„Das Fernsehen will den dummen Zuschauer“

Seit acht Jahren betreibt der Hamburger Holger Kreymeier die Internetseite www.fernsehkritik.tv. Foto: Privat
Seit acht Jahren betreibt der Hamburger Holger Kreymeier die Internetseite www.fernsehkritik.tv. Foto: Privat

Hamburg.. Holger Kreymeier ärgert sich über das deutsche Fernsehen – und zwar hauptberuflich. Seit acht Jahren betreibt der Hamburger die Internetseite www.fernsehkritik.tv.

Zunächst nur als Blog, entwickelte er daraus ein etabliertes TV-Magazin. Parallel zu seiner Arbeit als freier Journalist startete der heute 39-Jährige sein Onlinemagazin „Fernsehkritik-TV“. Zweimal im Monat analysiert und kritisiert Kreymeier auf www.fernsehkritik.tv Merkwürdigkeiten, Fehler und Abgründe des aktuellen Fernsehgeschehens. Bis zu 100.000 Leute sehen seine Sendung. Nebenbei verantwortet er auch das Format „Pantoffelkino-TV“, eine Plattform für Filmkritiken. Auf Fantreffen in ganz Deutschland diskutiert der studierte Soziologe mit Schwerpunkt Massenkommunikationmit Zuschauern über seine Arbeit. Der Lohn seiner Arbeit: Mehrere Auszeichnungen, darunter ein Grimme-Online-Award. Ein Interview.

Sie machen Ihre Sendung inzwischen hauptberuflich. Ist das deutsche Fernsehen wirklich so schlecht, dass immer genug Material für Ihr Magazin abfällt?

Kreymeier: Ja, locker sogar. Ich könnte jede Woche eine Sendung machen, wenn ich die Zeit hätte. Es gibt eine lange Liste mit Themen, die ich noch nicht abgearbeitet habe, etwa die Fernsehberichterstattung über bestimmte politische Themen oder über Videospiele. Jeden Tag senden mir Zuschauer Vorschläge und da sind jede Menge Anregungen bei.

Was genau ist Fernsehkritik-TV?

Kreymeier: Fernsehkritik-TV ist das Gegenteil von Lobhudelei. Ich suche mir eher die kritikwürdigen Dinge heraus und lobe recht wenig. Ich haue eher drauf, denn das Fernsehen lobt sich selbst schon genug und reflektiert sich kaum. Da bin ich quasi ein ausgleichendes Element.

Wie ist Fernsehkritik-TV damals entstanden?

Kreymeier: 2003 habe ich ein halbes Jahr beim Boulevardfernsehen gearbeitet und war entsetzt. Selbst zu erleben wie hinter den Kulissen des Fernsehens gearbeitet wird, gab den Impuls. Die Seite ging schon im gleichen Jahr online, anfangs nur mit Texten bestückt. Dann kam die Idee zu einem richtigen Magazin, um den Leuten auch im Bild zu zeigen, was ich meine. Nach dem sog. „Kalkhofe-Urteil“ des Bundesgerichtshofs war klar, dass so etwas auch urheberrechtlich erlaubt ist. Damit war der Weg frei.

Wer guckt Ihre Sendung?

Kreymeier: Überwiegend jüngere Leute, mehrheitlich männlich, viele Abiturienten und Studenten. Es kommt auch vor, dass Lehrer Material aus meinen Sendungen im Unterricht verwenden. Das ist natürlich eine Auszeichnung. Vor einiger Zeit hat Ranga Yogeshwar einen Uni-Vortrag gehalten und dabei mein Top-10-Ranking zur Fukushima-Berichterstattung gezeigt. Im Schnitt sehen zwischen 80.000 und 100.000 Leute die Sendung.

Was zeichnet gutes Fernsehen aus? Wo lohnt es sich hinzugucken?

Kreymeier: Gutes Fernsehen zeichnet sich aus durch Kreativität und das Bemühen dem Zuschauer durchdachtes und niveauvolles Programm zu bieten. Also all das, was nicht die niederen Instinkte der Leute anspricht. Wenn Fernsehen nur darauf aus ist durch nackte Brüste, peinliche Leute oder Manipulationen Quote zu machen, dann ist das die Art von Fernsehen, die ich ablehne.

Wie reagieren die Sender oder Moderatoren auf Ihre Kritik?

Kreymeier: Wenn ich auf Medienveranstaltungen bin und Leute aus der TV-Branche treffe, sind die Reaktionen durchweg gut. Viele sagen: „Ja, ja, du hast ja recht … na ja, du weißt ja wie das ist, wir können auch nicht so, wie wir wollen“. Mein Eindruck ist: Keiner will tatsächlich für schlechtes Fernsehen verantwortlich sein, angeblich sind es immer die anderen. Insofern werde ich von Leuten, die vor oder hinter der Kamera arbeiten, ganz positiv aufgenommen. Moderatoren von Call-In-Sendungen bin ich allerdings noch nie begegnet…

Apropos: 9Live hat den Sendebetrieb eingestellt. In ihren Augen sicher nicht bloß eine schlechte Fernsehsendung, sondern ein ganzer schlechter Fernsehsender.

