Feldforschung in Sachen Familie

Das fliegende Kind Roland Schimmelpfennig Stücke 2012
Das fliegende Kind Roland Schimmelpfennig Stücke 2012
Foto: NRZ
Bei den 37. Mülheimer „Stücke“-Tagen gastierten die Uraufführungs-Inszenierungen von Martin Heckmanns’ „Vater, Mutter, Geisterbahn“ (Staatsschauspiel Dresden) und von Roland Schimmelpfennigs „Das fliegende Kind“ (Burgtheater Wien)

Mülheim/R.. Vielleicht ist die Sehnsucht von Familien, alles richtig machen zu wollen, das Falscheste, was sie tun können. Richtig ist allemal, dass nie so schwankend war, was denn richtig und falsch ist, wenn es um Vater, Mutter, Kind geht. Und fest steht allemal, dass die Fehler, die in der Familie gemacht werden, bittere Folgen haben können, schwarze Löcher auf Erden. So weit, so unbefriedigend klüger kommt man aus den jüngsten Uraufführungs-Inszenierungen, die bei den „Stücke“-Tagen um den Mülheimer Dramatikerpreis viel Beifall einheimsten.

Vater, Mutter, Geisterbahn

Martin Heckmanns’ Stärke als Dramatiker ist die Schwebe, in der seine Stücke vieles halten, seine Dialoge bohren Fragen in die Welt. In „Vater, Mutter, Geisterbahn“ aber bohren sie nicht ganz so sehr, denn hier besprechen die Eltern Johann und Anne Klein mit ihrem Sohn Otto, wie es kommt, dass sie einander nicht nur fremd, sondern auch gleichgültig wurden. Das Dreier-Kammerspiel nimmt sich aus wie eine rückblickende Trauerarbeit zu therapeutischen Zwecken. Die Mutter ist eine abgebrochene Philosophiestudentin, ihr Mann ein verhinderter Theaterregisseur mit Job im Copyshop. Es kollidieren: ihre Ansprüche an ein selbstbestimmtes Leben und ihre hehren Erziehungsziele, die wie noch zu jeder Zeit nur das Beste für das Kind wollen, mit Geigenspiel und Gummibärchenverbot. Aber solche Dinge wie die Klima­katastrophe und die digitale Revolution funken immer dazwischen

Christoph Fricks Inszenierung des Stücks, das Heckmanns als Hausautor am Dresdner Staatsschauspiel schrieb, setzt mehr auf das Gespenstische als auf den Witz und die Ironie des Textes , das lässt ihn auf der Bühne, mit einem rotierenden Zimmer in der Mitte, stärker wirken als auf Papier.

Das fliegende Kind

Der poetisch klingende Titel von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück pendelt zwischen böser Ironie und naivem Tröstungsversuch. Die Machart ist kunstfertig, der Plot simpel: Eine Mutter flirtet beim Martinszug mit ihrem Geliebten, „der sie daran hindert, lebendig zu verwesen, so sagt sie es am liebsten“. Darüber verliert sie den Sohn aus den Augen, der auf die Straße rennt, weil er das gerade gefundene Matchbox-Auto schon wieder verloren hat und danach suchen will. Da kommt ein dicker schwarzer Wagen ohne Licht vorbei, der den Jungen zu Tode fährt, ohne dass der Fahrer es merkt. Der aber ist – sein eigener Vater, der sich vom Umzug davongestohlen hat, um zum dritten Mal den Regenwald-Vortrag einer verführerischen Brasilianerin zu hören, Träume von einem Rendezvous inklusive.

Das Stück wird mehr erzählt als gespielt, sechs Männer und Frauen, paarweise „um die vierzig, fünfzig und sechzig“, singen, sprechen im Chor, in Echos und einfachen Sätzen die moritatenhafte Geschichte, halb episch, halb antikisch. Eine Tragödie wird trotzdem nicht draus, das Verderben war ja nicht zwangsläufig.

Schimmelpfennig, der auch die Uraufführung am Wiener Burgtheater besorgte, hat zudem mit drei unterirdischen Tunnelbauern, die vom Teilchenbeschleuniger am Schweizer Cern-Institut schwadronieren, einen doppelten Boden eingebaut. Der aber tut nur so als hätten die Schwarzen Löcher von Universum und Atomphysik etwas mit denen der Menschenleben gemeinsam. Der gelegentliche Jubel in der Mülheimer Stadthalle deutete auf einen möglichen Publikums-Preisträger. Favoriten für den Hauptpreis aber sehen anders aus.

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