Dunja Hayali: „Ich bin deutscher als manch anderer“

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali.
ZDF-Moderatorin Dunja Hayali.
Foto: ZDF und Marcus Höhn
Dunja Hayali lädt erstmals zum „Donnerstalk“. Im Interview spricht sie über ihren Job, der ihr zuletzt heftige Anfeindungen einbrachte.

Berlin.. 2016 ist für Dunja Hayali schon viel passiert. Die Moderatorin des ZDF-„Morgenmagazins“ hat die Goldene Kamera bekommen, jetzt folgt der Robert Geisendörfer Preis. In den sozialen Medien wird sie teilweise für ihre Haltung und Meinung gefeiert, teils übel beschimpft. Vor unbequemen Wahrheiten schreckt Hayali nicht zurück. Am Donnerstag läuft die erste von vier Folgen ihres „Donnerstalks“ um 22.15 Uhr im ZDF, sie füllt damit die Maybrit-Illner-Sommerpause. Wir sprachen mit der Frau, die auch arbeitet, wenn andere Ferien machen.

Was bedeuten ­Ihnen Auszeichnungen?

Dunja Hayali: Ich freue mich darüber, weil es eine Wertschätzung meiner Arbeit ist. Und ich freue mich für die Teams, die ja immer hinter mir stehen und die damit auch mitausgezeichnet werden. Und es zeigt mir, dass journalistisches Arbeiten Anerkennung findet: berichten, einordnen, erklären, objektivieren, transparent sein. Aber auch den Job an sich zu erklären, ist ja mittlerweile Part of the Job.

Für Ihre Worte bei der Goldenen Kamera, wo Sie zu den Anfeindungen, die Sie täglich erleben, Stellung nehmen, wurden Sie sehr gefeiert. Wie haben Sie das erlebt?

Hayali: Das war überwältigend und tat natürlich gut. Die Monate davor waren nicht leicht. Es gab Beschimpfungen, Beleidigungen, Unterstellungen, Missgunst. Wenn man so massiv attackiert wird, fällt das Positive, auch wenn das überwog, unter den Tisch. Das Negative ist so massiv und elementar. Das bleibt mehr haften. Nicht gut.

Sie haben einen Brief im Mai bekommen, die harmlosesten Begriffe darin sind noch „Dreckstück“ oder „Höhlenbewohnerin“. Warum haben Sie ihn veröffentlicht und die Rechtschreibfehler angestrichen?

Hayali: Vielleicht ist es wie bei einer Therapiesitzung. Alles muss raus, dann geht es einem besser. Und mir kam ein alter Spruch in den Sinn: „Komik ist Tragik in Spiegelschrift“, und so haben wir, mein bester Freund und ich, die Form korrigiert, nicht aber den Inhalt. Dabei haben wir ja sogar noch einige Fehler übersehen.

Schaut man sich Ihren Twitter-Account an, sieht man, dass Sie sich wirklich viel Zeit nehmen, geradezu mit typisch deutscher Disziplin zu antworten, auf Widersprüche einzugehen …

Hayali: ... Ich bin ja auch deutsch! Deutscher als manch anderer ...

Ja, aber warum tun Sie sich das noch an?

Hayali: Ich bin kein Masochist, aber ich habe diesen Gesprächskanal eröffnet und nehme ihn auch sehr ernst. Das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

Gibt es zu viel Schwarz-Weiß-Denken in Deutschland?

Hayali: Ja, und ich wehre mich dagegen. Das hat die Journalistin Carolin Emcke in der „Süddeutschen Zeitung“ gerade sehr gut beschrieben. Man kann Rechtsextremismus furchtbar finden und gleichzeitig Linksextreme scharf kritisieren. Man darf Flüchtlingen helfen und gleichzeitig sagen, dass wir aber auch nicht die ganze Welt aufnehmen können. Das geht, das passt alles zusammen.

Schwarz-Weiß-Denken hilft zu ordnen, zeigt sich darin auch Überforderung der Menschen?

Hayali: Es ist nun mal so, dass bei der Flut an Nachrichten viele kaum noch hinterherkommen. Wer bietet Halt, Zuordnung, Einordnung? Die Komplexität überfordert viele. Auch mich manchmal. Aber ich weiß, dass es nun keine einfachen Antworten mehr gibt. Und das macht viele hilflos und orientierungslos. Gebrochene Wahlversprechen, die Angst vor dem sozialen Abstieg, Erklärungsnotstand – all das löst eventuell bei einigen diese Wut und vielleicht sogar Hass aus. Nichtsdestotrotz ist das keine Entschuldigung dafür, dass sich der Hass in den sozialen Medien ausbreitet und dann auf die Straße schwappt.

