Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder

„Unten schuften, oben kassieren - sieht so unser Jobwunder aus?“ fragte Anne Will ihre Gäste.
„Unten schuften, oben kassieren - sieht so unser Jobwunder aus?“ fragte Anne Will ihre Gäste.
Foto: Getty
Am deutschen Arbeitsmarkt läuft es gut, es gibt mehr Jobs als je zuvor. Dass die Drogerie-Kette Schlecker schließt, will nicht so recht ins Bild passen. Oder doch? Bei Anne Will diskutieren unter anderem Michael Hüther, Oswald Metzger und eine Betriebsrätin von Schlecker, wie es zu der Pleite kommen konnte. Zeigt die Insolvenz, dass das „System Schlecker“ mit seinen Niedriglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen am Ende ist?

Essen.. Der Drogerie-Riese Schlecker hat vor einigen Tagen Insolvenz angemeldet, 32.000 Mitarbeiter bangen nun um ihre Jobs. Doch die sind meist schlecht bezahlt, Teilzeitstellen, Zeitarbeit, viele davon auf 400-Euro Basis. Trotz Jobwunder sind es vor allem Stellen wie diese, die unter die Räder geraten. „Unten schuften, oben kassieren - sieht so unser Jobwunder aus?“ fragte Anne Will ihre Gäste.

Eine große volkswirtschaftliche Betrachtung von Ungleichheit, sich öffnender Lohnschere und dem ewigen Gegensatz von Arbeit und Kapital hatte sich die Moderatorin wohl erhofft – doch herausgekommen ist vor allem eines: Jeder, der die 75 Minuten vor dem Fernseher verbracht hat, weiß nun, woran die Unternehmensstrategie Anton Schleckers, wirtschaftstheoretisch betrachtet, gescheitert ist.

Auch die Betriebsrätin kann wenig Gutes an Schlecker finden

Mona Frias, die seit 1995 für den Drogisten arbeitet und in 16 Jahren als Betriebsrätin vieles von dem mitgemacht hat, was den Ruf ihres Arbeitgebers so nachhaltig ruiniert hat, wird als erstes in der Sendung präsentiert. Von der Insolvenz hat sie, wie auch die anderen Mitarbeiter, aus den Medien erfahren. Ein Verhalten, das typisch ist für die Art und Weise, wie Schlecker mit seinen Angestellten umgeht.

Besondere Zuneigung kann der Konzern aus dem schwäbischen Ehingen von seiner Berliner Betriebsrätin nicht erwarten. Der Kampf um die Arbeitsrechte in den kleinen Drogerie-Filialen war zäh, mehrmals die Woche fand sich Frias vor dem Arbeitsgericht wieder – immer ging es ihr darum, „die Kolleginnen“ zu unterstützen. Wie es nun weitergehen soll, weiß keiner so genau.

Alle sprechen vom Jobwunder – doch entstehen vor allem miese „Schleckerjobs“?

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, kann sie beruhigen. Das „Jobwunder“, die konstant steigende Nachfrage nach gut ausgebildeten Angestellten, ist auch im Einzelhandel zu beobachten. Frau Frias wird auch nach Schlecker einen Job finden, so die Botschaft. Doch was für einen?

Im Jonglieren mit den Zahlen kommen sowohl Busch-Petersen als auch Anne Will durcheinander, kein Wunder. Doch bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 7,3 Prozent, 700.000 neuen Jobs, etwa 60.000 davon im Einzelhandel, muss ja wirtschaftlich irgendetwas richtig laufen im Lande – oder sind das alles nur mies vergütete Teilzeitstellen, „Schlecker-Jobs“, wie Will sie nennt?

Die Schlecker-Pleite ist leicht erklärt: Keiner wollte mehr dort einkaufen

Nein, glaubt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, viele dieser Stellen seien „gute“, sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen. Doch um die Frage, welche Jobs gerecht sind und wie sehr sich Arbeit lohnen muss, geht es ihm gar nicht. Der Ökonom und Privatuni-Professor möchte vor allem eines: die Pleite von Schlecker erklären. Diese Insolvenz ist nämlich so einfach, dass man sie auch ohne teure Wirtschaftsvorlesung versteht.

