„Faust“ als Ballett“ – der große Wurf von Dortmund

Michael-Georg Müller
Szene aus Dortmunds „Faust“-Ballett. Dann Wilkinson (Mephisto), Javier Cacheiro Alemán (Der junge Faust) & Corps de Ballet
Szene aus Dortmunds „Faust“-Ballett. Dann Wilkinson (Mephisto), Javier Cacheiro Alemán (Der junge Faust) & Corps de Ballet
Foto: Bettina Stöß
Goethes „Faust“ allein der Sprache des Körpers überlassen? Xin Peng Wangs Tanzprojekt ist geglückt. Dortmund spielt damit in der ersten Liga.

Dortmund. Ein junger Mann mit makellosem Körper und reinen Gesichtszügen steigt durch einen Bilderrahmen, lässt einen alten Mann hinter sich und schwebt suchend über die große Dortmunder Opernbühne. So schön und sinnlich kann Doktor Faust sein. Der durch Zauberei Verjüngte, versteht sich. Zumal, wenn er sich mit Gretchen vereint. Und sich beide, in Unschuldweiß, in einem elegant schmiegsamen Pas-de-deux emporschwingen.

Ein Kubaner ist der Star des Abends

So konkret körperlich begegnet uns der Mythos in „Faust 1 – Gewissen!“ von Xin Peng Wang. Der Choreograf aus China überrascht immer wieder nicht nur mit Literatur-Balletten sondern auch mit jungen Tanzstars, wie jetzt mit seinem jungen Faust: Javier Cachiero Alemán. Der 25-jährige Kubaner war in perfekter Technik und intensivem Ausdruck die Entdeckung des Abends.

Wang wagt sich gerne an Werke der Weltliteratur, wie „Hamlet“ und „Zauberberg“, und verwandelt nun den Ur-Klassiker der Deutschen in einen elektrisierenden, fantasiereichen und dabei jungen Ballettabend. So tanzt sich der Verführer und Zauberer Mephisto (brillant und böse getanzt von Dann Wilkinson) in der Walpurgisnacht seine schwarze Seele aus dem Leib – zu röhrendem Rammstein-Rock „Ich will“. Frenetischer Jubel, fast wie beim Rockkonzert. Ansonsten überwiegen sphärische Sounds, rhythmische Reibungen von Henryk Górecki: Sein sakraler Minimalismus (sensibel gespielt von den Philharmonikern unter Philipp Armbruster) passt exzellent zum mystischen Tanzspektakel, eingetaucht in ebensolche Bilder. Denn der Clou ist mal wieder die Ausstattung. Frank Fellmann (Bühnenbild) nimmt als Metapher für Fausts Wette ein Schachspiel. Und lässt die Figuren häufig auf einem Schachbrett umherirren, sichtbar durch einen Riesen-Barockspiegel, der angeschrägt über der Bühne schwebt. Und wenn Faust das pralle Leben genießt, rasen Börsennachrichten auf einer Anzeigetafel hin und her. Aktientipps tickern vorüber „Daimler kaufen“, „Lufthansa kaufen“. Das moderne Wettbüro verlegt Fellmann also an die Wallstreet.

Schachspiel des Lebens

Wie gefiederte Wesen von einem anderen Stern, in surreal verzierten Gewändern kommen die mythischen Figuren – Engel, die vier Wissenschaften und drei Teufel – über die Rampe. 50 üppige textile Wunderwerke beschert der Star-Kostümbildner Bernd Skodzig, sonst eher in Paris, Bayreuth und Berlin tätig. Die Kosten, 80 000 Euro, spendeten die Ballettfreunde.

Ähnlich wie viele Theaterregisseure heute, so reduziert auch Wang die Geschichte vom Wanderer, Sucher und Spieler und seiner Seelenwette mit Mephisto auf Schlüssel-Szenen. Neben der für Gretchen (lupenreine klassische Ballerina: Barbara Meilo Freire) tödlich endenden Verführung geht es um Mephistos Totentanz mit Marthe Schwerdtlein (Jelena-Ana Stupar), um Erzengel und Mitglieder der Gesellschaft, die wie gesichtslose Schachfiguren sich dem Teufel un­terordnen. Stehende Ovationen für exzellente Tanzartisten und ein modernes Handlungsballett mit Magie und Tiefgang, das nicht nur an NRW-Tanzbühnen seinesgleichen sucht.