Familienidyll mit wenig Wallung

Raiko Küster und Maja Beckmann in David Böschs Inszenierung „Kleiner Mann, was nun?“ Foto: A. Declair
Raiko Küster und Maja Beckmann in David Böschs Inszenierung „Kleiner Mann, was nun?“ Foto: A. Declair
Ein Familienidyll mit wenig Wallung: David Bösch inszeniert Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ am Bochumer Schauspielhaus.

Bochum.. Vor 40 Jahren brachte Peter Zadek am Schauspielhaus „Kleiner Mann, was nun?“ als Nummernrevue heraus – es wurde ein sensationeller Erfolg, der bis heute nachklingt. Ob man das von David Böschs Neuinszenierung des Fallada-Stoffes, die am Sonntag Premiere hatte, in vier Jahrzehnten auch wird sagen können, ist eher unwahrscheinlich.

Hans Falladas 1932 erschienener Roman „Kleiner Mann, was nun?“ erzählt von einer Jungfamilie, die in Zeiten der Wirtschaftskrise nichts weiter als eine Kleinbürgeridylle aufbauen und ein paar Mark mehr am Monatsende will, damit es zum Leben reicht. Das klingt menschlich, aber dramaturgisch gesehen ist es ein gewaltiger Unterschied etwa zu Döblins „Berlin Alexanderplatz“, der nur fünf Jahre zuvor erschien und ebenfalls die Massenarmut zum Thema hatte. Was schon auf die Schwierigkeit hindeutet, die eine Bühnenfassung der Fallada-Prosa mit sich bringt. Jedenfalls, wenn man sie 1:1 als unterhaltsamen Sozialroman erzählten wollte.

Vorwiegend konventionelles Sozialdrama

Dieser Gefahr erliegt der Bochumer Hausregisseur David Bösch natürlich nicht, aber trotzdem sind vier Fünftel der zweieinhalb Schauspielhaus-Stunden konventionelles Sozialdrama. Bösch konzentriert sich auf das Paar Pinneberg und „Lämmchen“, lässt die Zwei Haushaltsbuch führen, sich streiten und kebbeln, aufs Kindchen freuen und vom kleinen Glück in den eigenen vier Wände träumen. Das ist redlich ‘runterinszeniert, aber die soziale Haltlosigkeit, die das Paar dauernd vorgibt, färbt einfach nicht ab – zumal die Frage nach dem „Warum?“ dieser unzureichenden ökonomischen Verhältnissen gar nicht gestellt wird. Fallada war halt kein scharfer Sozialkritiker, eher ein unterhaltsam schreibender Moralist.

Dabei spürt Bösch manche Untiefe, die dem Roman auch inne ist, mit Sinn fürs Bühnenwirksame auf – etwa, indem er Mutter Pinneberg (Henriette Thimig) wie eine abgehalfterte Anita Berber ausstaffiert oder ihren Liebhaber Lachmann bzw. den Kaufhaus-Verkäufer (in beiden Rollen: Nicola Mastroberardino) als durchgeknallte Charge. In solch’ grotesken Einschüben, übrigens eine Bösch-Spezialität, gewinnt der Abend minutenlang an Fahrt, um gleich darauf wieder im sanften Lebenssumpf von Lämmchen und Pinneberg zu verlanden. Maja Beckmann und Raiko Küster lassen sich dabei ganz in ihre Rollen fallen, und gerade „Lämmchen“ hat durchaus auch Momente von Wallung. Doch sofort strahlt die riesige Kugel aus Lampen, Stühlen und anderem Haushaltsgedöns im Bühnenhintergrund wie im Märchenland, wenn Lämmchen und ihr „Junge“ sich gleich darauf wieder knuddeln. Auch wenn die Bühne (Thomas Rupert) wie eine Kohlenhalde ausschaut – hier wird einfach zu wenig Gefühl zu Tage gefördert. Da rettet auch die durcharrangierte Bühnenmusik von Karsten Riedel, die fast wie ein Rock-Soundtrack klingt, nichts mehr. All die Herzlichkeit, dieser unverbrüchliche Glaube an die Familie als Lebensentwurf jenseits der allgemeinen Ökonomisierung, mag einen kurz mit Schauer erfüllen. Und doch geht man nach der Vorstellung ungerührt vom Schicksal der Familie Pinneberg nach Haus.

Zu wenig Drama, Baby!

 
 

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