„Hartz und herzlich“ auf RTL2: Deshalb ist die Sendung aus dem Blockmacherring in Rostock nur schwer zu ertragen

Impressionen aus dem Rostocker Stadtteil Groß Klein.
Impressionen aus dem Rostocker Stadtteil Groß Klein.
Foto: imago stock&people / imago/Bildwerk
  • Die RTL II-Serie „Hartz und herzlich“ stellt Bewohner aus dem Rostocker Blockmacherring vor
  • Einige haben Probleme, ihren Alltag zu bewälltigen
  • Der Zuschauer bekommt stark vermüllte Wohnungen zu sehen

Rostock.  Die RTL II-Dokureihe „Hartz und herzlich“ stand von Beginn an in der Kritik. Das dürfte nach der ersten von drei neuen Folgen nicht anders sein. Im Fokus diesmal: die Bewohner der berüchtigten Hochhaussiedlung Blockmacherring in Rostock. Und auch die werden von den Machern nicht gerade schmeichelhaft in Szene gesetzt.

„Asiblock“, „Katastrophenblock“, „Endstation“: So nennen die Bewohner selbst ihr Zuhause. Ursprünglich wurde das Plattenbauensemble für DDR-Hafenarbeiter errichtet. Nach der Wende zogen viele weg, heute leben vor allem sozial schwache Familien in den Wohnungen.

Unerträgliche Bilder von stark verschmutzter Wohnung

Neben einer siebenköpfigen Familie werden alleinerziehende Mütter und ein Ex-Häftling vorgestellt. Besonders in Erinnerung dürfte das Pärchen Martin (30) und Manja (45) bleiben, er Hartz-IV-Empfänger, sie Bezieherin von Erwerbsunfähigkeitsrente.

Wir lernen: Da, wo das Elend am größten ist, wird der RTL II-Finger am tiefsten in die Wunde gedrückt. Wieder und wieder. „Aufstehen, rumsitzen, nix tun“ – mit dem Zitat wird Manja eingeführt. Der Kameraschwenk in die gemeinsame Wohnung zeigt sofort: Hier handelt es sich nicht um Menschen, die keinen Bock haben, zu putzen. Die Frau und ihr Lebensgefährte hausen nicht zwischen Katzenkot, Insektenhorden und vergammelten Schnapsflaschen, weil sie faul sind – sie haben offensichtlich ernste Probleme, ihren Alltag zu bewältigen.

Der dreifachen Mutter wurde die jüngste Tochter (16) vom Jugendamt weggenommen. Wie es ihr wohl in der Schule ergehen wird, wenn ihre Mitschüler zur besten Sendezeit sehen, in welches Licht ihre Mutter gerückt wird, möchte man sich lieber nicht ausmalen.

Fäkalien in Großaufnahme

Wenig später wird erklärt, dass die 45-Jährige an Multipler Sklerose erkrankt und bereits auf einem Auge blind ist. Sie sitzt im Rollstuhl. Drei der vier Zimmer sind unbewohnbar. Großaufnahme mutmaßlicher Fäkalien in und an der Toilette.

Szenenwechsel: Auch die fünffache Mutter Sandra – teilweise untertitelt, weil man sie kaum verstehen kann – hat große Probleme im Alltag. Ihre Kinder leben an mehreren Tagen pro Woche in einer betreuten Wohngruppe. Eine Problematik, die sich wie ein roter Faden durch die Sendung zieht: Drei Protagonisten haben Kinder, die sich in der Obhut von Jugendamt oder Pflegefamilien befinden, weil sie nicht dazu in der Lage sind, sich zu kümmern. Einige haben häusliche Gewalt erfahren. Und wenn sich die 34-jährige Langzeitarbeitslose dann plötzlich wünscht, dass bei ihr alles bloß ein bisschen mehr so sein müsste wie bei der Kelly Family, ist das vor allem eins: Sehr traurig.

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Am Monatsanfang klagen Martin und Manja über Hunger. Bei einem Blick in die Schränke wird klar: Das Paar hat offenbar wirklich gar nichts Essbares zuhause. Dabei müsse man essen, erklärt der 30-Jährige. Besonders Manja, die Medikamente nimmt. Dazu zeigt RTL II immer wieder die Zigaretten des Paares in Großaufnahme – vermutlich, um den Zuschauerzorn zu entfachen. Nach dem Motto: Nichts zu essen im Haus, aber rauchen!

Nachdem endlich Geld auf dem Konto des Paares eingetroffen ist, folgt der Gang zum Discounter, weil die beiden tagelang nichts zu sich genommen haben. Es gab eben nur: Zigaretten. So ist es auch kein Zufall, dass immer wieder die Kamera drauf hält, wenn der 13-jährige Nachbarsjunge Manja nach ihren Raucherfingern fragt – und ihr den Tipp gibt, die Nikotinverfärbung mit Essigwasser zu entfernen.

Schilderung verstörender sexueller Vorlieben

Die unangebrachte komödiantische Musikuntermalung, während Martin seine schwerbehinderte Freundin im Rollstuhl durch die Straßen schiebt, lässt das Paar wie Witzfiguren aussehen. So auch die Schilderungen ihrer sexuellen Erfahrungen, von denen Manja ohne Hose im Rollstuhl sitzend, erzählt. Dazu detailreiche Beschreibung von Martins verstörenden sexuellen Vorlieben. Muss man das wirklich zeigen?

„Ob du nun heute arbeiten gehst, da brauchst du schon drei, vier Jobs, um dich über Wasser zu halten – und dann reicht das immer noch nicht“, wird schließlich kontextlos ein Zitat der beeinträchtigten Frau eingespielt. Wasser auf den Mühlen derjenigen, die sich die Serie anschauen, um anschließend gegen den berühmt-berüchtigten Sozialschmarotzer zu hetzen. (raer)

 
 

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