Dschungelcamp: Die traurigsten Menschen der Welt

Düsseldorf. Was ist eigentlich neu am Dschungelcamp? Wahrscheinlich, dass es unsere Vorstellung von Abhalfterung erweitert hat. Westropolis-Autor Ingo Juknat über mediale Endstationen, Moral und Schadenfreude.

Mediale Endstation bedeutete früher, um drei Uhr morgens eine elektrische Gurkenraspel in die Kamera zu halten, Frühstücksfernsehen zu moderieren oder beim Promi-Dinner zu sitzen. Heute trinkt man zur Primetime Penis-Cola. Vor Millionenpublikum. Welcome to the next level.

Im „Spiegel“ erzählte Medienmanager Fredy Kogel kürzlich, dass sich sämtliche Programmchefs ursprünglich gegen den Menschenzoo von „Big Brother“ ausgesprochen hätten. Aus moralischen Gründen. Es klang wie die Geschichte aus einer fernen Zeit. Dabei ist das keine zehn Jahre her. Von offiziellen Protesten gegen das Dschungelcamp hört man nichts. Obwohl die Tortur der Kandidaten um ein Vielfaches drastischer ist, als alles, was je im Kölner Vorstadt-Container passiert ist.

Kandidaten kurz vor der Pleite

Immerhin tut das Dschungelcamp nicht so, als ginge es um irgendetwas anderes als Schadenfreude. Kurioserweise sind diejenigen, die sich Illusionen machen, die Kandidaten selbst. So hörte man Giulia Siegel gestern sagen, sie brauche das Preisgeld nicht. Prompt wurde ihr per Computereinblendung vorgerechnet, dass sie kurz vor der Pleite steht.

Regie und Moderatoren verwenden viel Zeit darauf, sich für diese dramatische Ironie selbst zu gratulieren. Gutes Beispiel aus der gestrigen Sendung: Die Nominierung der Kandidaten. Jeder einzelne wurde als Gemälde vorgestellt. Gundis Zambo sei offenbar von Kotzebue gemalt, Männermodel Nico Schwanz sei Teil einer Beuys-Group und Peter Bond erinnere an Botticellis „Badenden Anus“ (gemeint war offenbar „Die Geburt der Venus“, aber, hey, Hollywood-Film und Renaissance-Bild – ist doch eh alles dasselbe). Es fällt nicht schwer, sich eine Redaktion aus neunmalklugen Studienabbrechern vorzustellen, die sich für ihren Wortwitz das „High Five“ gibt.

Club der Einzelgänger

Die Comedy-Moderation verbirgt, dass im Camp selbst eigentlich kaum etwas passiert: Bond schläft, Norbert Schramm schweigt, Giulia Siegel versucht, sich der ganzen Tristesse durch Meditation zu entziehen. Es ist ein Club der Einzelgänger, deren einzige Gemeinsamkeit in der Silbe „ex“ besteht: Es gibt Ex-Sportler, Ex-Moderatorinnen, Ex-Schauspieler, Ex-Castingshow-Teilnehmer, Ex-ich-weiß-es-auch-nicht.

Da ist es schon ein emotionaler Höhepunkt, wenn Norbert Schramm Gundis Zambo bittet, sie möge ihn doch mal am Ohr kraulen. Die wenigen Lacher, die den Zuschauer aus diesem zwischenmenschlichen Elend führen, kommen nur in unfreiwilliger Form. Etwa, wenn Model Nico Schwanz die tragischen Schüsse auf den Mann von Schauspielerin Ingrid van Bergen mit den Worten kommentiert: „totmachen macht man nicht“ oder wenn „Glücksrad“- und Porno-Veteran Peter Bond sich ernsthaft einredet, das Publikum schicke ihn dauernd zu den Maden, weil es ihn liebe.

Es tut fast nicht weh

Diesmal allerdings musste Giulia Siegel ran. In einem Emu-Gehege sollte sie nach Sternen buddeln. Nicht, ohne dass sie zuvor mit klebrigem Futter beschmiert wurde. Sehr zum Verdruss der Moderatoren ließ sich Siegel von den aggressiven Viechern kaum beeindrucken. Und so stellte Sonja Zietlow mehrfach die Frage, ob es denn nicht wehtue. Wenigstens ein bisschen. Nicht? Ach, Mann.

Das kann natürlich nicht so weitergehen. Für morgen kündigte Bach an, alles, was kreucht und fleucht, gegen den nächsten Kandidaten Peter Bond zu mobilisieren. Dem geht es ja eh zu gut.

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