätte ich auch keine Lust zu feiern.“

Deutsche Serien so preiswürdig wie selten

Für die anderen Preisträger und Gäste war Böhmermanns Abwesenheit allerdings kein Grund, Trübsal zu blasen. „Immer wieder großartig“ in Marl findet es etwa Olli Dittrich, der am Freitag bereits seinen vierten Grimme-Preis entgegennehmen konnte – diesmal für seine grandiose Persiflage „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“. „Schon die Nominierung ist eine Ehre“, gibt sich Dittrich bescheiden. „Und wenn man gewinnt, ist die Ehre um so größer.“

Auch Jonas Nay, der für „Deutschland ‘83“ seinen mittlerweile zweiten Grimme bekam, freut sich auf einen großartigen Abend. Auch weil die RTL-Serie nur eine von mehreren deutschen Serien ist, die die Jury ehrte. Weinberg, Weissensee – selten zuvor war serielles Fernsehen aus Deutschland so preiswürdig.

Ja, fast ist es wie auf einem Familientreffen. Die meisten der Geehrten haben bereits im Februar den Deutschen Fernsehpreis abgeräumt, wenig später auch die Goldene Kamera. „Glückwunsch!“ ruft Nay den jungen Darstellern aus der Krankenhausserie „Club der Roten Bänder“ hinterher, die ähnlich wie „Deutschland ‘83“ überall siegte, wo sie nominiert war. „Man kennt sich“, sagt Nay. Und zwischen Streuselkuchen und Cremesuppe verrät er, dass er auf die Fortsetzung „Deutschland ‘86“ hofft, obwohl die Einschaltquote nicht besonders gut war. „Aber solchen Serien kann man mit der herkömmlichen Quotenmessung nicht gerecht werden. Ich scharre schon mit den Hufen.“

Grimme-Direktorin nimmt Böhmermann in Schutz

Ulrike Franke und Michael Loeken aus Witten sieht man an, dass sie lieber hinter als vor der Kamera stehen, um Fragen der Kollegen zu beantworten. „Stimmt“, sagt die gebürtige Dortmunderin Franke und lacht. Mehrere Jahre hat das Paar in seiner Langzeit-Doku „Göttliche Lage“ den Wandel im Stadtteil Dortmund-Hörde verfolgt. „Der Grimme-Preis“, sagen sie, „ist jetzt wie eine Motivationsspritze.“

Am späten Nachmittag hat sich der Saal geleert, die Preisträger ziehen sich um. Gelegenheit für Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts, Böhmermann in Schutz zu nehmen. „Wir haben zu Recht ein Grundgesetz, das die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit und die Kunstfreiheit schützt“, sagt sie und würde sich freuen, wenn „die ganze Debatte wieder versachlicht würde.“

Dann beginnt die Gala. Und in Abwesenheit bekommt Böhmermann nicht nur seinen Grimme-Preis sondern auch die „Besondere Ehrung des Volkshochverbandes“. Sie geht traditionell an eine Person, die sich in besonderer Weise um das Fernsehen verdient gemacht hat. Gefallen ist die Entscheidung für 2016 allerdings schon im November.

 
 

EURE FAVORITEN