„Das Opfer muss selbst entscheiden“

Foto: Cinetext Bildarchiv

Essen.. In der Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche wird breit über eine Schlüsselfrage diskutiert: Soll die Kirche bei einem Hinweis auf Missbrauch sofort, automatisch, die Staatsanwaltschaft einschalten und Anzeige gegen den Geistlichen erstatten? Befeuert wurde die Debatte durch den Vatikan. Er hat am Montag seine Richtlinien im Umgang mit Missbrauch ins Internet gestellt. Und darin steht: „Staatliches Recht, das die Anzeige von Verbrechen bei den zuständigen Behörden betrifft, soll immer befolgt werden.”

Das heißt, das jeweilige Landesrecht wird befolgt. Doch eine Anzeigepflicht dazu gibt es in Deutschland nicht. Sie gilt nur für wenige Verbrechen, etwa Mord oder Entführung. Sie bezieht sich zudem auf geplante Taten, um sie verhüten. zu können. Die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) wollte 2003 die Strafandrohung auch auf Mitwisser von sexuellem Missbrauch ausdehnen. Nach einer Expertenanhörung im Bundestag wurde das Vorhaben aber abgelehnt, weil die Fachwelt dagegen war.

Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hingegen sprach in ihrem Konflikt mit der Kirche von einer Anzeigepflicht, ihre bayerische Kollegin Beate Merk (CSU) plädiert ebenfalls dafür. Und die bayerische Bischofskonferenz hat sie gerade in ihren Leitlinien festgeschrieben. Die Deutsche Bischofskonferenz allerdings berät noch darüber, ob sie diese Vorgabe übernehmen soll. Im März beschloss sie, so vorzugehen: Der verdächtigte Geistliche wird zur Selbstanzeige aufgefordert. Die Kirche arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Darauf wird nur verzichtet, wenn es dem ausdrücklichen Wunsch des Opfers entspricht.

Und ausgerechnet Opferverbände halten ein solches Vorgehen für richtig. „Eine Anzeigepflicht heißt: Die Opfer werden zum zweiten Mal zum Schweigen gebracht”, sagt Ursula Enders von der Kölner Opferorganisation Zartbitter der WAZ. Sie warnt eindringlich davor. „Es wäre in jeder Hinsicht gegen die Opfer”, erklärt die Mitbegründerin von Zartbitter. Opfer bräuchten ohnehin sehr viel Mut, um mit einem anderen Menschen über das zu reden, was sie erlitten haben. „Und diese Opfer sehen dann: Wenn ich rede, geht der ins Gefängnis. Sie registrieren, dass der Täter bei anderen, etwa als Lehrer in der Schule oder als Priester, beliebt ist. Sie befürchten, dass sie von anderen Kindern oder Jugendlichen Druck bekommen, dass sie plötzlich mit all dem allein da stehen”.

„Ich unterstütze eine Anzeige des Täters”, sagt Enders. „Aber ich muss abschätzen: Ist das Opfer aussagefähig, kann es Druck von Außenstehenden aushalten?” Sie rät der Kirche deshalb, in den Bistümern einen externen Fachdienst als Ansprechpartner für Missbrauchs-Opfer einzurichten. Die jetzigen Beauftragten – es gibt sie in jedem Bistum – seien aber nicht immer so qualifiziert wie etwa in Trier oder Freiburg, kritisiert sie.

Auch Thomas Schlingmann von der Berliner Beratungsstelle „Tauwetter” für Männer, die als Jungen missbraucht wurden, rät stark von einer Anzeigepflicht ab. „Wer in der Kirche von einem Verdachtsfall hört, sollte eine unabhängige Fachkraft hinzuziehen”, sagt er dieser Zeitung. Die sollte dem Opfer die Anzeige erläutern, Hilfen vorstellen, auf Therapiemöglichkeiten hinweisen. „Das Opfer will nicht zuerst Rache, es will, dass es aufhört. Und dann kann man es dem Opfer überlassen, ob es eine Anzeige möchte.”

Ähnlich argumentiert auch Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. „Das Opfer muss unbedingt die Entscheidung darüber treffen können”, fordert er mit großem Nachdruck. Dem Opfer, sagt auch er, solle zur Anzeige geraten werden. Doch für viele von ihnen sei der Weg, sich zu offenbaren, „ein ungeheurer Kraftakt, eine gewaltige Leistung”. Das müsse respektiert werden. „Wer eine Anzeigepflicht fordert, übersieht die seelische Not der Opfer.”

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