"Altlasten" - Tatort-Dessert nach den Festtagen

Foto: SWR/Peter A. Schmidt

Essen. Willi Schubert ist in betagtem Alter im Bett gestorben – doch nicht an natürlichen Ursachen. Die Stuttgarter Tatort-Ermittler Lannert und Bootz begeben sich ins Innerste einer Familie und entwirren auf der Suche nach dem Mörder ein Spannungsgeflecht von Liebe und Unabhängigkeit, Alt und Jung.

Wenn die Macher des 750. „Tatorts“ der Episode einen Beipackzettel hinzugefügt hätten, dann enthielte der Bereich „Gegenanzeigen“ eine klare Warnung: Nicht anzuwenden bei familiären Spannungen, weihnachtlichen Belastungsstörungen und festtäglich vorgeschädigtem Nervenkostüm. Denn der ARD-Kriminalklassiker begibt sich mit der Folge „Altlasten“ an den verletzlichsten Ort menschlichen Beziehungsgeflechts: in die Familie.

Opa wird obduziert

Die Schuberts – in der Tochtergeneration heißen sie Martens – müssten eigentlich erschüttert sein. Gerade erst hat das Schicksal zugeschlagen und ihnen den Mann, den Vater, den Großvater geraubt. Doch die Angehörigen leben weiter als gäbe es kein Gestern. Allein Großmutter Brise könnte trauern – aber wenn der Schmerz um ihren Mann sie packen möchte, schlägt sie die Hände vors Gesicht und wird ganz abwesend. Bei der Leichenschau schöpft der Amtsarzt Verdacht, Opa wird obduziert, und weil’s ein Krimi ist, wird der Mediziner fündig: Willi Schubert ist vergiftet worden. Die Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) greifen ein ins berufliche und private Hamsterrad der Angehörigen.

Die Regeln des Genres verlangen einen ganzen Strauß Verdächtiger und eine Vielzahl falscher Fährten, und man bekommt sie alle: eine überlastete Lehrerin, einen karrierehungrigen Anwalt, einen skrupellosen Arzt und einen fahriger Galeristen. Das lässt auch der "Tatort" sich nicht nehmen, er breitet sie aus, die ganze Reihe menschlicher Mordmotive: Streit, Habgier, Stress – und vielleicht auch Liebe. Dazu ein dunkles Geheimnis. Als Zugabe spendiert Drehbuchautorin Katrin Bühlig eine Prise voreiligen Kommissarstriumph und eine alte Weisheit der Verbrechensliteratur: Einer nur ist’s gewesen – doch hätten wir’s alle sein können.

Erwachsener als alle zusammen

Derweil sich die Kriminalisten beharrlich an die Wahrheit heranarbeiten, entfaltet sich das Drama der Familie Schubert/Martens. Zwar fließt kein einziger Tropfen Blut in diesem Stuttgarter „Tatort“, überhaupt gibt es keine Szene körperlicher Gewalt. Das wäre auch leichter zu ertragen. Stattdessen malt Regisseur Eowin Moore ein herzzerreißendes Porträt emotionaler Überforderung. Die Jungen wissen nicht recht, wohin mit den Alten, sind hin- und hergerissen zwischen eigenem Leben und Karriere und der Sorge um ihre Senioren.

Da muss Enkelin Leonie (Stella Kunkat) erwachsener sein, als Onkel, Vater und Mutter zusammen. Die Großmutter indes ringt anrührend um jeden Rest Kontrolle, den ihr der allmähliche Verfall und der Abschied vom Alltag erlauben. Wie sich diese Kämpfe der Brise Schubert im Gesicht ihrer Darstellerin Bibiana Zeller widerspiegeln, wie sie den Nachhall einer großen Liebe abbildet, das ist den Fernsehabend schon wert. Die Spannung wird so fast zum Beiwerk.

„Altlasten“ ist schwere Kost, ein bittersüßes Fernsehdessert nach den Festtagen. Wem schon dieser Aperitif auf den Magen schlägt, dem sei noch verraten: Es ist nicht alles Schmerz und Jammer. Szenen wie die, in denen Ermittler Bootz zum Brettspielduell mit der ungeliebten Schwiegermutter antritt, durchbrechen die Düsternis – sonst wär’s auch gar nicht auszuhalten. Am Ende gibt es einen Täter, wenn auch nicht unbedingt einen Mörder. Und ein klein bisschen wird sogar alles gut.

ARD, 27. Dezember 2009, 20.15 Uhr

 
 

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