Kaum ein Unternehmen in Deutschland hat einen derart schlechten Ruf wie Schlecker. In Umfragen auf der Straße bringen es die Kunden auf den Punkt: Das Sortiment sei schlampig und unübersichtlich, die Mitarbeiter würden schlecht behandelt, es gebe für sie weder Toilette noch Telefon, dafür Spitzel und Druck von oben. Zudem zeigen Tests, dass die Wettbewerber dm und Rossmann durchweg preisgünstiger sind.

Zeigt die Schlecker-Pleite eine „Moralisierung der Märkte“?

Warum also noch bei Schlecker einkaufen? Herta Däubler-Gmelin (SPD), die bis 2002 Bundesjustizministerin war, kauft vor allem aus einem Grund dort ein: Es gibt bei ihr am Ort gerade nichts anderes. Die Präsenz in der Provinz, die Schlecker zu dem viel belächelten Slogan „For you. Vor Ort“ inspirierte, aber ist zu wenig, um ein derart unbeliebtes Unternehmen am Markt zu halten.

Also einfach Pech gehabt? Genauso sieht das Michael Hüther und nutzt die Gelegenheit, noch ein paar Sätze aus dem Ökonomielehrbuch loszuwerden. Wir alle hätten mit den „Stimmzetteln in unserem Portmonee“ abgestimmt und zwar, weil wir Verbraucher die Unternehmenspolitik von Schlecker einfach nicht mehr akzeptieren – eine „Moralisierung der Märkte“ will er daran ablesen. Eigentlich also ein gute Entwicklung, dass dieses fiese Unternehmen nun die Quittung für sein Verhalten bekommt.

Rutscht Anton Schlecker jetzt auf Hartz 4 durch? Theoretisch kann das passieren

Ganz so herzlos möchte es Oswald Metzger, der die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU vertritt, nicht sehen. Der Unternehmer Anton Schlecker stehe schließlich nun mit seinem Privatvermögen für die Pleite seiner Firma ein. Auch wenn keiner in der Runde, besonders nicht der Journalist und Kabarettist Peter Zudeick, der die obligatorische Stimme des Arbeiterkampfes vertritt, glaubt, dass die Familie Schlecker nun auf Hartz 4 durchrutscht – ein bisschen Respekt für das Privatrisiko des ehrbaren Kaufmanns kann Metzger einfordern.

Gerade kleinere Selbstständige im Einzelhandel tragen ein großes Risiko. Immer wieder komme es dort zu Pleiten, wie auch Verbandsvertreter Busch-Petersen bestätigt. Seit 1999 gibt es jedoch ein neues Insolvenzrecht, das nun auch Schlecker zu Gute kommt. Die zweite Chance, nach dem Scheitern noch einmal aufzustehen, könnte auch der Drogist nutzen – und möglicherweise auch von der Konkurrenz lernen. Denn dass die Kette ein neues Geschäftsmodell braucht, ist nur allzu offensichtlich.

„Wie gerecht empfinden Sie die Gesellschaft?“

Dass eine Pleite so intuitiv verständlich und ökonomisch gut zu erklären ist, macht das Gespräch für alle Beteiligten angenehm. Allein Frau Frias, die sich womöglich bald um einen neuen Job bemühen muss, kann die Begeisterung über das Abstimmungsergebnis der Verbraucher – nicht mehr bei Schlecker einzukaufen – nicht so recht teilen. Während Busch-Petersen, Metzger und Hüther ohne große Kontroversen diskutieren, welche Strategien auf dem Drogerie-Markt Erfolg versprechen oder an die Verbraucher appellieren, den Tante-Emma-Laden mit der individuellen Beratung nicht nur gut zu finden, sondern auch tatsächlich zu besuchen, wird die Schlecker-Betriebsrätin immer stiller.

„Wie gerecht empfinden Sie die Gesellschaft?“ fragt die Moderatorin Frias am Ende der Sendung. Eine große Frage. Ihre Kolleginnen und sie wünschen sich Jobs, von denen sie leben können, antwortet Mona Frias schließlich. Das Aufeinanderprallen von der Realität an der Schlecker-Kasse und einer Wirtschaftstheorie, die stets zu dem Ergebnis kommt, dass die „freie Entscheidung der Verbraucher im Wettbewerb“ (Hüther) zu optimalen Resultaten führt, deutlicher kann man sie eigentlich nicht zeigen. Doch in der Schlussdiskussion hört man den Satz von Frau Frias kaum noch. Da geht es schon um die Chancen und Gefahren durch die Konkurrenz neuer Märkte im Internet.

 
 

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