Sie versuchen in „Donnerstalk“ drei Themen in 60 Minuten abzuarbeiten. Wieso nicht ein Thema?

Hayali: Es gibt ja ein vielfältiges Angebot monothematischer Sendungen – Dokus, Talkformate. Wir wollten etwas Neues probieren: drei Themen in der Kombination aus Reportagen und Gesprächen, mehr Zuspitzung auf eine Fragestellung, mehr Tempo. Wir wollen Impulsgeber sein für Diskussionen, die sich dann vielleicht zu Hause am Küchentisch fortsetzen.

Um was geht es in der ersten Sendung?

Hayali: Ich habe einen 24-Stunden-Selbstversuch in der virtuellen Welt gemacht, wir besprechen natürlich die Entwicklungen in der Türkei. Wir schauen uns die rechte Szene in Deutschland an und gehen der Frage nach: Welche Rolle spielen dort die Frauen?

Werden Sie Frau Petry noch einladen?

Hayali: Ich frage mich manchmal, was die Leute erwarten, wenn es wirklich mal zu diesem Interview kommen sollte. Sie wird danach keinen Herzinfarkt bekommen, ich bestimmt auch nicht. Ich werde Frau Petry, sollte sie jemals in den „Donnerstalk“ oder ins „Morgenmagazin“ kommen – wo nicht einmal sicher wäre, dass ich sie dann auch interviewen würde –, genauso behandeln und kritisch befragen wie jeden anderen auch. Grundsätzlich gilt in unseren Sendungen, dass ein Gesprächsgast zum Thema passen muss. Es geht um Inhalte.

Für Ihre Sendung sind Sie mit zwei rechtsextremen Frauen auf eine rechte Kundgebung gegangen. Wie war das?

Hayali: Ich fand überraschend, dass wir sie begleiten durften. Es hagelte danach sofort Kritik, dass wir das getan haben. Aber auch da gilt mein Ansatz: nicht draufgucken, sondern reingucken.

Wie haben diese Frauen auf Sie reagiert?

Hayali: Eine hat zu mir gesagt, du wirst niemals Deutsche sein, weil „dein Blut nicht deutsch ist“. Da habe ich natürlich kurz geschluckt. Aber ich habe sie gefragt, was für sie deutsch ist, und das ist ihre Antwort. Und damit muss ich leben, aber sie auch. Jetzt hat sich die Frau in einem anderen Medium beschwert, ich hätte sie komisch befragt, und sie hätte auch nicht genau gewusst, wer ich bin. Ich lasse das jetzt mal so stehen. Wir wissen natürlich auch, dass das deren Prinzip ist: Aussagen treffen und Aufmerksamkeit erheischen und dann von nichts gewusst haben.

Sie recherchieren selbst vor Ort, andere Moderatoren lassen ihr Team gehen. Misstrauen Sie anderen?

Hayali: Ich vertraue meinem Team sehr wohl, aber es macht einen Unterschied, wenn man selbst vor Ort ist. Ich habe gerade etwa mit Familien aus Mannheim gesprochen, die Hartz IV beziehen. Und mir ist es wichtig, die Menschen zu kennen, über die wir berichten.

Der Slogan Ihrer Sendung ist „Herz, Haltung, Hayali“. Wofür steht das Herz?

Hayali: Ich tat mich am Anfang gerade mit diesem Begriff Herz schwer. Und alle anderen haben mich dann gefragt: warum? Ich hätte doch ein großes Herz, fasse mir ein Herz, außerdem ist das Herz ein kompliziertes Organ. Meine Freunde sagten: „Das bist alles du.“ Damit war ich beruhigt und außer Gefecht gesetzt.

Haltung?

Hayali: Ich habe mich schon immer eingemischt und eingesetzt. Seit Jahren gehe ich für den Verein „Gesicht zeigen“ in Schulen und spreche über Islamophobie, Homophobie, Antisemitismus, Links- und Rechtsradikalismus. Und ich finde, Journalisten können und dürfen in bestimmten Fragen auch mal Haltung zeigen. Hier geht es eigentlich um Selbstverständlichkeiten einer demokratischen Gesellschaft.

Hayali?

Hayali: Ja, das bin ja nun mal ich. Das ist mein Name, den ich auch mag. „Dunja“ heißt die Welt, „Hayal“ im Türkischen so was wie „Traum“. Also: Welt-Traum, was will man mehr?

• „Donnerstalk“ – Donnerstag, 28. Juli, 22.15 Uhr, ZDF

 
 

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