Essener SPD-Politiker bei „Hart aber fair“: „In Essen hängt das Lebensglück von der Postleitzahl ab“

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Mit einem wichtigen Thema meldet sich „Hart aber fair“ aus der Sommerpause zurück. Nur der Aufhänger wirkt etwas aus der Zeit gefallen.

Berlin.  „Deutschland hat nach Özil eine Rassismus-Debatte an der Backe“, sagte ARD-Talker Frank Plasberg am Montagabend zur Begrüßung bei „Hart aber fair“. Dann zitierte der Moderator aus einem Tweet vom 22. Juli , in dem sich der Arsenal-Star und inzwischen ehemalige Nationalspieler Mesut Özil über Rassismus beschwerte – und so seinen Rücktritt aus dem DFB-Team begründete.

Dazu wurde inzwischen viel gesagt und geschrieben. Dass Plasbergs Redaktion mit fünfwöchiger Verspätung den Fall Özil noch einmal ausgräbt und als Aufhänger für die erste Sendung nach der Sommerpause nimmt, wirkte insofern etwas befremdlich. Zumal andere Themen, etwa die Diskussion um die Zukunft der gesetzlichen Rente , die Währungskrise in der Türkei oder die ausländerfeindlichen Proteste, die Chemnitz auch am Montagabend erschütterten , gerade mehr im Fokus stehen.

NSU-Anwalt warnt vor latenter Fremdenfeindlichkeit

Trotz dieser Schwäche funktionierte Plasbergs erste Sendung mit dem Titel: „Özil und die Folgen: Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?“. Denn der Moderator stellte eine Runde zusammen, in der nicht Politiker ihr jeweiliges Parteiprogramm abspulten, sondern er ließ Betroffene zu Wort kommen.

Etwa den Rechtsanwalt und Nebenkläger im NSU-Prozess Mehmet Daimagüler, der zwar immer wieder betonte, sich in Deutschland wohlzufühlen, gleichzeitig aber auf den latenten Rassismus in der Gesellschaft hinwies. „Solange wir funktionieren, bekommen wir keinen Gegenwind. Aber wenn man nicht den Erwartungen entspricht, wird man schnell ausgebürgert“, sagte er.

Insofern könne er Özils Einwand verstehen. Der Anwalt berichtete aus seiner eigenen beruflichen Erfahrung, wenn sein Personalausweis mal wieder vor Gericht überprüft werde oder der Richter darauf hinweise, dass „hier“ die deutsche Rechtsordnung gelte.

Ein Multi-Millionär steht nicht für die meisten Migranten

Dass sich die Debatte schnell vom Fall Özil löste und das Problem Rassismus breiter ausleuchtete, war gut – denn ein Multimillionär, der in London lebt, steht nicht für die Lebenswirklichkeit der meisten Migranten hierzulande.

Wie komplex das Thema ist und vor allem wie reflexartig noch immer argumentiert wird, zeigte der Fall von Karlheinz Endruschat, SPD-Ratsherr in Essen, der ebenfalls in Plasbergs Runde saß. Der Kommunalpolitiker wurde über Nacht zum Rassisten abgestempelt, weil er kritisierte, dass zu viele Kinder in seinem Stadtbezirk kein Deutsch sprechen, nur ein Bruchteil den Sprung aufs Gymnasium schafft und dass es Moscheen gibt, in denen der Staat nicht weiß, was gepredigt wird. „In Essen hängt das Lebensglück von der Postleitzahl ab“, sagte er.

Gerade einem Sozialdemokraten, der an das Aufstiegsversprechen der Gesellschaft glaubt, muss das ein Dorn im Auge sein. Und trotzdem, so Endruschat, brach „die Empörungsindustrie über mich hinein“.

Dass Migranten eben nicht immer die Opfer sind, betonte auch Tuba Sarica. Die deutsch-türkische Bloggerin und Buchautorin übernahm den konservativen Part in der Runde. Als sie die türkische Regierung mit dem Hitler-Faschismus gleichsetzte, griff Moderator Plasberg ein: „Die deutschen Verbrechen sind einmalig, man sollte vorsichtig sein mit Vergleichen.“

Muslimischen Männern warf sie vor, ein krankhaftes Verhältnis zu Liebe und Sexualität zu haben, was sich in Gewaltausbrüchen zeige. Und sie selbst, so die Autorin, habe in 30 Jahren in Deutschland nie Fremdenfeindlichkeit erlebt. Das mag zwar stimmen, aber es ist immer gefährlich, die eigene Erfahrung zur Realität zu erklären.

Angstforscher klärt auf

Doch was ist Rassismus? Wo enden Erfahrungswerte und wo beginnen Vorurteile? Zum Schluss der Sendung hob Plasberg im Gespräch mit dem Angstforscher Borwin Bandelow das Thema noch auf eine wissenschaftliche Ebene. Der Psychologe erklärte, dass es ein Vernunftgehirn und ein Angstgehirn gebe. Das Angstgehirn kenne keine Abwägung, das Fremde mache uns Angst. „In jedem von uns steckt ein kleiner Rassist“, sagte der Wissenschaftler.

Erziehung und Zivilcourage könnten dazu beitragen, dass Menschen abwägen und eigene Vorurteile erkennen – das Vernunftgehirn übernehme die Kontrolle. Zudem neige der Mensch dazu, Einzelfälle zur Regel zu machen. Begegnung könne helfen, Vorurteile abzubauen. Wo es die Möglichkeit dazu nicht gibt, sei die Angst vor dem Fremden größer – ein Grund, weshalb im Osten, wo es wenig Migranten gibt, die Ausländerfeindlichkeit deutlich höher sei als im Westen.

Chemnitz lässt grüßen.

Die Sendung können Sie hier noch einma sehen.

 
 

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