"Bis zum Ende der Welt" ist das Glanzstück der Toleranzwoche

Maria (Christiane Hörbiger) ist vom jungen Bero (Samy Abdel Fattah) ganz verzaubert.
Maria (Christiane Hörbiger) ist vom jungen Bero (Samy Abdel Fattah) ganz verzaubert.
Foto: Georges Pauly/ ARD degeto
Ein starkes Drama zeigt die ARD in ihrer Toleranz-Themenwoche. Es zeigt Christiane Hörbiger als einsame, alte Frau in einem sozialen Brennpunkt, die plötzlich Interesse für die Welt der Roma zeigt – und umgekehrt. "Bis zum Ende der Welt" heißt das Glanzstück des ARD-Projektes.

Essen.. Wenn Frau Nikolai einkaufen geht, dreht sie das Türschloss zweimal auf, entfernt die Sicherungskette, befreit einen mächtigen Riegel aus der Halterung und man ahnt: Dies ist kein leichtes Leben, das Frau Nikolai da führt.

Dann bahnt sie sich einen Weg durch das Treppenhaus, den Mantel streng bis zum Hals geknöpft, das Gesicht zur Maske versteinert, die Angst fast greifbar vor den vielen Fremden, die sich da streiten, schubsen, prügeln, und man weiß: Frau Nikolai hat kein Zuhause mehr, sie überlebt an einer Front. Hier die Alteingesessenen, auf der anderen Seite die Zugereisten.

Und wenn es sich bei diesen Zugereisten auch noch um Roma handelt, denkt man sich: Das lässt sich doch gar nicht verarbeiten, dieser komplexe Konflikt in knappen 90 Minuten auf dem Bildschirm, und man ist erstaunt, welch Glanzlicht dieser Film „Bis zum Ende der Welt“ (ARD, 20.15 Uhr) der Toleranz-Themenwoche im Ersten doch aufsetzt.

Nichts wird unterschlagen

Denn nichts wird unterschlagen in diesem Sozialdrama, und romantisch überpinselt wird auch nichts. Da muss man nämlich erst mal mit fertig werden, wenn sich das Zuhause in einen sozialen Brennpunkt verwandelt hat und man fast die einzige Deutsche im Viertel ist. Vor allem die riesige Roma-Familie jagt Frau Nikolai Angst und Schrecken ein. Sie traut sich gar nicht mehr vor die Tür, die alte Frau, und als ein junger Roma ihr was zuruft auf der Straße, gar hinter ihr herläuft, flüchtet sie atemlos in die eigenen vier Wände.

Doch Bero, der Teenager, wollte Frau Nikolai gar nicht belästigen. Er wollte ihr nur die Geldbörse wieder geben, die sie vor der Haustür verloren hatte, und aus dieser zufälligen Begegnung schöpft die Geschichte eine mächtige Dynamik.

Man kommt sich nämlich näher, die alte Frau und der junge Rom. Frau Nikolai war einst Musikerin, und Bero entpuppt sich als begnadetes Talent auf dem Akkordeon. Hier schwingt sich der Film zu einer weiteren Dimension auf, zu einer Ode an die Macht der Musik, die Menschen verbindet, das Elend vergessen lässt, Flügel verleiht. Natürlich gibt es ein paar dramatische Kniffe, eine Krise plus Katharsis, doch letztlich haben alle viel gelernt bei diesem Frontbericht, voneinander, übereinander, miteinander.

Hörbiger spielt ganz wunderbar

Christiane Hörbiger spielt sie ganz wunderbar, die alte Frau Nikolai, sehr streng und sehr zurückgenommen, allein die Mundwinkel signalisieren die Turbulenzen in ihrem Herzen. Samy Abdel-Fattah ist ein großartiger Bero, der zarte Musiker. Die Roma-Gemeinde von Hamburg-Wilhelmsburg wird beim Wohnen, Malochen, Essen, Leben gezeigt, oft nicht einmal synchronisiert und auch deshalb so glaubhaft.

Ein großer Film, weil er zeigt, dass das Wort Toleranz von „tolerare“, also „erdulden“ kommt, und rein gar nichts mit „toll finden“ zu tun hat. Und dass der Weg von der Toleranz zur Akzeptanz ein weiter ist, aber immer mit einem Schritt beginnt: Dass man sich kennenlernt.

 
 

EURE FAVORITEN