„Gladbeck“ – ARD zeigt Geiseldrama als TV-Thriller

Der Geiselgangster umringt von Journalisten: Sascha Alexander Geršak als Hans-Jürgen Rösner in dem ARD-Zweiter „Gladbeck“.
Der Geiselgangster umringt von Journalisten: Sascha Alexander Geršak als Hans-Jürgen Rösner in dem ARD-Zweiter „Gladbeck“.
Foto: Martin Valentin Menke / ARD Degeto/Ziegler Film
54 Stunden Geiseldrama in 180 Minuten. Der ARD-Zweiteiler „Gladbeck“ mit glänzenden Darstellern ist packend und beklemmend zugleich.

Gladbeck/Berlin.  Schwerverbrecher, die mit gezückter Waffe durch eine belebte Fußgängerzone spazieren; Fotografen, die mit ihren Teleobjektiven neben Scharfschützen der Polizei in Stellung gehen; Geiselnehmer, die für die Medien posieren und Journalisten, die ihrerseits den Gangstern Hilfe anbieten: „Können wir was für Sie tun?“.

Groteske, ja absurd erscheinende Szenen – die sich aber genau so zugetragen haben. Sie sind Teil jener zweieinhalb Tage im August 1988, die als Gladbecker Geiseldrama in die bundesdeutsche Kriminalgeschichte eingingen.

Doku-Drama und Thriller zugleich

Die Ereignisse von vor 30 Jahren hat die ARD jetzt zu dem Zweiteiler „Gladbeck“ verarbeitet, der die dramatischen 54 Stunden zwischen dem missglückten Banküberfall in Gladbeck und dem fatalen Zugriff der Polizei auf der Autobahn bei Bonn auf insgesamt 180 Minuten verdichtet. Sendetermine sind an diesem Mittwoch und Donnerstag jeweils ab 20.15 Uhr.

Herausgekommen bei diesem ambitionierten Projekt ist eine überaus sehenswerte Kombination aus beklemmendem Doku-Drama, das sich ganz eng an die Realität anlehnt, und nahezu perfekt inszeniertem, hoch emotionalem Thriller mit herausragenden Darstellern.

Die dramatischen Tage im August 1988

Rückblende: 16. August 1988, ein Dienstag. Am frühen Morgen dringen die beiden vorbestraften Verbrecher Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski in die Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentford ein. Sie nehmen zwei Angestellte als Geiseln, fordern 300.000 D-Mark. Als das Duo mit den Geiseln in einem von der Polizei bereitgestellten Fluchtwagen davon fährt, beginnt eine wahre Irrfahrt durch NRW und Niedersachsen bis nach Holland und wieder retour.

In Bremen kapern die Täter einen Linienbus mit rund 20 Passagieren, Degowski erschießt den 15-jährigen Emanuele de Giorgi. Später machen die Gangster mit einem Pkw und den zwei verbliebenen Geiseln Station in der Kölner City, bevor die Polizei der Geiselnahme auf der A3 nahe Bonn ein Ende bereitet.

Ein Debakel für Polizei und Politik

Bei der Schießerei am frühen Nachmittag des 18. August 1988 kommt die 18 Jahre alte Geisel Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe ums Leben. Zusammen mit Emanuele de Giorgi und einem Polizisten, der bei einem Verkehrsunfall während der Verfolgung der Geiselnehmer stirbt, stehen am Ende drei Tote. Für Polizei und Politik ist es ein Debakel, für die Angehörigen der Opfer eine Tragödie.

Doch wie fasst man die Ereignisse von damals in all ihren Facetten zusammen – das maximale Versagen der Polizei, die Grenzüberschreitungen der Journalisten und nicht zuletzt die Tat an sich mit ihren tödlichen Folgen?

