Dieter Hallervorden wird 80 – das Beste kommt zum Schluss

Jürgen Overkott
Köchin Zofia (Franziska Troegner) weckt bei Edek Rotwachs (Dieter Hallervorden) nicht nur kulinarisch die Lebensgeister - eine Szene des Spielfilms «Chuzpe - Klops braucht der Mensch».
Köchin Zofia (Franziska Troegner) weckt bei Edek Rotwachs (Dieter Hallervorden) nicht nur kulinarisch die Lebensgeister - eine Szene des Spielfilms «Chuzpe - Klops braucht der Mensch».
Foto: dpa
Dieter Hallervorden ist im Lauf seiner langen Karriere immer besser geworden. Zum runden Geburtstag spendiert die ARD den fantastischen Film "Chuzpe".

Berlin. Zwei ältere Herrschaften an der Bar, ein Mann, eine Frau. Sie brauchen kaum Worte, dafür sprechen ihre Augen umso beredter – sie flirten. Die Tändelei wirkt leicht, spielerisch, schelmisch, fein und damit perfekt dosiert von Franziska Troegner und, mehr noch, von Dieter Hallervorden. Das Erste schenkt ihm zum Achtzigsten, pünktlich zum Festtag, eine fantastische Komödie, die einen der vielseitigsten Künstler der Nachkriegszeit auf der Höhe seines Könnens zeigt: „Chuzpe – Klops braucht der Mensch“ (Samstag, ARD, 20.15 Uhr).

Hallervorden spielt einen deutschen Holocaust-Überlebenden, der nach sechs Jahrzehnten in Australien von seiner Tochter (Anja Kling) zurück nach Berlin gelockt wird. Er balanciert in dem romantischen Märchen mit geschmeidiger Eleganz auf dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Lebensfreude; die feinen Brechungen zwischen Sein und Schein, zwischen Fremdsein in der Heimatstadt und neuer Liebe machen Hallervordens Komik aus. Selbst wenn er damit kokettiert, alte Menschen seien mit moderner Technik derart überfordert, dass sie nur noch Chaos anrichten, verzichtet der Schauspieler auf grelle Slapstick-Effekte.

Dieter und Didi schienen miteinander zu verschmelzen

Damit knüpft der gebürtige Dessauer da an, wo er zuletzt mit überzeugenden Filmen aufgehört hat. In dem Kino-Hit „Honig im Kopf“ rang er dem Angst-Thema Demenz überzeugend komische Seiten ab, und „Sein letztes Rennen“ zeigte, dass selbst Sportler dem Alter nicht davonrenne können. Hallervorden zeigte sich in den vergangenen Jahren immer wieder als richtiger Mann am richtigen Platz, in dem er Themen einer alternden Gesellschaft mit angemessenem Witz und perfektem Timing für ein großes Publikum aufbereitete.

Damit machte er vergessen, dass er in den 70ern und 80ern die Verkörperung der grimassierenden Ulknudel mit Neigung zu flachster Volksbelustigung war. Die ARD-Sketchreihe „Nonstop Nonsens“ wurde ihrem Namen ungewollt gerecht, und zur Strafe landen einige Hallervorden-Nummern alljährlich in der Endlos-Schleife der humoristischen Bewegtbild-Tapete, die nicht ohne Grund nach der Silvester-Knallerei in den Frühstunden des neuen Jahres läuft.

Einzig „Die Kuh Elsa“ ragt aus der Masse der derben Scherze heraus. Was Hallervorden im Butler-Kostüm zunächst als kleines Malheur ankündigt, endet schließlich als große Katastrophe: ein grandios gebauter Sketch.

Gassenhauer mit Scherz-Potenzial

Ansonsten beutete Dieter Hallervorden seine Comedy-Figur Didi derart gnadenlos aus, zunächst im Fernsehen, später im Kino, dass Künstler und Kamera-Ich miteinander zu verschmelzen schienen.

1992 zog der Wahl-Berliner die Reißleine. Er wechselte zum damals jungen Privatsender Sat.1. Dort bat der FDP-Sympathisant mit seiner „Spottschau“ zum politischen Kabarett.

Doch all das war ihm nicht genug. Die Rampensau landete nebenher etliche Gassenhauer mit scherzhafter Grundierung. Sein größter Hit war seine Version des „Grease“-Hits „You’re the One That I Want“ von John Travolta und Oliver Newton-John. Bei Hallervorden und seiner kongenialen Partnerin Helga Feddersen wurde daraus: „Du, die Wanne ist voll“ - Ende der 70er unverzichtbares Liedgut einer anständigen Karnevalsparty. Zugleich bewies Hallervorden als Sänger stets Sinn für Selbstironie. Ähnlich wie sein britisches Pendant Marty Feldman, der er übrigens gelegentlich seine Stimme lieh, wusste Hallervorden, dass er nicht trotz seiner mittleren Attraktivität Komiker geworden ist, sondern exakt deswegen.