Debatte bei Anne Will um Millionäre driftet ab

Foto: ddp ard

Essen.. Sollen es die Millionäre in Deutschland den amerikanischen Super-Reichen gleich machen und die Hälfte ihres Vermögens für Bedürftige spenden? Was nach Großherzigkeit aussieht, ist Almosenverteilung nach Gutsherrenart, meinte die TV-Runde bei Anne Will.

Es ist schon eine Krux mit dem Reichtum: Soll man nun andere daran teilhaben lassen oder sich zurückziehen, damit bloß keiner merkt, wie viel Geld man angehäuft hat? 40 US-Milliardäre, darunter Microsoft-Gründer Bill Gates und der US-Investor Warren Buffett, haben sich im Juni für den ersten Weg entschieden. Sie wollen die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke spenden. Auch ein Modell für Deutschland? Politiker, Unternehmer und Journalisten diskutierten darüber am Sonntagabend in der ARD-Talkrunde von Anne Will: „Millionäre zur Kasse – mehr Spenden, mehr Steuern, mehr Gerechtigkeit?“

Selbstdarsteller

Heather De Lisle ist die deutsche Sicht auf die Dinge einfach unbegreiflich. „Ich verstehe die Logik dahinter nicht“, sagt die US-Journalistin. Gerade eben hat Klaus Kocks, PR-Berater, Publizist und ehemaliger VW-Vorstand, den Unternehmer Arend Oetker einen Selbstdarsteller genannt, der mit seinen Spenden das eigene Ansehen aufpolieren wolle. In den USA, da ist sich De Lisle sicher, würde eine solche Diskussion überhaupt nicht geführt. Da freue man sich, wenn Millionäre spenden, um denen, die weniger haben, etwas Gutes zu tun.

Kocks ist da ganz anderer Meinung: Er vermutet Almosen nach Gutsherrenart, die die Spender denen geben, die ihnen am besten in den Kram passen. Und zettelt damit eine lebhafte Diskussion über den Staat an, dem das nötige Kleingeld fehlt, um für alle Bürger in ausreichendem Maße zu sorgen. Anstatt eine „ständische Almosengebergesellschaft“ zu begünstigen, sollte der Staat vielmehr den Spitzensteuersatz anheben und Vermögen ordentlich besteuern. Dann sei auch genügend Geld da, um es für mildtätige Zwecke einzusetzen. Und die Reichen würden in angemessenen Maße daran beteiligt, ohne spenden zu müssen. Eine Diskussion, die zurzeit auch in Großbritannien geführt wird. Der „Guardian“ kommentierte die Absichten der US-Milliardäre, ihr Vermögen zu spenden, mit den Worten: „Die Reichen wollen eine gerechtere Welt? Versucht es mal mit höheren Löhnen und Steuern zahlen.“

Der Staat reagiert zu langsam

Unternehmer Oetker versteht sich nicht als Gutsherr – und schon gar nicht als Almosengeber. Es gebe genügend Bedürftige, die sich nicht artikulierten, die sich schämten für ihre Armut. Deshalb müsse man spenden, sagt Oetker fast trotzig. Seine Spenden, reine PR-Aktionen, um das eigene Bild in der Öffentlichkeit aufzupolieren? Das will der Marmeladen-Mann („Schwartau“) so nicht gelten lassen: „Der Spender kann viel schneller reagieren als der Staat.“ Deshalb seien Spenden unerlässlich.

Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei und Millionär, begrüßt den US-Vorstoß und wünscht sich so etwas auch verstärkt für Deutschland. Immerhin hätten die Reichen durch Steuergeschenke und niedrige Löhne auch ihr Geld verdient. „Wenn sie jetzt etwas davon abgeben, ist das nur recht und billig.“ Das könne helfen, die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich ein wenig zu schließen. „Dieses Land ist so unverschämt reich. Und trotzdem müssen Leute zu den Tafeln gehen.“

Der Moralapostel

Und dann ist da in der Diskussionsrunde noch ein Unternehmer, der würde gern mehr Steuern an den Staat abführen. Ernst Prost, stolzer Besitzer eines Schlosses und Chef des Mineralölunternehmens Liqui Moly. Er übernimmt in Wills Talk die Rolle des Moralapostels: „Es ist eine Schande, wenn in Deutschland Menschen hungern.“ Immerhin seien wir Deutschen ja ein Kulturvolk und Exportweltmeister.

Dann driftet die Diskussion ab. Was ist die richtige Steuer, um die Reichen stärker zur Kasse zu bitten? Welche Stiftungsform ist die passendste, um sein Geld in einer Stiftung steuergünstig anzulegen? Darüber vergessen die Talk-Teilnehmer das Wesentliche. Dass private Spenden auch Gutes tun, dass sie die Gemeinschaft voranbringen können – und dort helfen, wo der Staat versagt. Um es mit den Worten der US-Journalistin De Lisle zu sagen: „ Ich verstehe die Logik dahinter nicht.“

 
 

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