AfD guckt bei „Maischberger“ und Co. immer öfter nur zu

AfD-Vizechefin Beatrix von Storch.
AfD-Vizechefin Beatrix von Storch.
Foto: Axel Heimken / dpa
Nach Wochen ist am Mittwoch bei „Maischberger“ die AfD wieder in einer Talkshow. Die Partei ärgert, dass sie im TV wenig gefragt ist.

Berlin.  „Jetzt nehmen die Türken der AfD auch noch die Talkshows weg“, twitterte ein Nutzer süffisant. AfD-Politiker beklagen sich gerade reihenweise, die Partei würde von den TV-Talkshows aktuell stiefmütterlich behandelt. Wenn an diesem Mittwochabend Vize-Chefin Beatrix von Storch bei Maischberger sitzt, ist sie erst der zweite AfD-Gast in diesem Jahr in einer der großen Talkshows. Die Partei wird nicht nur weniger gewählt wie gerade im Saarland, sie wird auch weniger gefragt.

• Wie oft ist die AfD in Talkshows?

Es gibt verschiedene Auswertungen. Die AfD hat die vier großen Talksendungen bei ARD und ZDF in diesem Jahr zu Grunde gelegt – da war von der AfD nur Parteichefin Frauke Petry einmal bei „Hart aber fair“. Diese Zahlen stimmen, sie betrachten aber nur wenige Wochen.

Etwas anders sehen schon Daten des NDR-Medienmagazins „Zapp“ und des SPD-Bundestagabgeordneten Marco Bülow aus, die einen längeren Zeitraum betrachten: Laut „Zapp“ kamen 2016 bis zum November von 244 Parteivertretern in den Polittalks 22 von der AfD, rund neun Prozent.

Und Bülow war erstaunt, nachdem 204 Sendungen „Maischberger“, „Maybrit Illner“, „Anne Will“ und „Hart aber fair“ aus dem Zeitraum Oktober 2015 bis Anfang März 2017 ausgewertet hatte. In 11,3 Prozent der Sendungen saß auch ein AfD-Vertreter. Er hatte mit einem höheren Anteil gerechnet. Bülow: Die AfD „stellt nicht so häufig einen Mitdiskutanten, wie viele es wahrscheinlich angenommen hätten. Allerdings werden sie überwiegend zu Themen eingeladen, bei denen sie deutliche Kritik üben können und in der Offensive sind.“

• Hat sich die AfD erfolgreich beschwert?

Beatrix von Storch unterstellte das gerade in einem Beitrag auf Facebook: Ein Posting der AfD zur geringen Präsenz in Talkshows habe „prompt gewirkt“, kommentiert sie ihre Einladung in die „Maischberger“-Sendung „Brexit stärkt Europa! Nationalisten am Ende?“ an diesem Mittwochabend um 22.45 Uhr. Nur aus der Not heraus sei sie aber offenbar eingeladen worden: „Bei Maischberger hat offensichtlich jemand abgesagt, so dass ich sehr kurzfristig einspringe.“

Unsinn, wenn man bei der WDR-Pressestelle nachhört: „Die Einladung von Frau Storch erfolgte nach dem üblichen redaktionellen Procedere.“ Themen fast aller Polittalk-Sendungen werden jeweils kurzfristig entschieden. „In dem konkreten Fall haben wir nach der Saarland-Wahl am Montag das Thema festgelegt und alle Gäste unmittelbar im Anschluss eingeladen.“ Storch, bereits einmal bei „Maischberger“ zu Gast, ergänzte diese Info am Mittwoch, die Redaktion habe um eine Richtigstellung gebeten. Bei der AfD ist das gängiges Muster: Etwas behaupten, dann zurückrudern.

• Kommt die AfD zu kurz?

„Das wird von der AfD weitgehend unwidersprochen ausgebeutet, damit kann sie sich als Opfer stilisieren“, sagt Medienlinguist Sascha Michel, der an der Universität Basel zu Polit-Talkshows forscht. AfD-Parteichef Jörg Meuthen schrieb gerade von den „vereinigten Totschweigern in Politik und Medien“. Aus der AfD war auch das Wehklagen groß, an der Elefantenrunde nach der Saarland-Wahl nicht teilnehmen zu dürfen.

„Das ist absurd“, so Michel, „eingeladen werden dort nur die Parteien, die im Bundestag vertreten sind. Deshalb war auch die FDP nicht dabei, die CSU aber schon.“ Das wissen natürlich auch die führenden AfD-Politiker, tun aber so, als sei das nicht seit vielen Jahren praktizierter Grundsatz, sondern gezielt gegen die AfD gerichtet.

Die AfD sei insgesamt bisher überrepräsentiert, so Kai Harvez, Professor für Vergleichende Analyse von Mediensystemen und Kommunikationskulturen in Erfurt. Die Analyse von Bülow zeige sogar, dass die AfD nicht nur personell übermäßig vertreten gewesen sei – „sie ist nicht im Bundestag, daher kann sie nicht die gleiche Repräsentanz beanspruchen“. Vor allem seien aber auch die AfD-Themen mit Bezug zu Flüchtlingen in den Talkshows unverhältnismäßig oft vertreten gewesen. Bülow zufolge ging es in jeder dritten Sendung um Flüchtlinge oder Terror.

• Wird die AfD aktuell seltener eingeladen?

Ja. Seit der ersten Jahreshälfte 2016 geht die Präsenz von AfD-Vertretern in Talkshows zurück. Ein Grund: Es geht weniger um „ihre“ Themen in der politischen Öffentlichkeit, seit die Flüchtlingskrise nicht mehr so im Fokus steht. Außerdem basieren Talkshows auf dem Aufbau von Konfrontationen. Und da gibt es mit dem Thema Trump, mit Erdogans Politik und mit dem Wechsel an der SPD-Spitze von Gabriel zu Schulz Themen zuhauf, in denen es ganz ohne AfD-Beteiligung Gegenspieler gibt.

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Havez hat auch festgestellt, dass in den Medien stärker über die Präsenz der Populisten nachgedacht wird. Donald Trumps Erfolg geht maßgeblich auf seine Dauerpräsenz in den Medien zurück, auch mit substanz- und haltlosen Aussagen. Durchgesickert ist ja auch die Strategie der AfD, sie solle „vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken“. Havez mahnte im Januar die Talkshow-Branche: „Wo der substanzielle Beitrag zur politischen Debatte nicht vorhanden ist, müssten gerade öffentlich-rechtliche Medien auch den Mut haben, Nein zu sagen und auch Rechtspopulisten notfalls zu ignorieren.“ Und was sagt der WDR zur Gästeauswahl? „Grundsätzlich fragen wir Gäste an, wenn wir das inhaltlich für geboten halten.“

• Wieso wird die AfD nicht zu anderen Themen eingeladen?

„Das Problem ist bei der AfD hausgemacht“, sagt Medienlinguist Michel. „Wer mit fast ausschließlich einem Thema Stimmung macht, um Stimmen zu bekommen, muss sich am Ende nicht wundern, wenn er nur genau dazu eingeladen wird.“ Zudem: „Wenn die AfD zu einem Thema nichts anderes beizutragen hat als etwa die CDU, ergibt sich kein zwingender Grund, sie einzuladen.“ Havez formuliert es noch deutlicher: „Substanzielle Beiträge der AfD sehe ich nicht. Haben Sie das Programm mal gelesen?“

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