Ist Deutschland nun Beethoven oder Burka? So stritten sich die Gäste bei „Maischberger“ über Leitkultur

„Beethoven oder Burka – Braucht Deutschland eine Leitkultur?“ – Über diese Frage diskutierte Sandra Maischberger (r.) unter anderem mit der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) und der Publizistin Birgit Kelle (v. l.).
„Beethoven oder Burka – Braucht Deutschland eine Leitkultur?“ – Über diese Frage diskutierte Sandra Maischberger (r.) unter anderem mit der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) und der Publizistin Birgit Kelle (v. l.).
Foto: Melanie Grande / WDR
Das Papier über eine deutsche Leitkultur von Thomas de Maizière sorgt für Diskussionen. Auch bei „Maischberger“ ging es hitzig zu.

Berlin.  „Wir sind nicht Burka“: Mit seinem Papier zur deutschen Leitkultur, das Thomas de Maizière vor zwei Wochen in der „Bild“ als Gastbeitrag veröffentlichte, hat der Innenminister im Bundestagswahlkampf einen Gang höher geschaltet. Seine zehn Thesen sind umstritten.

Richten sie sich tatsächlich an die Geflüchteten und die vermeintlich Integrationsunwilligen? Oder soll vielmehr der besorgte deutsche Bürger abgeholt und vom Kreuzchen bei der AfD abgehalten werden?

Grund genug für die Gäste von Sandra Maischberger, das Thema unter dem Titel „Beethoven oder Burka — Braucht Deutschland eine Leitkultur?“ zu diskutieren. Tatsächlich wurde recht unterhaltsam debattiert zwischen dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der Publizistin Birgit Kelle, der frisch gebackenen Staatssekretärin in Berlin, Sawsan Chebli (SPD), dem Stern-Journalisten Hans-Ulrich Jörges sowie der Schauspielerin Motsi Mabuse.

Der beste Leitkulturhammel des Abends

Jeder Leitkultur-Debatte ihre Eva Herman: Das dachte sich wohl auch die „Maischberger“-Redaktion – und lud mit Birgit Kelle die Eva Herman der 2010er-Jahre ein. Als Publizistin schreibt Kelle für so sympathische Blätter wie die als Sprachrohr der Neuen Rechten geltenden Wochenzeitung „Junge Freiheit“ oder das Onlinemagazin des Kopp Verlags, der sich auf die Fachbereiche Rechtsesoterik, Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorie spezialisiert hat.

Einem größerem Publikum ist Kelle vor allem durch ihren bei „The European“ erschienenen Artikel „Dann mach doch die Bluse zu“ bekannt geworden. Die Diffamierung der Opfer sexueller Übergriffe erschien später auch in Buchform. Seither geistert die Journalistin durch die Talkshows und wiederholt wie eine gebrochene Schallplatte ihre Thesen: gegen den Genderwahn, für einen „femininen Feminismus“, für Assimilation statt Integration und natürlich für mehr Leitkultur.

Denn: „Die Diskussion über Leitkultur ist überfällig.“ Sie sehe das ja in ihrer Heimat in NRW: Überall entstünden Parallelgesellschaften und No-Go-Areas. Und diese Migranten, die Frauen nicht die Hand gäben, ja, das sei mit Feminismus (der offenbar unverzichtbar zur deutschen Leitkultur gehört) wirklich nicht zu vereinbaren. „Wir müssen über Leitkultur reden dürfen.“

Sympathieträger des Abends

Die Rolle der Sympathieträger übernehmen die junge Staatssekretärin aus Berlin, Sawsan Chebli (SPD), die natürlich bei Maischberger sitzen darf, weil sie palästinensische Wurzeln hat und gläubige Muslimin ist, und der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der sich immer so schön eloquent aufregt.

De Maizière hält Jörges vor, sich für den Wahlkampf profilieren zu wollen. Mit keinem Wort stehe in dessen Thesen, dass eine Hasswelle die soziale Netzwerke überrolle, in denen aufs Übelste rassistisch und islamophob gepöbelt werde, verfasst mehrheitlich von Deutschen: „Immer der gleiche Flachsinn.”

Nicht ganz so konsequent lehnt Chebli die Diskussion über Integration ab. Es gebe Probleme, die müsse man ansprechen, jedoch sei man viel weiter, als de Maizière es mit seinen Thesen vermuten lasse. „Was ich de Maizière vorwerfe ist, dass er genau weiß, was sich in den Köpfen vieler Menschen abspielt, wenn sie das Wort Burka hören. Er missbraucht dieses Schlagwort für bewusste Stimmungsmache.“

Herrmann und das N-Wort

Aus der Nummer kommt Bayerns Innenminister Herrmann nicht mehr raus. Hatte er es doch als Kompliment gemeint, als er den Sänger Roberto Blanco im September 2015 einen „wunderbaren Neger“ nannte. Bei Maischberger musste er am Mittwoch nochmal wiederholen, dass er dieses Wort persönlich nicht (mehr) verwende und dass er es auch nicht gutheiße, wenn irgendwelche bayerischen Prolls in der Kneipe grölten; ebendiese gehörten nicht hier her.

Maischbergers stärkster Moment des Abends

Der folgte direkt im Anschluss, als sie Roberto Blanco als heimliches Ehrenmitglied der CSU bezeichnete. Das stand nicht auf den Moderationskarten und war ein willkommener Konter gegen Herrmann.

Verschleierndste Formulierung des Abends

Wenn Birgit Kelle sagt, sie erwarte von Migranten, dass sie die deutsche Kultur „positiv begleiten“, klingt sie wie eine Sozialpädagogin. Positiv begleiten ist in Kelles Augen jedoch Assimilation. Darauf lässt sich mit Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges nur mit Inbrunst kontern: „Ich möchte aber nicht in Ur-Germanien leben!“

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