Fokus liegt auf dem Leid der Angehörigen

Regisseur Kilian Riedhof blickt nicht zuletzt aus der Sicht der Angehörigen der späteren Todesopfer de Giorgi und Bischoff auf die Ereignisse. Er habe „das Leid dieser Familien in dieser Breite erzählen“ wollen, und zwar „mit aller Wucht“, so Riedhof. Das ist für den Zuschauer in manchen Sequenzen des Zweiteilers nur schwer auszuhalten, etwa wenn Emanueles Vater mit dem Tod seines Sohnes konfrontiert wird.

Aber Regisseur Riedhof sieht sich auch als Stimme der Opfer, deren Geschichten beim Rückblick auf das Geiseldrama oft hinter dem schillernden Täter-Duo Rösner/Degowski verschwinden. Das Schicksal der erschossenen Geiseln rühre ihn als Familienvater selbst, so Riedhof.

Martin Wuttke und Ulrich Noethen als Einsatzleiter

In epischer Breite führt „Gladbeck“, das teilweise an Originalschauplätzen wie etwa in der Bankfiliale gedreht wurde, das komplette Versagen der Polizei während nahezu der gesamten Geiselnahme aus.

Wie da Verantwortung weiter- und Entscheidungen aufgeschoben werden, wie ängstliche Einsatzleiter ein ums andere Mal günstige Gelegenheiten zum Zugriff verstreichen lassen, wie Inkompetenz und politischer Druck schließlich zum fatalen Ende führen – das lässt den Zuschauer auch nach drei Jahrzehnten noch den Kopf schütteln. „Jetzt müssen wir hoffen, dass sie einsteigen und weiterfahren“,sagt an einer Stelle ein Polizeibeamter. Vor allem Martin Wuttke und Ulrich Noethen als Kripo-Einsatzleiter bringen die ganze Hilflosigkeit der Polizei überzeugend auf den Bildschirm.

Hauptdarsteller mit viel Physis statt Text

Regisseur Riedhof geht ein Risiko ein. Er belässt die Figuren Rösner (Sascha A. Geršak) und Degowski (Alexander Scheer) über weite Teile der 180 Minuten im Hintergrund, beinahe als Randfiguren. Beiden Darstellern gelingt es auf beeindruckende Weise, ihren Rollen weniger durch Worte, als vielmehr durch pure Präsenz Tiefe verleihen. „Wir hatten zusammen gerade mal 40 Sätze Text“, erzählt etwa Scheer, „unser Spielen bestand hauptsächlich aus Physis.“

Riedhof wählte Geršak und Scheer mit Bedacht aus. Er habe keine Schauspieler für die Hauptrollen engagieren wollen, deren Gesichter den Zuschauern aus zahllosen Serien oder Spielfilmen vertraut seien, weil dies die Authentizität der Bilder gefährdet hätte.

Große Ähnlichkeit mit Rösner und Degowski

Dieser „Mut zur unerwarteten Besetzung“, wie Riedhof es selbst ausdrückt, hat sich gelohnt. Geršak und Scheer verschmelzen geradezu mit ihren realen Vorbildern, die frappierend ähnliche Physiognomie mit den realen Personen Rösner und Degowski tut ein übriges. So konnte Riedhof auf die Einspielung von Originalaufnahmen verzichten, wie man sie sonst oft bei Filmen sieht, die auf realen Ereignissen beruhen.

Was für Geršak und Scheer gilt, trifft in ähnlicher Weise auf Zsa Zsa Inci Bürkle in ihrer Rolle als Geisel Silke Bischoff zu. Die Schauspielerin, Jahrgang 1995, erzählt, ihr sei vor Drehbeginn das Geiseldrama mit all seinen Facetten gar nicht recht präsent gewesen. „Als ich dann die Bilder sah“, erinnert sie sich, „konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass das real war. Ich dachte es wäre ein Film.“

Diesen Film hat die ARD nun gedreht. Ein starkes Stück Fernsehen.

ARD, 7./8. März, jeweils 20.15 Uhr.

 
 

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