Kreymeier: Genau. Die Abzockerei bekommt einen deutlichen Dämpfer, das ist ein großer Schritt nach vorne. Ich freue mich, dass ich durch meine wiederholte Berichterstattung ein kleines Stück dazu beitragen und öffentlichen Druck aufbauen konnte.

Einige Sendungen gaukeln dem Zuschauer eine Realität vor, die es so nicht gibt („scripted reality“). Ist Fernsehen ein verlogenes Medium?

Kreymeier: Fernsehen ist dann verlogen, wenn es ein falsches Bild vermittelt. Wenn 9Live ehrlich gesagt hätte „Leute, wir sind ein Unternehmen und wollen Ihnen das Geld aus der Tasche ziehen“, dann hätte da keiner angerufen. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen kritisch über den großen Lauschangriff berichten, sich aber über die GEZ finanzieren, die selbst mit Schnüfflermethoden vorgeht, dann ist das auch verlogen. Gegenüber früher ist Fernsehen auf jeden Fall verlogener geworden. Heutzutage bemüht man sich nicht mehr, den intelligenten Zuschauer anzusprechen. Man will den dummen Zuschauer kriegen! Gerade wenn es werbefinanziert ist, da der dumme Zuschauer auch am ehesten auf Werbebotschaften hereinfällt.

Unterscheiden sich öffentlich-rechtliche und private Sender noch?

Kreymeier: Natürlich gibt es Unterschiede. Die Öffentlich-Rechtlichen scheren manchmal ein bisschen aus, wenn sie Formate kopieren, die bei den Privaten längst durch sind. zdf.kultur ist ein wunderbarer Sender, der von den Privaten niemals ins Leben gerufen worden wäre, weil er mit Werbung nicht finanzierbar ist. Da habe ich wirklich das Gefühl, dass der Zuschauer etwas Anspruchsvolles für seine Gebühren bekommt. Aber die Öffentlich-Rechtlichen sind selbst auf Quotenjagd. Das tun sie vor allem, indem sie die Generation der geburtenstarken Jahrgänge bedienen. Da wird eben noch eine Heimatschmonzette gedreht und noch ein Rosamunde-Pilcher-Film produziert, denn damit hat der Sender seine sieben bis acht Millionen Zuschauer. So versuchen sich ARD und ZDF zu legitimieren. Am Ende steht nur das Ziel einer guten Quote, einem guten Marktanteil. Bei den unter 40jährigen liegt der Marktanteil von ARD und ZDF aber bloß bei etwa einem Prozent.

Welche Perspektiven sehen Sie für das Medium Fernsehen? Welche Rolle hat das Internet dabei?

Kreymeier: Internet und Fernsehen werden zusammenwachsen. Junge Zuschauer sagen mir immer wieder, dass sie gar keinen Fernseher haben und Sendungen nur noch online am Bildschirm ansehen. Entweder als Livestream oder über die Mediatheken. Abgesehen von Live-Sendungen wird es irgendwann kein klassisches Programmschema für jeden Tag mehr geben, sondern eine Bandbreite an Sendungen, die jeder nach Wunsch abrufen kann. Das ist das Fernsehen von morgen. Fernsehen wird es zwar weiterhin geben, aber in einer interaktiveren und zielgruppenspezifischeren Form. Höherwertige Inhalte werden nur noch kostenpflichtig verfügbar sein. RTL und Sat1 bieten ihre HD-Sender bereits heute nur noch gegen Gebühr an. Große Produktionen sind mit Werbung alleine nicht mehr finanzierbar, weil sich die Wirtschaft anderen Werbeformen zuwendet. Langfristig werden wahrscheinlich nur noch die Sendungen auf Doku-Soap- und Daily-Soap-Niveau kostenlos sein.

Wagen sie eine Prognose, welche ‚klassischen’ Formate in der Zukunft erfolgreich sein können, beispielsweise „Wetten dass“?

Kreymeier: Wenn das ZDF Jörg Pilawa doch noch zum Moderator macht, ist die Sendung nach zwei Jahren tot. Denn „Wetten dass“ braucht nicht nur einen Moderator, sondern einen Entertainer. Falls das ZDF Hape Kerkeling bekommt, hat die Sendung eine gute Chance. Der wäre der richtige. Er könnte sogar eine Erfrischung im Vergleich zu Gottschalk sein. Die Show an sich ist toll und die einzige in Deutschland, in der noch Weltstars auftreten. Wäre schade, wenn es „Wetten dass“ nicht mehr gäbe.

Was können Sie den vielen Leuten raten, die sich jeden Tag vom Fernsehen berieseln lassen?

Kreymeier: Schalten Sie mal wieder ab!

 
 

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